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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Schluss mit Schmetterling und Untergang

Hamburg

Im Jahr 1963 verfasste Ingeborg Bachmann ihren großen Abgesang auf die Lyrik in Form des Gedichts »Keine Delikatessen«:

Nichts mehr gefällt mir.// Soll ich/ eine Metapher ausstaffieren/ mit einer Mandelblüte?/ Die Syntax kreuzigen/ auf einen Lichteffekt/ Wer wird sich den/ Schädel zerbrechen/ über so überflüssige Dinge –

heißt es dort und in resignativem Tonfall wird die Lyrik diffamiert, als etwas rein handwerklich Gemachtes, Durchschaubares, Künstliches, das dem Jammer und Elend in der Welt nicht gerecht wird. Aus dieser Erkenntnis, wollte die Autorin die für sie einzig folgerichtige Konsequenz ziehen – gar keine Gedichte mehr schreiben.

Was ihr trotz aller theoretischen Überlegungen, warum das Gedicht in dieser Welt keine Daseins­berechtigung mehr hat, nicht gelungen ist. Das Gedicht hat überlebt, ein trauriges Ende hingegen hat Ingeborg Bachmann gefunden.

Genau fünfzig Jahre später verfasst Ron Winkler in seinem neuen und mittlerweile vierten Gedicht­band »Prachtvolle Mitternacht«ebenfalls einen Abgesang, hier aber auf eine ganz bestimmte Art von Lyrik. In dem eröffnenden Langgedicht »Prospekt«heißt es:

nicht mehr teilnehmen. nicht mehr jeden Abend
mit Tesafilm Blüten vor dem Verfall zu retten versuchen.
nicht mehr aufgeschnitten werden
von Müdigkeit oder Wachheit. kein Aroma mehr,
kein Kaddisch, kein Australien. nicht mal keine Tag mehr

vergeuden. keine See mehr zu einem Gewässer machen.
[…]
nicht mehr Buchstaben zu etwas Aufgesplissenem ordnen.
nicht mehr zu Schnee werden
können. wollen. keine Picknicks mehr
in der dünnflüssigen Zeit. oder
wilde Attacken quer durch den Minkowskiraum.
nicht mehr die Nachbarn
der Nachbarn der Nachbarn, die du selbst bist. ebenso
nicht mehr das siebzigste Buch Moses.

Man kommt nicht umhin, hier die Bachmann trapsen zu hören und das Bezugsgeflecht zu anderen Schwanengesängen, das Winkler schon in diesen wenigen Strophen eröffnet, ist enorm: Man denkt zunächst an Celans kurzes, aber umso gewichtigeres Gedicht »Keine Sandkunst mehr«, (»kein Sandbuch, keine Meister.«) Hier umgewandelt in eine Absage, (wenn auch der Hip-Hop-Begriff Diss am besten passen würde), auf die Gedichtbände von Durs Grünbein (»Aroma«), Paulus Böhmer (»Kaddish«), und Jan Wagner (»Australien«).

Und das ist nur ein kleiner Aufschnitt dessen, was sich alles an Anspielungen und Zitaten in einem Winkler-Gedicht verbirgt, in dem man sich oftmals wie in einem überbordenden Gestrüpp gelehrter Verzweigungen ohne Wegweiser gar nicht mehr zurechtzufinden glaubt.

Worauf aber nun der Winklersche Schlussakkord, welches Programm verspricht der Prospekt stattdessen? Es scheint sich um einen Abgesang auf die großen Gesten, das Dichter-Pathos zu handeln. Auf poetische Verklärungen, auf einen prophetischen Sprachgestus. Auf die Finten und Umwege der Auslagerung auf andere, wenn eigentlich das Ich gemeint ist. Einen Abgesang auf Epigonentum und künstlich herbeigerufene Geister, »die Hauseingänge, die in den Dämon führen./ das Schwielentheater östlich von Paul Celan.«

Das Ende der Dichtung als Selbstzerfleischungskunst und Hungerkünstlertum?

Wollte Ingeborg Bachmann die Lyrik hinter sich lassen, weil sie dem Jammertal der Erde als zu Schönes nicht gerecht wird, so will Ron Winkler, scheint es, dass der Dichter endlich das Jammertal der Dichtung hinter sich lässt. Schluss mit Larmoyanz und Neurosen pflegen. Schluss aber auch mit Beschönigung, Idealisierung, Verklärung. Schluss mit den beiden Extremen »nicht mehr das Gedicht zwischen Schmetterling/ und Untergang. nicht mehr das Daktylosschwert.«

Keine Zweischneidigkeiten mehr. Was aber dann?

Auch nicht eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. In Winklers Programm ist das und »eine Rose/ und also mehr als eine Rose/ und also zugleich keine Rose mehr. nicht mehr. und auch: nie/ mehr: nie mehr/ nicht.«Schluss also mit der Dialektik und hoch mit dem Sowohl-als-auch? Die Begriffe sollen zugleich immer mehr und weniger sein, als sie sind. Das große Zugleich. Simultanität und also Chaos. Die Gleichrangigkeit von Belanglosem und Gewichtigem, Historischem und Gegenwärtigem (»Putten und zu Tauben degradierte/ Möwen, diese Gleichzeitigkeit/ war unbezahlbar«). Keine Diskriminierung mehr in Hohes und Niedriges, sondern lyrische Diffusion.

