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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
Kritik

in der landschaft des auges

Hamburg

Wenn es in diesem sinnlichen Buch ein Sinnesorgan gibt, das es hervorzuheben und auf das es hinzuweisen gilt, dann ist es das Auge. Es ist für die Gedichte weitaus bedeutsamer als etwa der Geruchs-, der Tast- oder der Hörsinn. Was der sorbischen Dichterin Róža Domašcyna in den Blick kommt, was ihr ins Auge fällt, wird eingefangen und in Sprache verwandelt, ist Sujet, das der Schauenden zum Gedicht wird. Ihr Sehen, Besehen, Beobachten ist Ausgangs- und Angelpunkt, eine Konstante vieler der vorliegenden Texte. Das Geschaute wird, manchmal mit dem Fernglas, herangezoomt, muss standhalten, ehe es verwandelt seinen Platz im Gedicht erhält. Über dieses poetische Verfahren, an dessen Anfang das Sehen „offenen auges“ steht, geben manche Gedichte explizit Auskunft, etwa wenn es heißt:

...und ich schreibe das nicht in einer sprache
die sprache schreibt sich in mir
da ich mutter beobachte ...

Was die Dichterin gesehen hat, ist detailgetreu in ihrem visuellen Gedächtnis gespeichert und jederzeit abrufbar, auch „frühes erinnern“, etwa „als photografie der landschaft“. Schon im Titel des Buchs klingt diese Visualisierung der verlorenen Dörfer ihrer Kindheit an, die im Kopf der Dichterin zu sprechen beginnen. Die große Bedeutung des Sehsinns findet seinen Widerschein in zwei der fünf Kapitelüberschriften des Buchs: „alles was er je gesehen hatte“ ist das erste Kapitel benannt, „im freien und offenen auges“ das dritte. Róža Domašcyna setzt sich überdies gern mit den Werken bildender Künstlerinnen und Künstler auseinander, schaut und lässt Geschautes sprechen. Einige dieser Gedichte wurden in den vorliegenden Band aufgenommen, u.a. Texte zu William Kentridge, Susanne Krell, Angela Hampel und Francesco Clemente.

Róža Domašcyna verwendet in o.a. Gedicht die Begriffe „in einer sprache“ und „die sprache“, doch sind es bei ihr zumindest zwei Sprachen, die sorbische und die deutsche, aus denen sie schöpft. Die Sorben sind Nachfahren jener Westslawen, die im Rahmen der Völkerwanderungen nach Sachsen und Brandenburg kamen, sich in der Ober- und Niederlausitz ansiedelten und heute in Deutschland als Minderheit anerkannt sind. Die Muttersprache der Dichterin ist das Obersorbische, das dem Tschechischen und Slowakischen nahe ist, während niedersorbisch Verwandtschaft mit dem Polnischen hat. Domašcyna schlägt auch im aktuellen Buch wieder poetische Funken aus ihrer Mehrsprachigkeit, wenn sie sich in Gedichten mit den Wort-, Satz- und Sprachschichten ihrer sorbisch-deutschen Sprachwelten befasst, sie als Material begreift und damit spielt. Manchmal durchaus humoristisch reflektiert sie etwa die unterschiedliche Geschlechtszuschreibung einiger Nomina, die Verwendung des Duals, unterschiedliche Wortbedeutungen oder das Fehlen treffend übersetzbarer Worte in der einen oder anderen Sprache. Vereinzelt flechtet sie sorbische Ausdrücke sowohl tschechischen als auch polnischen Ursprungs in ihre Gedichte, teils kursiv und, wie im Anhang erläutert, teils phonetisch gesetzt, Worte, die mir, trotz Unkenntnis der sorbischen Sprache nicht fremd blieben, sondern sich bei der Lektüre erklärten und in mir das Verlangen aufkeimen ließen, die Dichterin einmal lesen zu hören.

