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Kritik

Weimar, Weimar hopsasa

Gesammelte Lyrik Thüringer Lokalitäten
Hamburg

Kann man lyrisch eine Region thematisieren, ohne in die Nähe von romantisierend-provinzieller Heimatdichtung zu geraten? Eine Lyrik-Anthologie versucht dies am Beispiel Thüringens mit literarischem Anspruch und durchaus namhaften Autorinnen und Autoren – und scheitert.

Fast schien es, als könne das Vorwort zum kürzlich im Wartburg-Verlag erschienenen Lyriksammlung „Thüringen im Licht. Gedichte aus fünfzig Jahren“ meine Bedenken zu solch einem Publikationsprojekt einfach ausräumen. Thüringen, so formulieren die Herausgeber Ron Winkler und Nancy Hünger schließlich einleitend gleich, sei (lediglich – so ergänzte ich für mich beim Lesen) eine Behauptung, eine territoriale Hypothese (wie viele andere auch – fügte ich in Gedanken hinzu), ein Splitterganzes, das – nach jahrhundertelanger Kleinstaaterei und vierzig Jahren Teilung in drei DDR-Bezirke – heute nun mal (per Setzung, Vereinbarung, Konvention) Thüringen heiße; dies aber (wie die Herausgeber entgegen ihrer konstruktivistischen Einstiegsthese und mich irritierend dann noch hinzusetzen) „unbestritten“ (S. 5). Es gäbe vielleicht eindeutig Personen, Wahrzeichen (Mausoleen), Landschaften und kulinarische Eigenheiten, die von solchen, „die zu wissen meinen, was Thüringen ist“ eindeutig als thüringisch verstanden werden. Doch, so sagen die Herausgeber (mich wieder bei meinen Überzeugungen abholend): „Wir wissen es nicht. […] Wir ahnen etwas, ahnen uns in die mögliche Wahrheit voran, aber wir wissen es nicht. […] Denn: Wir sind bei den Dichtern. Die Dichter wissen andere Dinge, wissen Dinge anders.“ (S. 6)

Nein, so schien mir diese Einleitung zu versprechen, diese Lyrik-Anthologie wird kein Reiseführer durchs Thüringer Land sein, kein Flurbuch (ebd.). Stattdessen würden die Dichter und ihre Texte im Blick stehen mit ihren eigentümlich verschlängelten Routen, als Gelegenheit um zu „verfolgen, wie sich die Poesie das Land nimmt“ (ebd.), es anlegt, justiert, verändert ... frei- und festschreibt, es ins Offene vergrößert oder sich darin einwiegt, federnd und opak, konvulsivisch und strikt detailliert, wildernd und ordnend … „auf das wir wach werden im Fokussieren (so ahnen wir).“ (S. 7)

So schienen mir, mich beruhigend, die Herausgeber klar um die Gefahren einer romantisierend-verklärenden Heimat- und Naturlyrik zu wissen und sich offensiv dem Anspruch einer lyrischen Dekonstruktion zu unterstellen. Versprochen, schien mir, eine durchdacht-anspruchsvolle Komposition herausragender deutscher Lyrik aus den letzten fünfzig Jahren mit mehr oder weniger fassbarem Lokalkolorit.

Und wenn man dann die Seite umschlägt und der Blick auf die erste Kapitelüberschrift „Unerklärliches Gehügel“ fällt und man auf den folgenden Seiten Autorennamen liest wie Heinz Czechowski, Günter Kunert oder Thomas Kling und auch der Text heimat von Tom Tritschel mit den Worten einsetzt „schon sträubt sich das maul / und spuckt aus / …“, da glaubt man beinahe, das Buch könne diesen deklarierten oder von mir in das Vorwort hineingedeuteten Anspruch auch einlösen. Aber wenn man dann weiterblättert ins nächste Kapitel und man dort ausschließlich Texte mit Bezug zu Eisenach (Wartburg, Hörselberg) findet und dann im nächsten – kurzen – Kapitel Gedichte mit Bezug zu Gotha liest (unter dem wiederum wunderbaren Kapiteltitel „Das Ende vom Ende ist ein schöner Gedanke“) und dann – im nächsten Kapitel – Texte zu Orten und Landschaften im Unstrut-Hainich-Kreis und dem Eichsfeld entdeckt, dann stellt sich doch so langsam erst Verwunderung und dann Befremden ein.

