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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Sichten und Schichten von Erlebtem

Hamburg

Dass Erzählen eine Kunst ist, lehrte uns Homer. Roman Marchel hat sie studiert und setzt ein umso feineres Sensorium für Ablauf und Verstrichensein von Erlebtem behutsam ein: Unter seiner Feder erfahren Erinnerungen bei verschiedenen Protagonisten ihre Hinschichtung zu einem elegischen Weitblick. Von verschiedenen Warten verständigen Erwachsen-Seins lässt er seine Heldinnen auf längst Geschehenes zurücksehen oder aus frühreifen Kindheiten ins Leben voraus.

Was Marchels nicht zusammenhängende neun Erzählungen gemeinsam haben, ist die Gegend, in der sie spielen, die Peripherie der Stadt. Gemäß der Biografie des knapp 40-jährigen Autors findet alles im Umland von Graz statt. Aus diesen Ortschaften sehnen sich Menschen, v.a. junge, fort.

Dass man bald warm wird in Marchels Geschichten, ergibt sich dabei weniger aus Umlullung mit schönen Erinnerungen als aus der synthetischen Temperatur, die der Gärprozess des Hinauswollens (oder Draußengewesensein) in heimatlichen Nestern bewirkt. Nicht selten entstehen in dieser Spannung Blitze.

Zweite Konstante von Marchels Erzählungen ist der Fokus auf eine altersgebundene menschliche Beziehung, in einem anderen Lebensalter reflektiert. Mit diesem Ansatz – im Erzählen die Umschichtungsmöglichkeiten der Welt zu erproben – erweist sich der Autor, obwohl man sich an seinen Geschichten auch ganz arglos delektüren mag, als hochgradig narrationsexperimentell.

Schon Marchels vorangegangener Roman, „Kickboxen mit Lu“, lotete aus, welche Tragweite zwischen einer klugen Jugendlichen und einer sterbenden Weisen besteht, die sich miteinander übers Leben unterhalten – eine Konstellation, mit der er die Frage abarbeitete, wieweit Erzählen mit Leben, die Vergangenheit mit der Zukunft und ein warnender Mensch mit einem lernenden anderen in Auseinandersetzung treten kann.

In diesem unter Insidern hoch geschätzten Roman genossen die Zimmernachbarinnen „Lu“ (die junge Frau) und „Tulpe“ (die alte) beide eine Auszeit in der Pension „Zur schönen Gegenwart“. In einem solchen Refugium, sagt Marchels erzählerischer Zeigefinger, findet das Jetzt des erzählerischen Akts statt, das Abspulen des Lebensfadens im Nadelöhr der Vergegenwärtigung, wo das bisher Abgelaufene sich mit dem, worauf es hinauslaufen wird, verbindet.

Die entstehende Naht, so die Botschaft von „Kickboxen mit Lu“, ist eine schmerzliche Narbe.

Es ist ein hoher Anspruch, den der Autor hier stellt: Im Herschichten von Geschehenem Erzählräume zu ermessen. Damit unterscheidet sich Marchels Epik (wie die von Richard Obermayr und Thomas Stangl) vom meisten, was sich heutzutage auf dem belletristischen Marktplatz tummelt: Dort dreht sich alles um eindimensionale Abenteuer von mehr oder weniger AutistInnen, während Marchel Menschenkrisen, die stets

Ortungs- und Relationskrisen sind, von verschiedenen Lebensaltern betrachtet. Von diesem Thema her erinnern die Erzählungen ein wenig an die „Dubliners“ – minus Nostalgie.

Die Sammlung nennt Marchel: „Wir waren da“. Damit sind die Nöte und Verzweiflungen der Kindheit gemeint, ein Repertoire individueller Schuldgefühle, das wir alle kennen; oder spielt er auch an das gleichnamige Lied von den „Orsons“ an...

Einerlei, ob lyrisch-musikalisch oder in klug konstruierten Erzählebenen: Wer sich in diese zum Erinnern ermunternden Erzählungen begibt, kommt über den Genuss der Destillation von schon Durchgemachtem auf den Geschmack von klarender Sicht: Erzähl-Medizin.