Thematisch steht, wie schon in früheren Büchern, die Zerstörung der Lausitz durch den Braunkohleabbau im Mittelpunkt und die dadurch verursachte Vernichtung der dörflich gewachsenen Lebensräume.

das land das vater und mutter trug
umgegraben gänzlich der begriff
zuhause zur floskel geworden
als ware verkippt weggekarrt

lesen wir im Gedicht „Kaleidoskop“ und anders als in jenem Kinderspiel sind in der heutigen Lausitz der Róža Domašcyna wohl wenig schöne Formen zu sehen. Im Gedicht „Der schäfer strickte“ wird Kohle als „des teufels geschenk“ bezeichnet, dem im Namen des Fortschritts zu viel geopfert wurde.

wir träumen vom wachsenden wohlstand
wir übersetzen den traum in kohle
nun ist es ein märchen briketts und abrieb
wir übersetzen das märchen in staub

Die Dichterin nimmt sich nicht aus, sondern ist Teil dieses „wir“, aber sie übernimmt die Arbeit einer poetischen Chronistin und hinterfragt, während sie akribisch die Residuallandschaft beobachtet, „die sich ums grün müht“ mit ihren „attrappen von wald und feld“. Und sie hegt wider das Geschaute die romantische Hoffnung, dass die Natur sich von allein jene nach Halle und Gülle riechenden Verlassenschaften zurückerobern und damit „Das wissen wie die nasse erde duftet“ wiederkommen möge.

Eine ähnliche Dringlichkeit atmen 5 thematisch zueinander gehörende Gedichte des dritten Kapitels, die ich herausgreifen möchte. Sie setzen sich mit einem völlig anderen Thema, nämlich dem Altern und dem Tod der Mutter auseinander. Im Gedicht „Schön zu sehen“ wird ein Alterungsprozess beschrieben, nicht pessimistisch grundiert als Weg zur Hinfälligkeit, der uns allen bevorsteht, sondern es sind liebevolle Wahrnehmungen der Dichterin, die Allmähliches aus großer Nähe beschreibt:

... wie deine haut nachgibt sich weitet
der ellenbogenknochen schärfer hervortritt
indem er an dichte verlierend an kontur zunimmt
zu sehen
wie sich die äußere gestalt der inneren nähert
sich beide ineins schieben als ganzes nun endlich
nahezu pergamenten jedes detail sichtbar
die polsterung aufgibt

Die Lyrikerin zeichnet mit Worten die körperlichen Veränderungen nach wie mit einem feinen Stift, auch spätere, die nicht mehr als „schön“ bezeichnet werden können. Nach dem Tod bleibt der Schmerz des Verlusts und der Erinnerung, es bleiben Fotos „in alben und rahmen“ und „taschen voller zettel / aufgeschriebene momente“, die man vorzeigen und sich wieder und wieder anschauen kann, doch ist es ein Ungenügen, denn nichts kommt dem nahe, was der Mutter entspricht und entsprochen hat.

Stilistisch offenbart die Dichterin in ihrem Buch eine große Bandbreite. Sie stellt Texte beinahe aphoristisch zu bezeichnender Kürze neben bis zu drei Seiten lange Beiträge, streng rhythmisierte Gedichte neben Texte mit freien Rhythmen, auch die Form des Prosagedichts wählt Róža Domašcyna mehrfach. Nicht alle Texte vermögen mich zu überzeugen. Ich halte sie trotzdem für unverzichtbar als Hintergrundbelichtung für die poetische Wahrnehmung einer Landschaft, die mir die Lyrikerin nahebringt. Hilfreich erweist sich für die Lektüre überdies das Nachwort von Jayne-Ann Igel, das in den Bild- und Sprachkosmos der Lyrikerin einführt.

Róža Domašcyna · Jayne-Ann Igel (Hg.) · Jan Kuhlbrodt (Hg.)
Die dörfer unter wasser sind in deinem kopf beredt
poetenladen
2016 · 128 Seiten · 18,80 Euro
ISBN:
978-3-940691-82-8

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