Versteckt unter poetisch immer wieder anregenden Kapiteltiteln offenbart sich die Konstruktion des Buches als denkbar profan: geordnet sind die über 160 Gedichte nach ihrer GPS-Code! Nicht nur das die Kapitel jeweils separate Thüringer Regionen thematisieren. Auch innerhalb dieser Kapitel kommt die GPS-Sortierung zum Tragen: Gedichte, die dieselben Orte als Anlass fürs Schreiben nehmen (sei es Nordhausen, das Kloster Veßra oder Greiz), stehen jeweils zusammengeordnet.

Das kann man im Sinne einer Vielstimmigkeit der lyrischen Beschreibungen konkreter Orte sicherlich auch als anregend empfinden. Allerdings hatte ich das Vorwort gerade so gelesen, dass eine solche Ausrichtung der Textsammlung an der faktischen, scheinbar objektiven Geographie gerade nicht gewollt war; dass man den Dichtern folgen wollte, nicht den Fern- und Landstraßen. Noch dazu, wo diese Sortierung seltsame Folgen hat, wie die, dass sich im äußerst umfangreichen Weimarkapitel die Altstadt-Texte mit Goethe- und Nietzsche-Haus und Fürstengruft (André Schinkel wunderbar melodiös und melancholisch) dann eben deutlich separieren von den geballten Buchenwald-Gedichten. Klar: Buchenwald liegt auf einem Hügelzug außerhalb der Stadt und wäre nicht der weithin sichtbare Glockenturm, man könnte es fast vergessen beim Klassikerrundgang … aber wieso sollte eine Lyrik-Anthologie dieser geographischen Vorgabe folgen? Warum vermengt sie nicht den (fast nur ironisch ansprechbaren) hochkulturellen Stimulus und die kaum anders als betroffen thematisierbare Auslöschungsinstitution? Warum bricht sie nicht mit dem üblichen Ordnungsprinzip angesichts des Unüblichen?

Aber auch wenn man die GPS-Logik der Text-Sortierung verstanden hat und versuchsweise akzeptiert, dass hier eine Region letztlich bloß additiv als Menge von Orten auf einer Reiseroute vorgestellt und Lyrik – bei allem Gehalt der Einzeltexte – doch nur als Begleitlektüre beim Sightseeing angeboten wird, zeigt sich dies als höchst unbefriedigende Lösung. Denn dann sind plötzlich lokalpatriotische Fragen aufgeworfen, wie z.B.: Wieso bekommt Gotha ein eigenes Kapitel, Jena aber nicht? Wieso werden die protestantischen Gegenden um Mühlhausen mit ihrer Bauernkriegs-Vergangenheit in demselben Kapitel abgehandelt wie das eigenbrödlerisch-katholische Eichsfeld? Wieso gibt es keinen Text zu Suhl (schließlich eine der ehemaligen drei DDR-Bezirkshauptstädte des heutigen Thüringer Landes)? Was ist mit Sonneberg oder Meiningen? Wieso gibt es 38 Texte zu Weimar (inklusive Buchenwald und etwas Ilm Tal) – aber nur 12 Texte zu Erfurt (plus Arnstadt, Bischleben und Vieselbach) und bloß drei Texte zu Gera (dagegen vier Texte im selben Kapitel zu Greiz, Greiz!)? Und wieso eigentlich finden sich nur 19 vorzeigbare Texte zum Thüringer Wald selbst und darunter keiner (falls ich es richtig bemerkt habe) zu Oberhof und zum Inselsberg? Und wieso wird, Achtung Klischee, meine Geburtsstadt Altenburg in dem einzigen Text, der ihr gewidmet ist, wieder nur aufs Skat-Spiel bzw. das bloße Skat-Vokabular reduziert? Wäre der Text nicht von Steffen Mensching (und zudem sein einziger im Band) und wäre ich nicht seit jeher angetan von seinem reduzierten Wortwitz, seinen klaren Beobachtungen und seiner oft auch politischen Doppelbödigkeit, die sich in seiner „Altenburger Elegie“ auf Beste dokumentieren („Revolution war schon / längst nicht mehr erlaubt“), ich wäre womöglich sogar gekränkt.

