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Kritik

Drei Wolken meines Lebens

Wohlig-wirr durch Wimpernschläge und Sprachwaschgänge aller Art
Hamburg

„Es konnte Torp nicht gefallen, dass der Fernseher lose durchs Zimmer schwebte. Also band er ihn an das Hirschfell vor der Couch.“

Sonderbar, nicht wahr, und doch so sonnenklar. Und andersrum.

Es geht um „Torp“, von Ron Winkler, genauer: um Torp und seine „neuen Wimpern“.
Und Torp hat durchaus und durchweg etwas Sonderbares. Er hat etwas Wundersames, etwas von … Sondermann.

Sondermann, Sie erinnern sich sicherlich. Bernd Pfarr. Bei einem Satz wie dem obigen sah ich geradezu eine ‚pfarrartige‘, sondermannsche Bebilderung vor mir oder malte mir zumindest aus, wie die in etwa aussehen könnte. Nur dass, anders als bei Bernd Pfarrs alltäglich-galaktischem Sonderling, der u.a. mit dem ‚Feinstofflichen‘ besondere Kontakte pflegt und bei dem stets das Bild auch tatsächlich mitgeliefert wird (und dem Ganzen oft erst die ‚wahre Pointe‘ verleiht), bei Torp nur manches bebildert ist, und zwar nicht von Ron Winkler – dem Torp-Schöpfer – selbst, sondern von Pètrus Ǻkkordéon, dessen Namensschreibweise bereits auf eine gewisse Verspieltheit schließen lässt. Doch zu den Illustrationen später dann noch ein paar Worte mehr.

Torp jedenfalls ist jemand bis etwas, der oder das sich nicht so einfach, oder gerne gar, fassen ließe. Das lässt bereits die Sprache erkennen, die sich in unaufhörlicher, recht feingliedriger Beweglichkeit mit fast jedem Wort davon zu stehlen versucht, irgendwohin, einfach bloß weg von allem zu gut Geölten und allem, was zu sehr in geregelten Bahnen … fluppt. Und wenn sie sich nicht selbst davonmacht, dann schubst sie zumindest den Sinn einfach woandershin, weg von einer vermeintlich eingeschlagenen Richtung. Ja, sie verschiebt sich viel, die Sprache im Torp, und die Wörter funktionieren hier öfter mal wie semanto-tonische Platten in ständiger Bewegung.

„Ich fühle mich müde gemietet.“

Sowas zum Beispiel. Oder, ganz knapp:

„Die Mittagsmilch scheitern.“

Wer oder was also ist Torp? Oder, adjektivisch gedacht: Wer oder was ist also torp?

Die Antwort könnte – wohl gemerkt: könnte – lauten: wir alle. Ein jeder. Oder etwas in uns. Doch zugleich stehen dieser Torp und das Torphafte, das mit ihm einhergeht, ganz für sich, was auch ganz gut so ist.

Denn in dem lachenden Abstand zu dieser fantastischen Albernheit und unser aller zugleich mitgegebenen unauflöslichen Verquickung mit ihr liegt … na, was schon: der ganze Witz des Buches Torp.

Es kann, soll und will nicht meine Aufgabe sein, diesen Witz per Besprechung hier wiederzugeben, aber ein wenig mehr über die Welt von Torp schreiben, das möchte ich schon:

Ich habe mich beim Lesen mitunter köstlich amüsiert, besonders auch auf Reisen, unterwegs, denn dafür eignet sich Torp hervorragend. Es gibt ja auch bereits zwei Vorgängertorps, aber es ist nicht nötig, sie zu kennen, um sich den jetzigen (von 2013) vorzunehmen.

Recht bald zu Beginn des Buches erfährt der Leser so etwas wie eine Abstammungsgeschichte von Torp – in aller Kürze, denn gemeinsam mit Torp hält man sich wie gesagt nie lange mit Dingen auf, man strauchelt vielmehr mit ihnen dahin, bzw. bekommt sie sachte vor den Latz geknallt, und ist schon längst woanders, noch eh man sich’s versieht –, und übrigens, ganz ähnlich Sondermann, so beschäftigt auch Torp die Beziehung zu Frauen (aber keine Sorge: auch als Frau ist Mann, pardon: man Torp und ist es doch nicht, Mann, Frau, egal, das entdecke dann jeder für sich bzw. mache es mit sich aus), und ebenfalls ganz ähnlich Sondermann steht auch Torp in direktem Kontakt mit recht ‚spirituellen Himmelsdingen‘:

