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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Nicht mehr der Heilsgolem der Zwischenräume

Hamburg

"Die guten Leute", sagt der Dichterkollege mit Brecht und schlägt auf den Tisch "erkennt man daran, dass sie besser werden." Und die sehr guten? Ron Winklers fünfter Gedichtband "Prachtvolle Mitternacht" richtet sich an ein Publikum, das zumindest teilweise mit den Vorgängerbänden vertraut ist. Als wolle der Lyriker dies adressieren, zählt er in dem den Band eröffnenden Gedicht "Prospekt" auf, was nicht mehr und nicht wieder geschrieben werden soll. "Nicht mehr jeden Abend Blüten mit Tesafilm vor dem Verfall retten" etwa, auch "nicht mehr das Viertwichtigste atmen", oder "nicht mehr Schlaraffenkondensatoren ins Ungefähre halten". Vielleicht noch "ein bisschen Aufwachraum" oder "eine wiedergefundene Stelle". Aber auf keinen Fall noch einmal "See zu Gewässer machen". Es fehlt der Vorsatz "nicht mehr so viele Technikmetaphern" – jedenfalls in Hinblick auf dessen gelungene und überraschende Einlösung im Gedichtband. Von dem Gedicht bleibt aber ohnehin weniger die Geste der Verweigerung haften, etwa eine Halde abgeräumter Vorbilder, poetischer Verfahren und Konzepte, sondern eher die überbordende Metaphorik, die Lust am Surrealen und Absurden, die Leichtigkeit, sogar Unbekümmertheit, mit der Neologismen neben literarischen Verweisen platziert werden. Der Text ist wirklich programmatisch, aber beinah mehr durch seine Machart, als durch den angekündigten Abschied von einer Anzahl unbekannter, bekannter (wenn auch noch nie so beschriebener) Ausdrucksweisen und Sprechhaltungen. Er gibt einen guten Ausblick darauf, was den Leser dieses Gedichtbands erwartet.


auch die Blumen. ich ernähre mich über sie
hinweg. es gibt noch andere Pflanzen, winzige
mit orkanartigen Farben, aber auch seltsam
geformte Stammwesen groß wie zehn Ichs – solche
jedenfalls ohne Fell.

ich glaube erachten zu können, dass Erde aus ihnen wächst.
sie bildet
einen planetoiden Huf.
das erlaubt mir, mich von Moll zu Moll fortzubewegen,
ohne mich dabei immer gleich hören zu müssen.

Das Gedicht "Gedanken einer Nutzfarnvertilgerin" ist eine der zahlreichen Metamorphosen, die das lyrische Ich im ersten Kapitel, Capricen, eingeht. Es exerziert auf lakonische und unterhaltsame Weise, wie das neugierige, zwanghaft sprachverliebte Chamäleon Entfremdung, Fragmentierung und erneute Synthese betreibt, sich die Perspektive und Stimme des Weidewesens zu eigen macht und es surreale Sätze sprechen lässt. Diese überzeugen gerade deswegen, weil die Metaphorik überwiegend im Kontext der Weide verbleibt. Einer Weide allerdings, auf der sprachliche "Blüten … aus dem Profanen streben" (so der Autor einmal über seine Metaphorik). Das fasziniert beim Lesen, obwohl man im gleichen Kapitel schon "Herr über die zwölfte Jurte" war, "Bibliothekarin" und "Pilot bei eingeschaltetem Autopilot", mit der Besatzung der Kursk im U-Boot eingeschlossen war und sich schließlich glücklich als Eremit im Wald ausruhen kann. Die Freude an wechselnden Rollen und überbordender Metaphorik entspricht der Tendenz dieser Gedichte, das Ich und seinen Gegenstand zu entgrenzen, ihre Entgrenzung sprachlich weiterzutreiben, sie miteinander und mit skurrilen Einzelheiten und Beobachtungen zu vermischen und einfallsreich in surreale Gebilde zu verwandeln. Dass diese Gebilde aus Welt, Sprecher und Sprache, Luft-, Ideen-, und Gedankensprüngen überzeugen, verdankt sich einem Autor, der weiß, wie er die teils verwandten, teils disparaten Bestandteile zu einem lebendigen Ganzen verbinden kann, ohne dass es kollabiert. Obwohl einige Texte dieser Gefahr, ihrer Überfülle wegen, passagenweise erliegen.

