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Kritik

Liebe und andere Katastrophen

Roman Israels Debütroman „Caiman und Drache“ macht Lust auf mehr
Hamburg

Caiman und Drache sind zwei Wellensittiche. Sie leben mit ihrer Besitzerin, der Polin  Marta Malwina Kowalska, in den Zwanziger Jahren in Oberschlesien in dem kleinen Dorf Braschowitz. Damit sind wir auch schon mittendrin in der Geschichte, denn Malwina  liebt nicht nur ihre Vögel, sondern auch die Brüder Karl und Alois, Lois genannt, manchmal abwechselnd, manchmal gleichzeitig und so passiert es regelmäßig, dass sie ihre Verehrer versehentlich mit dem falschen Namen anspricht. Um diese komplizierte Ménage à trois herum schildert Roman Israel das damalige Leben in diesem Dreiländereck zwischen Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei. Es gibt den kleinen Grenzverkehr und die Menschen gehen in den Fabriken oder Handwerksbetrieben im Nachbarland arbeiten.

„Alois hatte sich für eine Lehre im Krnover Fleischwerk entschieden. Verwandte borgten ihm ein Rad, mit dem er werktags die Grenze passierte. Das Foto in seinem Reisepass zeigte ihn im Anzug, selbstbewusst und gescheitelt, wie sich das für einen aufstrebenden jungen Mann seines Alters gehört. Rechts war ein Fenster für das Foto der Ehefrau ausgespart, die es noch nicht gab und die es, so lange sein Bruder lebte, auch nicht geben würde. Marta Malwina Kowalska schrieb Lois manchmal unsichtbar darunter und prüfte, ob ihr langer Name in die Zeilen passte.

Und während die beiden Brüder – zuerst als Jugendliche, später als Erwachsene – um die Gunst des Mädchens mit dem singenden klingenden Namen kämpfen, gerät dieser Landstrich am Rand des Deutschen Reiches unter die Räder der großen Geschichte. Von einer heilen dörflichen Welt kann keine Rede sein. Zwei Bewohner werden ermordet in einem Steinbruch gefunden und der untersuchende Kommissar stirbt an einem Herzinfarkt, ehe er die Verbrechen aufdecken kann. Die Weltwirtschaftskrise lässt die sowieso nicht reiche Gemeinde noch mehr verarmen, der Vater von Karl und Lois wird arbeitslos. Aber wie überall gibt es auch hier skrupellose Menschen, die daraus ihren Vorteil ziehen. Sehr plastisch beschreibt Roman Israel die im Dorf angesehenen Honoratioren, deren Hinterhältigkeit sich hinter einer ehrbaren Fassade versteckt. So wetten Bürgermeister Campehl, Kolonialwarenhändler Appersbach und der stellvertretende Bürgermeister Münch „wen es als nächsten trifft“.

Bürgermeister Campehl gehören große Teile des Dorfes und seiner Umgebung. Seinen riesigen Steinbruch benutzt der Autor, um die zunehmende Zerstörung der Gegend zu symbolisieren:

Campehls Vierseitenhof mit ausgedehnten Stallungen lag im Oberdorf und schmiegte sich an die letzten Reste des ehemaligen steilen Hangs des Hulberges  - wie Sie wissen, gab es keinen Hulberg mehr, sondern an seiner statt nur noch eine tiefe, sich ständig vergrößernde lochartige Wunde.

Auch das Verhältnis der beiden Brüder wird immer löchriger und bald bringt die Eifersucht sie völlig auseinander.

Seinen Zwillingsbruder sah Karl kaum noch, höchstens an Weihnachten oder Geburtstagen, wo sie sich gegenseitig anschwiegen und ausschwiegen.

Der aufkommende Faschismus und der Zweite Weltkrieg beschleunigen und besiegeln die Trennung der beiden. Als Caiman stirbt, weiß der Leser, dass einer der Brüder tot ist. Dass es Karl ist, der nicht mehr in das Dorf zurückkehren wird, verrät der Autor schon vorher, wenn er bei einer (Liebes)begegnung zwischen Malwina und Karl den Leser wissen lässt: Es sollte das letzte Mal sein, dass sie einander sahen.

Mit leichter Hand beschreibt Roman Israel in seinem Roman das Schicksal der Menschen, denen er mit dem oberschlesischen Dialekt dörfliche Authentizität gibt. Das Dorfleben spiegelt die Weltgeschichte wider. Die Bewohner ziehen in den Krieg, versuchen sich zu arrangieren und kämpfen auch immer mit sich selbst. Einige Figuren zeigt der Erzähler in ihrer lächerlichen Aufgeblasenheit. Wie beispielsweise den Ortsgruppenführer der Nazis Rathmann, der sich als Mitglied der Waffen-SS in spe schon mal seine Blutgruppe mit Filzstift auf den Oberarm geschrieben hat.

Der Leser wird von Beginn an von dem Erzähler mitgenommen, der ihn anspricht und ihm fürsorglich das bisher Geschehene noch einmal zusammenfasst:

Sie fragen sich, wie es Lois erging? Ausgerechnet ihm (Sie erinnern sich? Anführer bei Mission Ziegenraub, Ernährer der Elternstörche, Bezwinger von Malwina)…

Auf der letzten Seite werden die Morde doch noch aufgeklärt. Aber der Bösewicht kommt ungeschoren davon, auch Lois und Malwina entscheiden sich zu schweigen.

In diesen Zeiten hatte jeder seine kleinen Geheimnisse. In Braschberg, Braschowitz, oder wie es demnächst heißen würde, sowieso. Das Dorf blieb, was es immer gewesen war, ein Nest am Rande der Welt, in der die Frauen geheimnisvoll und attraktiv, die Männer einsilbig und schrullig waren. Es ist der Ort, der die Menschen zu dem macht, was sie sind, meine ich. Ich muss es wissen.

Nach dem Krieg kommt Braschowitz zu Polen. Malwina und Lois müssen nun polnisch sprechen. So kann ihr Kind nicht anders als Karol heißen.

Roman Israel
Caiman und Drache
luftschacht
2014 · 272 Seiten · 23,20 Euro
ISBN:
978-3-902844-43-9

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