„Wohl wegen einer bestimmten Mond-Torp-Konstellation spürte Torp immer wieder den großen trans-pazifischen Jetlag von 1989 – den die zwei kleineren trans-atlantischen Jetlags von 1996 und 2011 (ersetzte den schweren trans-kakanischen Jetlag von 1999) kaum aufzuwiegen vermochten.“

Ein paar weitere Eigenheiten Torps:

Er scheint zwischen Dorf und Stadt zu treiben, dem Heu auf merkwürdige Art (aber was am Torp ist denn schon nicht merkwürdig) verbunden. An mancher Stelle wird Torp innerhalb der Kurz- und Miniaturprosa, in der er sich von Satz zu Satz hangelt – eine Mini-Prosa = ein Wimpernschlag, so in etwa läuft das –, auch sehr poetisch. Ja, ja, doch, das wird er. So zum Beispiel in „Torps Monolog“ (mit der Nummer 50 aus dem Wimpernverzeichnis), in dem Torp in Ich-Form spricht. Dieses Sprechen in Ich-Form, das vorher bereits vorkommt, hat mich im allerersten Moment geradezu enttäuscht hat, hatte ich doch schon genossen, dass er eben nie in der Ich-Form spricht, sondern immer nur über ihn gesprochen wird. Mittlerweile mag ich sein Sprechen im ‚Ich‘, das eine ganz eigene Ab­s­t­ru­si­tät bereithält.

Da schwingt, durch den ganzen Band hindurch, Hinweis, Anspielung und (verkapptes) Zitieren mit. Ein Sam zum Beispiel findet Erwähnung, und ich konnte einfach nicht umhin – auch wenn’s vielleicht gar nicht so ist – darin einen Wink gen Beckett zu erspähen, zumal danach vom „Hinterlandkoma“ die Rede ist, und das Hinterland ist für mich nun mal auf immer Beckettland par excellence – ich hatte Gelegenheit, mich sehr eingehend damit zu beschäftigen: Wen’s interessiert, der sehe sich u.a. Becketts Fernsehstück … nur noch Gewölk … an.

Ja, und in diesem Monolog wird es, wie gesagt, recht poetisch (und Heu und Traum-Frau und Hinterland und ein gewisser sondermannartiger Hang zum ‚Feinstofflichen‘ klingen alle hier an):

„Ich hätte gerne immer einen handlichen Heuhaufen bei mir. Herbst. Wobei ich glaube, meine Zeitform ist eine Mischung aus Futur und Präsens, mit einem Wurmloch Vorvergangenheit. Hinterlandkoma. Überhaupt, was ist meine Biografie, meine amtliche Biografie, letztlich außer: dass ich in der Stadt lebe, die ich gefunden habe. In der ich auf verschiedene Weisen die Zeit bearbeite. Lichtstille, dann Arbeit. Ich sehe Mannawerke. Das kann man bauen. Und fliehen. Und ich sehe Zypressen, vielleicht rundherum, mit abstehenden Ästen. Wie Menschen, die ausdrücken wollen, sie seien nicht schuld. Ich weiß nicht, was soll es – ich nahm die Fremde um – bedeuten. Doch könnte mein Karma so heißen, mein Chaha. Die Stelle, in die ich hineinträume und dann schlafe wie eingeschlafen. Und dann aufwache im Denken. Denken wäre mein Wunschsonnenlicht. Ohne Anschlussgrübeln, ohne die erste Meute schon im Morgengrauen. Ränder und Inhalte sorgfältig verteilt. Vielleicht ein Wesen in Richtung Frau, auf der ich ein Gesicht benennen kann. […] Schön sollte sie sein und eine Lichtung haben in ihrem fremd. Die das versteht. Und der ich sagen kann, tanz durch mich hindurch. Das, was ich überlebt habe.“

Dieses ‚Umnehmen‘ der Fremde – der Text sagt es dem Leser in einer Art Fußnote – ist einem Zeilenspiel Ludwig Greves entlehnt: „Ich nahm spielend die Fremde um,/bis der Fremdeste, ich, unter dem Mantel mir/ähnlich vorkam“, so heißt es da. Und das ist fast wie ein Motto und wie das, was der Leser beim Lesen mit und durch Torp hindurch vollzieht.

