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Kritik

Was ist das Ausrauben einer Bank gegen die Gründung einer Bank?

Ross Thomas schreibt in “Fette Beute“ darüber, welches Geld im Kapitalismus für erfinderische Kriminelle zu machen wäre
Hamburg

Einige Jahrzehnte war es wenig publikumswirksam, über einen räuberischen Kapitalismus zu schreiben. Spätestens nach dem Untergang des mörderischen Sozialismus (wenigstens seiner mörderischen bis hilflosen Variante) schienen die Segnungen des Kapitalismus seine gelegentlich auftauchenden Nachteile mehr als aufzuwiegen. Das Ende der Geschichte – als ob es dabei auf Sozialismus und Kapitalismus ankäme. Aber das haben wir mittlerweile gelernt.

Nach Börsen- und Bankencrash und den diversen Rettungsaktionen und -ringen ist der Kapitalismus allerdings wieder in den Fokus geraten. Merkwürdiger Weise im Krimi jedoch nur marginal. Hier waren in den vergangenen beiden Jahrzehnten die großen Kapitalisten zwar die großen Bösewichter (manchmal auch deren direkten Assistenten), aber ihr wahres Verbrechen bestand in ihren sexuellen Obsessionen, am besten im Kindesmissbrauch. Die Beispiele lassen sich fast beliebig aufzählen.

Das ist insofern verwunderlich, als ja nach alter marxistische Denke das wahre Verbrechen des Kapitalismus in seiner Kerntätigkeit selbst besteht, nämlich zugunsten der Akkumulation von Kapital keine Rücksichten mehr zu nehmen, nicht einmal auf sich selbst.

Aber ein Blick in die ökonomisch motivierten Krimi-Verbrechen der letzten Jahre ist eher deprimierend. Nicht einmal der international renommierte Autor Petros Markaris kann etwas aus dem Feld machen, das sich vor ihm daheim eigentlich auftun müsste. Dabei müsste sich doch aus Gier, Rücksichtslosigkeit und Intelligenz doch ein einigermaßen plausibles Verbrechen stricken lassen. Erfahrungen gibt es genug, vielleicht Vorbilder (wirklich?), Ideen in jedem Fall und Fälle vielleicht auch.

Aber dafür scheint man in die guten alten siebziger Jahre zurückgehen zu müssen. Oder in noch frühere Zeiten. Aber belassen wirs bei den Siebzigern. Während der deutsche „Tatort“ sich hinreichend bewegte, war in den französischen und amerikanischen Krimis der Aufruhr los. Fast so gut wie in den Zwanzigern.

Ross Thomas nun: Im Alexander Verlag erscheint seit einiger Zeit eine Werkausgabe, die Alexander Wewerka betreut. In dieser Werkausgabe – schön, dass auch Krimiautoren so etwas gegönnt wird – ist nun der 1975 erschienene „Money Harvest“ als „Fette Ernte“ erschienen. Es handelt sich dabei um eine Neuübersetzung, die zudem den vollständigen Text ohne die Kürzungen der ersten deutschen Ausgabe von 1975 enthält. Man fragt sich zwar, was an dem Text damals hat gekürzt werden können. Denn keine Seite, keine Zeile ist hier zu viel. (Dennoch lobt der Übersetzer Jochen Stremmel im Nachwort die Übersetzerin der ersten deutschen Ausgabe, Ute Tanner, für ihre Arbeit.)

Und nichts wird hier verheimlicht, nicht einmal das Verbrechen: Es handelt sich dabei um eine Manipulation der Weizenbörse. Medium der der Manipulation sind die spekulativen Geschäfte mit der kommenden Weizenernte, die in engem Zusammenhang mit den jährlichen Meldungen des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums stehen, wie die künftige Ernte ausfallen wird. Wer vorab im Besitz dieser Information ist, ohne dass alle anderen sie haben, kann die Preise so manipulieren, dass sie am Ende ihm der Profit zuwächst. Das gängige Schmiermittel der Börse, das Gerücht, ist dann bestenfalls noch ein Zusatz, kein Asset des Ganzen. Man wird Gerüchte dann immer noch gut einsetzen können.

Wenn also Information (heute nennt man das Insiderinformation) das zentrale Mittel der Manipulation ist, dann liegt es nahe, sich in den Besitz der nötigen Informationen zu versetzen, und sei es auf illegale Weise. Womit wir beim Geschäft der Kriminellen wären.

Ein alter Regierungsberater wird eines Morgens von zwei Jugendlichen umgebracht. Da er kurz zuvor Kontakt mit seinem alten Kompagnon aufgenommen hat, da er einer großen Sache auf der Spur sei, liegt der Verdacht nahe, dass der Tod und der Verdacht ursächlich miteinander zusammenhängen.

Dem ist am Ende nicht so: Das Gewaltverbrechen, dem noch viele weitere folgen, ist nichts anderes als ein Kollateralschaden gesellschaftlicher Verwahrlosung und eine Demonstration laikaler Kontingenz. Aber das wahre große Verbrechen reift dennoch seiner Aufklärung entgegen.

Und das besteht darin, dass ein gleichermaßen rücksichtsloser wie gewissenloser Mafioso das Landwirtschaftsministerium beklauen will, um eine groß angelegte Manipulation der Börse zu inszenieren. Was ist kriminelle Energie erst wert, wenn sie auf das richtige Ambiente trifft? Noch mehr.

Sein Pech ist, dass er auf einen intelligenten und wissbegierigen Ermittler trifft – der die Wissbegierde von Lesern befriedigen hat – und dass er mit dem Geld eines anderen Mafioso spekuliert, der wenig Lust hat, sein Geld zu verlieren.

Uns allen tut das nicht leid, dazu war der Mann uns zu unsympathisch und zu sehr gewissenloser Killer, aber dennoch  bleibt eine offene Frage: Ist jener Fulvio Vavesi der eigentliche Kriminelle oder sind es die Protagonisten eines Systems, das Spekulation überhaupt erst möglich macht, wenn es nicht das System selbst ist. Fragen wird man noch dürfen.

Ross Thomas
Fette Ernte
Neuübersetzung aus dem Amerikanischen von Jochen Stremmel
Alexander Verlag
2014 · 344 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-89581-317-7

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