Marchels Geschichten bevölkern Menschen aller Lebensalter und beiderlei Geschlechts: Oma, Schwester, Cousin, Freundin oder Nachbar. Der Autor bringt ihr Erlebtes meist aus Ich-Perspektive – manchmal kommt der/die Held/in zu Wort, manchmal eine Nebenfigur –,  die anderen Male in dritter Person oder sogar outriert auktorial: Zwei Männer sitzen im Zug von Wien in die Steiermark, „während <...> Platzregen, Donner und Blitz – von unseren Freunden natürlich unbemerkt – heftig auf Wien niedergingen.“

So arbeitet sich Marchel durch alle Spielarten des erzählerischen Sehens, ohne schulmeisterlich konzeptuell zu werden; im Gegenteil: Die Geschichten aus Großmutters Speisekammer, aus dem Nachbargarten, dem Baumhaus, vom Feuerwehrteich oder dem Vorstoß in den Speckgürtel der großen Stadt lesen sich frisch und munter.

Sein Hauptanliegen hält der Autor bescheidenerweise bedeckt: Das Erwachen eines Bewusstseins für das Bestehen einer Relation jenseits des Mitgemachten, Durchgemachten, Ausgemachten. In Marchels Erzählungen erwacht es den Erlebenden in Krisen, meist schlagartig, wenn auch sozusagen aus der Atmosphäre geblitzt, auf Gewitter mit Donnerwetter folgend. Und wenn so ein Blitz in (fast) jeder Geschichte einschlägt, die Zeitebenen mit einem Aha-Effekt verschweißend, macht er die Agenten der Vergangenheit in einer anderen Gegenwart zu Wissenden, bis sie feststellen: „Das sage ich heute. So denke ich heute.“ „Als wäre alles ein Zeichen gewesen.“ „Unbemerkt hatte die Zukunft zwischen den Stühlen Platz genommen.“

Die Menschen dieser Geschichten, alle sehr eingebettet in ihr Umfeld, sind in genau dieser Hinsicht für sich: im späten Erkennen der Zusammenhänge zwischen Vorher und Nachher, zwischen Fehler und Konsequenz, zwischen Zeichen und Phänomen: „Die Boten aus der Zukunft hatten wir damals natürlich nicht gehört.“

Die gibt es etwa die beiden alten Frauen in „Zwei Schwestern“ die am Lebens­abend wieder zusammen das Elternhaus bewirtschaften; nicht glücklich vereint, doch aufeinander eingespielt. Man nimmt sie als zänkisches Paar wahr, und dennoch handelt es sich um ein Arrangement, in dem zwei völlig konträr abgelaufene Leben wieder unter ein Dach münden: die zeitlebens allein stehende und eine die längste Zeit glücklich verheiratet gewesene Schwester, aus demselben Nest in ganz andere Erfahrungen gestartet. Zwischen beiden wird die Vergangenheit wach, als Feldpostbriefe auftauchen, die einen irreparablen Betrug offenbaren.

In „Der Weiße Hai im Bretterschuppen“ geht es um zwei in Wien studierende junge Männer, die einen Ausflug heim in ihre steirische Kleinstadt unternehmen. Während das Elternhaus des einen intakt blieb, wurde das des anderen nach dem Verkauf abgerissen. Man erfährt gemeinsam die Wunde, die das Bauloch in die Vergangenheit reißt – wenngleich man sich der Stelle ohne Wehmut genähert hat – und füllt sie durch ein Souvenir von „damals“, indem man ein Kinoplakat aus dem Abbruchhaus retten kann. Marchel wäre nicht Marchel, würde er sich mit dem Hai-Bild zufrieden geben: Die Studenten erreichten damit noch einen fremden Buben, der neugierig auf das Poster, ja auf das ganze Lebensabenteuer wird.