Es kommt auch bisweilen zu so etwas wie einer Art Torp-Poetik. So zum Beispiel im Passus 44 (des Wimpernverzeichnisses), mit diesem unterschwellig in allem vorhandenen Augenzwinkern Ironie:

„Torp war Synästhetiker ganz eigener Art: Er erfuhr die Dinge in Stilfiguren – schlüpfte morgens in Metonyme, setzte sich an eine Antithese und schluckte Chiffren ex machina, bevor er elliptisch spazieren ging, vorbei an Kontaminationen in einem meist inkohärenten Wind, der ihn umschloss wie ein Reim, chemismisch und blau, so borderliniert ihm das auch vorkam.

Sehr viele Einzelgedanken, Einzelgeschehnisse, wahre Einschlaglöcher des Absurden,  liefert uns Torp, durch den gesamten Band hindurch. Die kommen so schnell hintereinander, dass man manchmal kaum mitkommt und vom einen ins nächste stolpert. Sie stehen für sich und bilden, zumal in den längeren Textpassagen, zugleich diese Art seltsamer Gefüge, von denen das Buch voll ist, rappelvoll. Dabei sind einige dieser kurzen Einzelgebilde besonders gelungen, sprich ernst und oft zugleich komisch bis urkomisch, andere etwas weniger. Aber über 170 Seiten immer auf gleichhohem Niveau seriös-albern, sprich: albern tout court zu sein, ist eben auch kein leichtes Unterfangen. Es ist wie beim Clown, dessen tieftrauriger Witz sich zum Beispiel durch einen ganzen Auftritt bewegen und bewähren muss, aber immer wieder Momente besonderer Brillanz hervorbringt, neben nicht ganz so Witzigem, das ihnen jedoch als Polster oder Trampolin dient.

Hier ein kleines Florilegium einiger meiner liebsten Torp-Sätze:

„Ich habe mich heute noch nicht aus dem Gestern getraut“,           
„Ich habe Hunger zwischen Hand und Seele“,
„Ich habe den Schlaf in mir zerknüllt“, und kurz darauf:
„Ich habe den Schlaf in mich hinein geknüllt“,

„Es hatte ihn einiger Überredungskünste bedurft, bis man auf der Pferderennbahn nach dem ersten Einlauf endlich durchsagen ließ: So hat seit dem jungen Torp nie wieder jemand Klavier gespielt.“
„Torp sonnte, sobald sie schien, die Sonne in sich“,
„Viele Lampen begannen zu flackern, wenn Torp in sie hineinsah“

– ganz klar: Das ist Programm. Ebenso dies:

„Dann putz ich das Nunja, geh weiter.“

Wer kennt es nicht, dieses Nunja oder Naja, dem man nur mit einem Achselzucken begegnen kann, bevor man weiterzieht, seines Wegs?
Schön auch der Satz mit den „Hölderlinguisten, die verstummen, sobald die Sonne aufgeht“. Und auch der „Resonanzbausch“ hat mich erfreut:

„Ich wedelte ein Bündel Federkiele und: Wolken schwammen über die Felder. Sie waren Resonanzbausch für einen Gesang, der … ich bewegte die Lippen.“

Jeder wird seine ganz eigenen ‚Hochlichter‘ haben, wenn er das Buch durchstreift.

Es sei noch, wie versprochen, etwas zu den Illustrationen von Pètrus Ǻkkordéon gesagt: Sie gehen meistens recht gut zusammen mit Ron Winklers „Wimpern“-Tusche. Als kurzes Beispiel sei hier Wimpernschlag 69 genannt:

Wenn ich mal alt bin, verlaufe ich mich in meinem Bart.(Petrus Akkordeon)

Manch einer wird sich vielleicht wünschen, die Illustrationen hingen inhaltlich etwas weniger ‚dicht‘ am Text. Sie (und auch die gewählte Schrift) verbreiten jedenfalls, so empfinde ich es, eine Mischung aus altem (Spiel-)Zeug, Kinderbuch (für Menschen jeden Alters), Enigmatischem und Aberwitz. Nicht alles ist bebildert, und das ist auch ganz richtig so, denn Torp ist bei aller Kürze und allem Stückwerk ja zugleich sehr viel länger und zusammenhängender als z. Bsp. Sondermann, der im Bildtextblock bzw. in Bildtextblöcken funktioniert.