Die Städte- und Landschaftsgedichte im Kapitel das Jahr zwei lösen Grenzen zwischen Ich und Umgebung auf, von denen man erst durch die Lektüre erfährt, dass es sie gab; mal wird das Ich zum Bestandteil der Landschaft, mal die Landschaft dem Ich einverleibt.

AN DER ELBE, BEINAH


während ich halbwegs wirklich schwamm, war das
       ein fließendes, wirklich
schönes falsches Klettern. das mich durchströmte
       wie Erlkönigwetter
und meine Ellenbogen zu Elbbögen machte. und die Ufer
       die Strände, zu sich nur einmal berührenden Händen.

Oder, im gleichen Kapitel:

VENEZIANISCHE ABLEITUNG


ich war so schnell die Lagune: Euphrat und Tigris
für die, die versuchen,
mit den Stirnen die Mitternachtsflut zu ernten,
nach der Helligkeit
eines auf Bitgröße reduzierten Tags.

Das Aufheben von Grenzen zwischen Personen und einer Umgebung, der sich das "Ich" mit hellwachem Bewusstsein einschreibt, bezieht im letzten Kapitel noch eine weitere Person ein. Dieses Kapitel, Hyazyntheme, enthält Liebesgedichte, von denen einige in Venedig – ist es Venedig, oder eher ein Traum davon – spielen. Die Selbstwahrnehmung, der Blick auf die Stadt verschmelzen hier mit einem Blick auf ein geliebtes, nahes "Du". Das Ergebnis ist auf schöne Weise ver- und entrückt, überbordend und schönheitsverliebt, wie Venedig selber ("Venezia non finito"). In diesem Kapitel findet sich eins der für mich schönsten Gedichte des Bandes:

SPÄTES BLAU MIT SEEGRAS

ich bändigte schnell noch einen Stein. --- den die Sonne
und den das Wasser. --- letztlich würden wir die
Urstromkörper --- sein. beim Abgang
vor die Milde. die Gischt --- so fleischig weiß --- die war
fast hoher Schlaf. schlief Blasen. --- jede drei, vielleicht
auch vier --- Sekunden
Weltraum. deine Augen --- nahmen einen Hauch
von Horizont an.

Über den Band verteilt finden sich ähnliche Texte fragmentarischer Form, die atmosphärisch zu den Überzeugendsten gehören. Dieser hier sticht dennoch heraus, skizzenhaft und überwältigend wie ein Bild von Cy Twombly.

Bei allem Staunen über die geheimnisvollen Sprachgebilde, die Unerschöpflichkeit der Wort- und Sprachfindungen, über all das funkelnde Material, sei auch eine Frage erwähnt, die auf dieser Reise durch unterschiedlichste Köpfe und Identitäten, phantastische Städte und Landschaften und Kindheitsräume hin und wieder auftaucht: Wozu das jetzt, was will dieses Gedicht noch, jenseits des ästhetischen Spiels? Manche Textteile laufen Gefahr, der Ästhetisierung, der Verselbständigung des artistischen Gebrauchs von Metaphern und Neologismen zu erliegen. Im Ganzen überwiegt jedoch der Eindruck gebändigter, und gekonnt gebändigter, Fülle. Dem Leser von Ron Winklers letzten Gedichtbänden "Fragmentierte Gewässer" und mehr noch "Frenetische Stille" fallen der Verzicht auf technisierte und Szenewörter auf. Im Vergleich zu den Vorgängerbänden fühlt sich dies an, als sei das letzte Plastik durch aufwändig verarbeitete Rohstoffe oder wenigstens sehr komplexe Kunststoffe ersetzt worden – aber auch manches kontrastierende Material durch üppige Metaphern.

Abschließend lässt sich vielleicht sagen, dass die Gedichte paradoxerweise durch Bezüge auf Geschichten und reale oder jedenfalls realistische Erfahrungen und Ereignisse klarer und verortbarer werden, der Leserin näher kommen, obwohl sie sich gleichzeitig auf einem höherem Abstraktionsniveau bewegen. Klug angelegte Wege durch fremd-vertraute Sprachfiguren und Sprachgegenden, in denen noch die letzte Pflanze sonderbare Tics hat, es schön wäre, wenn Regen nach oben fiele und Steine nicht etwa verbaut, sondern gezähmt werden, mit anderen Worten, das Gras niemals nur einfach Gras ist. Schon eher "die Büschel / des neuen Jahrtausends".

Ron Winkler
Prachtvolle Mitternacht
Mit einem Umschlagbild von Jorinde Voigt
Schöffling & Co
2013 · 104 Seiten · 18,95 Euro
ISBN:
978-3-89561-216-9

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