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Kritik

„Bankrott der Zivilisation“

In der Flut der Weltkriegsliteratur sind Romain Rollands Tagebücher der Jahre 1914 bis 1919 eine wohltuende Stimme der Vernunft
Hamburg

Erwartungen basieren bekanntlich auf Erfahrungen. Das war schon 1914 so und erklärt zumindest teilweise die Begeisterung vieler deutscher und europäischer Intellektueller, als die Nachricht vom Beginn des Krieges die Runde machte. Bei schönstem Sommerwetter rechnete man fest damit, dass die Schlachten bis Weihnachten geschlagen sein und die Sieger feststehen würden. Das entsprach dem Erfahrungsraum der Zeitgenossen, der sich auf die europäischen Kriege des 19. Jahrhunderts beschränkte. Der Dreißigjährige Krieg war lange her und man war überzeugt, seither viel dazugelernt zu haben. Zum Beispiel, dass militärische Auseinandersetzungen zwischen Armeen ausgetragen würden, weswegen die Zivilbevölkerungen davon weitgehend unbeschadet blieben. Von kleineren Ausnahmen abgesehen hatte das in den vorangegangenen Jahrzehnten auch ganz gut funktioniert. Über Weltgegenden wie den Balkan oder die Krim, an denen die ‚Zivilisierung‘ des Krieges vorbeigegangen zu sein schien, rümpfte man in der westlichen Welt verächtlich die Nase. Erklären ließen sich derlei Barbareien mit dem semi-zivilisatorischen Entwicklungsstand dieser Regionen.   

Auch wenn der Mythos von der allgemeinen Kriegsbegeisterung im August 1914 von der Forschung mittlerweile relativiert wurde, unter den Intellektuellen und Meinungsführern in Deutschland und Frankreich blickte man den Ereignissen mit einer gewissen Euphorie und jeder Menge Pathos entgegen. Thomas Mann glaubte ein „blutiges Schwert“ am bayerischen Himmel aufziehen zu sehen; und selbst Ernst Toller beschwor die „magische Kraft“ des vaterländischen Kampfes – bevor er sich als Freiwilliger die Uniform anzog.

Lediglich eine Minderheit unter den Intellektuellen behielt in dieser Situation einen klaren Kopf und sah mit Hellsicht voraus, was sich da über Europa (und der Welt) zusammenbraute. Zu dieser kleinen Gruppe gehörten unter anderem Heinrich Mann, Stefan Zweig und Hermann Hesse, aber auch der französische Autor des „Jean-Christoph“, Romain Rolland. Seine im vergangenen Jahr in der textura-Reihe des C.H. Beck Verlages neu aufgelegten Tagebücher der Jahre 1914 bis 1919 geben davon eindrucksvoll Zeugnis.

Rolland befand sich zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs in der Schweiz, wo er auch die darauffolgenden vier Jahren bleiben sollte. Nach Frankreich zog es ihn allenfalls wegen seiner Mutter; die nationalistische Propaganda, egal von welcher Seite, war ihm ein Gräuel. Dafür wurde er in Frankreich und Deutschland gleichermaßen als Verräter beschimpft. „Ich fühle mich der Geistesverfassung der heutigen Europäer so fern wie der der Europäer des 16. Jahrhunderts“, heißt es an einer Stelle des Tagebuches. „Es ist die gleiche geistige Trunkenheit, die gleiche heldenhafte und beschränkte Überspanntheit, die bewirkt, dass sich die Völker um eines Götzen willen abschlachten, den sie Ehre nennen“. In seinen unsäglichen „Gedanken im Kriege“ stellte Thomas Mann Rolland in die Riege der „Zivilisationsliteraten“ - und rechnete ihn zu den schlimmsten Feinde Deutschlands. Bruder Heinrich wurde dieselbe Ehre zuteil.

Die „Wildheit und [den] Sadismus“ des großen Krieges diagnostizierte Rolland zu einem Zeitpunkt, als sich die meisten seiner Zeitgenossen noch im nationalen Taumel befanden. Ebenso die Tatsache, dass dieser Krieg vor der Zivilbevölkerung nicht länger haltmachte („Man verhaftete Leute jeden Alters, Frauen, Kinder, Greise. Ganze Dörfer wurden abgeführt“). Neben seiner publizistischen Tätigkeit, mit der er unermüdlich gegen den Irrsinn des Völkermordens anschrieb, meldete er sich als Freiwilliger bei der Genfer Kriegsgefangenenauskunftstelle für Zivilpersonen. Mit Informationen aus erster Hand bemüht er sich darum, Gefangene und Vermisste aufzuspüren und, wenn dies möglich war, deren Freilassung zu erwirken. Eine politisch sensible Aufgabe, die ihm tiefe Einblicke in die individuellen Leiden des Krieges erlaubte. Leiden, an denen er, das zeigen unzählige seiner Tagebuchnotizen, mitunter selbst zu verzweifeln drohte, die ihm aber zugleich die Notwendigkeit seines Engagements vor Augen führten. Die Folge waren öffentliche Schmähungen von allen Seiten, die auch dann nicht weniger werden, als ihm 1916 der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde („Eine Französin wirft mir vor, ich sei ein schlechter Franzose. Ein Deutscher wirft mir vor, ich sei ein vom Nationalgefühl verblendeter Franzose. Beide Briefe erreichen mich mit der gleichen Post.“). Das Preisgeld spendete er dem Roten Kreuz.

Obwohl Rolland die Hauptschuld am Krieg Deutschland anlastete, kritisierte er die Waffenstillstandsbedingungen der Alliierten scharf („Allzu widerwärtig ist das Schauspiel, das die Sieger bieten“). Hellsichtig prophezeite er bereits im Juni 1919 den „Zwischenakt zwischen zwei Völkermassakern“, in den man nunmehr eingetreten sei. „Aber wer denkt an das Morgen?“.

In der seit einigen Jahren erscheinenden Flut der Egodokumente aus beziehungsweise über den Ersten Weltkrieg, man denke etwa an die Neuedition von Ernst Jüngers Tagebüchern oder seines Frontberichts „In Stahlgewittern“, sind die Gedanken Romain Rollands über den „Großen Krieg“ eine wohltuende Stimme der Vernunft und Menschlichkeit.

Romain Rolland · Hans Peter Buohler (Hg.)
Über den Gräben
Aus den Tagebüchern 1914-1919
Mit einem Nachwort von Julia Encke
C.H. Beck
2015 · 175 Seiten · 16,95 Euro
ISBN:
978-3-406-68347-3

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