Beim Torp gibt es also manchmal auch gar keine Illustration neben den Texten, und oft sprenkeln lediglich schwarze Flecken, Tintenklecksartiges, über die Seiten, als immer wiederkehrendes Motiv des besonders schön Unmotivierten. Das passt meistens ganz gut, sonst wäre es sehr schnell zu plakativ (zumal sich, wie eben erwähnt, die Illustrationen eben nicht wirklich von den Worten wegbewegen, oder ihnen etwas hinzufügen, oder über sie hinausreichen).

Für das Cover wurde die Einheitlichkeit der Verlagsreihe durchbrochen, denn Torp ist halt doch schon was Eigenes: Verspielt hoch drei, das darf sich ruhig auch in der Schrift und Aufmachung des Buchcovers niederschlagen.

Und zu guter Letzt noch drei Dinge:

Eins. Es gibt eine echte Schwachstelle im Torp, eine Einzige, einen Satz, von dem ich mir wünschte, er wäre da nicht, so sehr klingt er danach, als gehöre er da nicht hin, als sei er eine seltsame Verlegenheit. Er steht im Passus 63, wo es heißt:

„So ist das mit der Dichtung: Sie haut Schneisen in die Gegenwart.“
Äh, nee, so ist das nicht mit der Dichtung.

Dieser letzte Satz mit seinem „äh, nee“ als Erwiderung, als so etwas wie eine (vielleicht) peinlich berührte Verneinung des davor in Anführungszeichen Stehenden, er klingt einfach falsch im sonst so treffsicher fehlgewobenen Torp. Er verfehlt seine Witzigkeit. Es ist fast, wie als sage der Autor das, aber es ist überflüssig (wie dann wohl auch der Satz davor …); und sollte Torp als ‚Sprecher‘ gemeint sein, oder auch sonst wer, was ja das Gleiche ist, so ist es ulkigerweise untorpig, denn es ist ja nicht so, als habe Torp (unter der gekonnt wankenden Federführung Ron Winklers) keinen Stil, ganz im Gegenteil, und selbst wenn man keineswegs weiß, wie noch wer Torp ist, so kann man wohl sagen: so und das ist er jedenfalls nicht. Solche Stellungnahmen hat ein Torp doch gar nicht nötig.

Zwei. Eine sehr gelungene Sache am Torp ist sein Beginn, mit dem ich nun so gut wie enden will. Ein kleiner Geniestreich. Der Beginn geht nämlich so:

„Nachdem Torp circa eine Stunde in der Lektüre eines Buches vertieft vor seinem Bücherregal gestanden hatte, blickte er auf und sah vor dem Fenster etwa zehn Periskope schwanken …“

Mal ganz abgesehen natürlich von den Periskopen (denn es setzt ja sofort mit dem Aufblicken Torps vom Buch das Torphafte ein), was da dran so schön ist, ist dies:
Torp blickt auf und beendet das Lesen, und der Leser, womöglich auch noch vor seinem Bücherregal stehend, blickt runter aufs bzw. ins Buch und vertieft sich in Torp, der nun beginnt.

Und so wie Torp vorher schon längst begonnen hatte, immer schon, und danach sowieso weitergeht, und wie er nun also aufblickt nach einer Stunde Lektüre, um loszulegen mit all seinen Kauzigkeiten, so tauch man ab und so wird man selbst nach dem Lesen aufblicken und … Richtig. Das ist vielleicht nur eine Kleinigkeit, doch die ist wirklich schön.

Torp hat u.a. kräftig mit den durch Technologien und Bürokratien einhergehenden Errungenschaften der Menschheit zu ringen, und so auch der Leser, und die Einstellung Torp ist sicher auch so etwas wie ein Antidoton, zum Vermeiden von zu viel Überdruss am ‚Realabsurden‘, und dieses Antidoton funktioniert durch einen gehörigen Überschuss an eigener Abstrusität, frei nach dem Motto: Und wenn du noch so abstrus bist, Welt, ich bin noch viel abstruser!

Und drei. Beim Wort Torp schossen mir so manche Torpe, pardon: Worte durch den Kopf: Dorf, dumpf, Trumpf, Trottel, Tölpel, Torpedo. In diesem Sinne – und in Abwandlung eines vom Verlagshaus Frank sehr geschätzten Satzes, der natürlich Werbung ist, aber zum Glück recht Gute, da weit über den und jeden Verlag hinausweisend – in diesem Sinne also:

Torpediert, will heißen: torpiert euch.

Ron Winkler
Torp. Neue Wimpern.
Illustration: Petrus Akkordeon
Verlagshaus J. Frank
2013 · 140 Seiten · 13,90 Euro
ISBN:
978-3-940249-75-3

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