Um gleich bei dieser Geschichte zu bleiben: Das verbale Hin und Her zwischen den schlagfertigen Protagonisten Jan und Boris enthält Vertraulichkeiten ihres langen Umgangs miteinander. Dass diese Eh-scho-wissen-Sprache natürlich wirkt, ist eine weitere Kunst Roman Marchels – gemessen an der sonst üblichen Kläglichkeit eines artifiziellen österreichischen Dialekts in heimischen Produktionen, wollen sie auch in Deutschland vermittelbar sein. Es ist daher ärgerlich, dass in der Buchvorstellung von „Wir waren da“ im österreichischen Rundfunk ein mitteldeutscher Sprecher Marchels gelungene Dialoge verständnislos nachrichtensprechergermanisch intonieren durfte.

Obwohl es unter den Handelnden Betrüger- und Mörder/innen gibt: Der Erzähler bleibt stets neutral; eine Haltung, die sich am besten an der Kleinen von „Der Schneemann“ zeigt: Sie zollt ihrem sterbenden Opa, von dem sie nicht wissen kann, dass er sich in seiner Jugend als Rowdy an einem anderen Kind schuldig gemacht hat, kindlich Respekt.

In „Der Roboter und das Mädchen“, Preisträgertext eines Siemens-Literaturwettbewerbs, kommt einer Familie ein weiblicher Teenager abhanden; man weiß nicht, ob man weinen oder lachen soll, als ein Extraterrestrischer die damals Neunjährige Ina entführt, was uns sechs Jahre später ihr Bruder – Leidtragender der Familientragödie, wie er sagt „Hinterbliebener“ – in einem Interview erzählt.

Das Gegenstück zur Eröffnungserzählung der Sammlung ist die Geschichte am Schluss, „About a Girl“. Auch hier versinnbildlicht ein Außerirdischer, wie Pubertierende in ihrer Umgebung als Fremdlinge wirken – nur endet, was beim „Roboter“ fantastisch-skurril wirkt, tragisch-realistisch.

Ich gebe zu, dass ich diese Erzählung zweimal lesen musste, um die Zeitstruktur zu durchblicken. Da Marchel grammatisch auf Vorvergangenheit und Vorzukunft verzichtet, um die leichte Lesbarkeit zu erhalten, muss man die erzähltechnische Raffinesse der tragischen Lebensgeschichte einer mit Fantasie Hochbegabten aus dem Beifang des Handlungsstrangs erschließen. „About a Girl“ ist wie ein Krimi konstruiert, der sich erst beim Herstellen der Chronologie der erzählten Zeit erschließt.

Eine der kürzeren Geschichten und Herz- und Mittelpunkt der Sammlung ist „Et in arcadia ego“: Hier wird sich jemand mitten im Präsens über die Verworrenheit in der Reihenfolge der erinnerten Erlebnisse klar.

Wie besorgte Familienmitglieder umringen den Protagonisten, das Opfer von Hornissenbissen, tatsächlich erlebte Szenen, geträumte und vorgestellte.

Im Schwebezustand des Wachkomas vernebeln sich dem Burschen im Krankenhausbett Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit. Der Held nimmt am Leben seiner Eltern, bevor sie ihn bekommen haben, teil, erinnert sich an glückliche Tage im Familienheim – eine „reiche Gegenwärtigkeit“ – und sogar an Zeiten, die – Marchel stiftet den Leser mit numerischen Eckdaten an, es nachzurechnen – noch gar nicht gewesen sein können. So sagt er von den beiden geliebten, fatalen Bäumen im Garten: „Mir ist, als wären sie für mich da, um mir das Sehen zu erklären.“ Solche Ulmen gibt’s in der Mythologie in den Raben Hugin und Munin, Gedanke und Erinnerung, die ihrem Herrn einflüstern, was sie gesehen haben und ihn zum Allwissenden machen.

Ob die geweitete Sicht Vorteil oder Belastung ist, stellt der Seher-Antiheld der Geschichte kurz vor seinem Tod durch Hornissenbisse in Frage: „Das ist das Problem mit meinem Blick, ich kann die Zeiten nicht auseinander halten, vielleicht auch ein Geschenk.“ – Quod erat demonstrandum

Roman Marchel
WIR WAREN DA
Residenz
2013 · 180 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
9783701716111

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