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Limmat Verlag  Wurzelstudien Eine Metamorphose Anna Ospelt
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Limmat Verlag  Wurzelstudien Eine Metamorphose Anna Ospelt
Kritik

Stoischer Titan

Hamburg

Schmal ist das lyrische Werk von Roland Erb, was daran liegen mag, dass er 1981 nach seinem ersten Gedichtband „Die Stille des Taifuns“ in der DDR ein mehrjähriges Publikationsverbot erhielt. Seither trat er vor allem als Übersetzer, Essayist und Erzähler in Erscheinung sowie als Mitbegründer der Literaturzeitschrift „Ostragehege“. 1995 publizierte er den Lyrikband „Märzenschaf“. 19 Jahre später legt Erb nun mit „Trotz aller feindlichen Nachricht“ seinen neuesten Gedichtband vor. 95 Gedichte, in 6 Kapitel unterteilt, die von eins bis sechs nummeriert dem Buch Struktur geben, ohne dass die Zuordnung zwingenden Kriterien gerecht werden müsste.

Erb, in Thüringen geboren und seit Jahren in Leipzig wohnhaft, erzählt von Geschehnissen und Widerfahrungen im Osten Deutschlands. Zeitlich sind nur wenige Gedichte exakt einordenbar. Das früheste Zeugnis finden wir im Gedicht „Epochen“, als er sich erinnert, dass er als Neunjähriger Spendenmarken verkaufte. Vier Gedichte sind datiert, manche sind geschichtlich verortbar, etwa wenn von den Leipziger Protesten berichtet wird. Viele sind jedoch nicht einem Ereignis vor oder nach der Wende zuordenbar, könnten in beiden Ären entstanden sein. Denn es gab wohl einen Bruch des politischen Systems, aber für den kritischen Dichter beidseits Wirrnis, Zweifeln und Hoffen, nicht den einen Schritt aus der Hölle in ein Paradies und immer das Verlangen nach Schönheit, nach Dichtung, jener leicht geflügelten Luftgeist-Amöbe.

Anschaulich weiß der Lyriker den feindlichen Lebensraum DDR zu beschreiben. Hier ist vieles grau, abstoßend, zerschlissen, das Licht schmierig und trüb, Moder riecht scharf, Blech blinkt fahl, Schlamm ist ölig, die Bahn trübgelb, selbst der Tag kreischt. Der Dichter registriert und sieht in spröder Tragik zu

Mit dem baumelnden Ascheneimer,
wartend auf etwas,
das anders spricht,
während der Wind mir respektlos,
brüderlich rau
Zufallsgestammel um
frostige Schultern schlägt.

Wo Schönheit überdauerte, wurde sie zerstört, eindrucksvoll im Gedicht Deutrichs Hof beschrieben:

Hier, wo der Krieg
ein Trümmerfeld hinterlassen
und allein Deutrichs Hof
fast unbeschädigt zurückblieb
als beharrlicher Rest
in verdorrender Landschaft, sah ich,
wie bei strahlendem Sommerlicht
die stählerne Abrissbirne
immer wieder davor schlug,
das starke Gemäuer brechend
...
Baufreiheit wurde geschaffen,
so nannte man es.
Doch eine Ödnis breitet sich heute,
ein holpriger Platz voller Pfützen ...

Erb berichtet als Zeitzeuge über tägliche Nöte, etwa wenn er in Frankfurt Schuh-Vitrinen neidisch beschnupperte oder mit schlechtem Schuhwerk bei Nieselregen an den Leipziger Demonstrationen teilnahm, und wenn er an die Sprüche der Staatsmänner vom Zusammenwachsen dachte

da war mir ein bisschen
blümerant zumute,
als ich an die Kosten der Zukunft dachte
und meine löchrige Tasche.

Kritisch betrachtet Erb die Segnungen der Wende, etwa im Gedicht „Leipziger Freiheit“ den Umgang mit jener Freiheit, für die er einmal kämpfte:

... Du kannst die alteingesessenen Kaufleute zählen
an den Fingern deiner in Freiheit schwingenden Hand ...
Du kannst dir die Tüten voll stopfen mit Angeboten, Prospekten,
Sommerschluss-Socken, Bestsellern der letzten Saison,
bis deine Wohnung aus allen Nähten platzt.
Du kannst den Touristen im Guck-in-die-Luft-Bus nachstarren, ...
und rätseln, was sie bewundern, wo dir vorm Gaspreis graust
und den Nebenkosten des Lebens bei der Freiheit von Arbeit.

Am Buchumschlag lese ich die Zuschreibung „Komik“, sie bleibt rätselhaft. Die Versehrtheit durch Zurichtungen des DDR-Systems, die bis zum heutigen Tag währt, ist frei von jedweder Komik. Der „Trotz“ im Titel meint wohl auch jenen des wachen Geistes, der beide Systeme kritisch beurteilt. Ganz selten gelingt es ihm sogar, etwa im Gedicht „Märzenschaf“, dem Feindlichen einen Funken Glück abzuringen:

Ich aber ... schlich vor mich hin,
bis ein Sonnenstrahl jäh
herabfuhr vom gedemütigten Himmel,
...
mich bis ins Mark mit Freude versengte
und sofort wieder
verschwand.

Oder im Gedicht „Manchmal ein Nachmittag“:

... Das übliche Ohnmachtsgefühl,
dennoch
manchmal ein Nachmittag,
der sich anfühlt ähnlich
wie Glück.

Und so ist Erb auch ein stoischer Titan:

Es knacken die Knochen, die Haut platzt ihm auf, dem Titanen,
es rasseln die Lungenflügel, doch er steht beharrlich und stoisch,
die Gesichtszüge düster, versteinert!

Roland Erb · Ralph Lindner (Hg.) · Jan Kuhlbrodt (Hg.) · Jayne-Ann Igel (Hg.)
Trotz aller feindlichen Nachricht
poetenladen
2014 · 128 Seiten · 16,80 Euro
ISBN:
978-3-940691-60-6

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