Das erklärt u. a. auch die Vielfalt der lyrischen Sprechgesten im Band: Umgangssprachliches mischt sich mit traditionellem lyrischen Sprechen, Latinismen mit Anglizismen, Technizismen mit sakraler Sprache und antikem Mythos. Subversiver Witz mit Albernheiten. Plattitüden werden zu Weisheiten erhoben und umgekehrt wie z. B. in dem Gedicht »Quisquilien eines Eremiten im Wald«. (Überhaupt scheint die Umkehrung neben dem Neologismus die Lieblingsfigur Winklers zu sein.) Eine besonders gelungene findet sich unter eben jenen Belanglosigkeiten des Walderemiten: »ich bin glücklich. ich lebe/ am Gaumen des Hungers// und nachts schläft mich der Schlaf/ auf/ in das Leben zurück«. Albern wird es wiederum in dem Gedicht »Serenade«,wo es zu Eingang heißt: »ich vergesse oft, dem Waschbecken morgens/ unverzüglich zu trinken zu geben«. Es gibt herrliche Neologismen, wie die »berlusconierten Männer«und dann wieder Schöpfungen, die nicht wirklich Sinn machen: »ich war dein Synchronfremdling«, oder »Restanlegemilch«, aber gut klingen.

Manche Zweizeilersammlungen lesen sich wie: hatte ich noch im Kühlschrank liegen, ergab aber kein ganzes Gericht, wegschmeißen wollte ich es aber auch nicht. Darauf folgen wiederum höchst elaborierte Gedichte mit allen Registern eines poeta doctus im besten Sinne.

Ron Winklers Poetik folgt, wie er selbst einmal in einem Interview sagte, »dem Wunsch, für besonderes Wahrnehmen zu sensibilisieren.«Dieses besondere Wahrnehmen, um das es Winkler geht, hat er in seinem letzten Gedichtband »Frenetische Stille«mit dem schönen Wort »Magrittewirklichkeit«, angelehnt an den surrealistischen Maler René Magritte, wundervoll auf den Punkt gebracht.

Poetische Wirklichkeitswahrnehmung ist immer eine subversive Wahrnehmung. Ihre Aufgabe ist es, die gewohnten Erfahrungs-, Denk- und Lesegewohnheiten zu erschüttern, in dem sie ungewohnte Verbindungen herstellt, um die Synapsen knacken zu lassen, in »Prachtvolle Mitternacht«z. B. der »Fünfzähneplan«eines kleinen Mädchens. Diese Verschiebungen der Blickrichtung, diese schelmischen Dinge ad absurdum führenden Surrealismen zielen zum einen zwar auf die Dekonstruktion der Wirklichkeit, oder besser gesagt der Diffamierung der Wirklichkeit als Konstrukt aus stupid eingeübten, mürbe machenden Wiederholungen oller Strukturen und Gewohnheiten; lässt aber zugleich, wie jede Karikatur, ihren Gegenstand noch klarer umrissen hervor scheinen.

»Schreibe ich«, heißt es in dem schon genannten Gedicht »Quisquilien eines Eremiten im Wald«, »erzeuge ich Unterholz gegen die Wirklichkeit«.

Um aber an den Punkt zu gelangen, an dem man erkennt, »das Schönste steht auf Seiten,/ die zugleich als gerade und ungerade nummeriert/ sind«, muss man wohl, um hier mit Kleist zu sprechen, ein zweites Mal vom Baum der Erkenntnis essen. Bis dahin würde man sich aber auch gerne im Diesseits in den Gedichten zurechtfinden können. Denn hauptsächlich und zumeist herrscht beim Lesen Verwirrung und Ratlosigkeit vor. Will sich das Potpourri nicht zu einem organischen Ganzen fügen. Zugleich aber ist diese Verweigerung natürlich Programm.

So wird man also dieser Dichtung wohl mit keinem anderen Fazit besser gerecht, als eben jenem: Ich habe nichts verstanden.

Wenn die verbrauchten hermeneutischen Greifzangen auf spielerisch, schelmische Art diffamiert sind, bleibt dem Leser nichts anderes übrig, als die Gedichte mit den längst abgelegten weichen Flanellhänden der Kindheit anzupacken. Das wäre dann eine Aufforderung, um nochmals Kleists Text Über das Marionettentheater zu zitieren: »in den Stand der Unschuld zurückzufallen.« Eine Utopie, mit deren Erfüllung aber auch das letzte Kapitel der Welt eingeläutet würde.

Ron Winkler
Prachtvolle Mitternacht
Mit einem Umschlagbild von Jorinde Voigt
Schöffling & Co
2013 · 104 Seiten · 18,95 Euro
ISBN:
978-3-89561-216-9

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