Das Problem sollte deutlich sein: Wenn man eine Lyrik-Anthologie über Thüringen als Sammlung von Gedichten zu Orten konstruiert, setzt man sich zwangläufig ins Unrecht. Denn selbst das Argument, dass man einfach seriös alles zusammengetragen habe und zu manchen Orten habe es einfach nichts oder nichts von Qualität gegeben und zu anderen – wie Weimar – dagegen ganz viel, taugt höchsten für Archivare und ist weder landsmannschaftlich noch künstlerisch haltbar. Es scheint ein allzu technische Lösung, die zudem fälschlich voraussetzt, Gedichte, die Thüringen thematisieren (es ins Licht setzen, von ihm durchleuchtet sind) müssten dies auch unbedingt textlich als klaren Ortsbezug aufweisen können. So als wäre eine Thüringer-Wald-Erfahrung nur echt (und nachvollziehbar, zuordenbar), wenn sie konkret und spezifisch wird, also den Namen des Waldstücks, des Berges, des Dorfes oder des Flusses benennt, an und mit denen etwas lyrisch Inspirierendes erlebt wurde. Ist das ein sinnvolles Auswahlkriterium für Lyrik über Thüringen oder irgendeinen anderen faktischen oder fiktiven Raum? Sind etwa die typisch mythologisierend-historisierenden Ausweichbewegungen der DDR-Literatur nicht auch voller Regionalbezug … durchs Verfremden, Weglassen, Gerade-nicht-nennen? Überhaupt, was ist einem Gedicht eigentlich der Ort, der Anlass seiner Entstehung?

Natürlich: wenn man diesen Problematisierungen folgt, provozieren sie die Einschätzung, schon die Idee eine thematische Gedichtsammlung über „Thüringen als Region“ (oder auch Regionen, Länder, Staaten überhaupt) vorzulegen, wäre letztlich und grundsätzlich als unmöglich (im doppelten Wortsinn). Und sicherlich, ich habe es eingangs bekannt, diese Skepsis hatte ich im Vorfeld – und sie wurde nicht unbedingt gemindert durch das optisch allzu weiße und von der Haptik her allzu glatte fette Papier. Aber da war ja das Vorwort mit seinem Versprechen der Dekonstruktion und da waren auch die aus ausgewählten Verszeilen bestehenden Kapitelüberschriften und da sind auch – nicht zuletzt – die versammelten Texte selbst, die durchaus immer wieder je für sich anregen und überzeugen in ihrer Mischung von bekannteren und unbekannteren, älteren und jüngeren Autorinnen und Autoren.

Aber die GPS-Code-Systematik verschreckt! Sie widerlegt die dekonstruktivistisch anmutenden Behauptungen im Vorwort: Sie unterhöhlt die spannend-absurde Idee einer nicht, aber doch fassbaren; keinesfalls, aber doch irgendwie abgrenzbaren Thüringer Mentalität. Wie konnten die Herausgeber nur auf die Idee kommen, es würde erkennbar werden, wie sich „die Poesie ein Land nimmt“, wenn man Texte nach Orten sortiert und nicht nach ähnlichen oder sich ergänzenden, einander widerstrebenden Anliegen, Bildern, Fragen, Formen – egal anlässlich welcher Thüringer Lokalität sie ursprünglich mal entstanden sind. Als wäre Thüringen, insbesondere poetisch, als Landkarte abbildbar und nicht – notwendig – wenn dann nur über Spannungen und Differenzen von Stadt und Land, Universalismus und Partikularismus, Natur und Kultur, Verstand und Gefühl, Moderne und Antimoderne? Oder sollten die Leserinnen und Leser genau hier – durch die GPS-Sortierung – verstört und zu einem eigenen, selbstständigen Schmökern und zwischen den Kapiteln hin und her springenden Ergründen frei gelassen werden? Haben sich die Herausgeber etwa bewusst der thematischen Durchdringung und Handreichung verweigert und behandeln die Leserinnen und Leser letztlich auf diese Weise als mündiger, selbstbestimmter und reflexiver, als ich es mir trauen – als ich es für möglich und sinnvoll halten würde? Das würde meiner Kritik wohl die Spitze nehmen und sie zurück – auf mich selbst – werfen.

Aber vielleicht sind Lyrik-Anthologien sowieso immer nur so: Ihr Wert liegt in den versammelten Texten und Autoren, die letztlich unabhängig vom thematischen Rahmen des Gesamtbuches je für sich gelesen werden wollen und müssen. Und in dieser Hinsicht ist der Band ein wahres Who is Who deutscher Lyrik der letzten fünfzig Jahre aus Ost und West: eine anspruchsvolle und vielstimmige Auswahl, die dazu einlädt sich in einzelnen Versen, Beschreibungen und Gedanken zu verlieren, seine Lieblinge zu finden und andere zu überlesen. In dem vorliegenden Fall ist der austauschbare thematische Rahmen, Auswahl- und Publikationsanlass dann eben nun: Irgendwas mit Thüringen.

Ron Winkler · Nancy Hünger (Hg.)
Thüringen im Licht
89 Lyriker und Lyrikerinnen. Sonderband der Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.
Wartburg Verlag Weimar
2015 · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-86160-399-3

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