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Drei-Wege-Text

Dem "Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft" zufolge ist ein Aphorismus ein Text "in Prosa in einer Serie gleichartiger Texte, innerhalb dieser Serie aber jeweils von den Nachbartexten isoliert, also in der Reihenfolge ohne Sinnveränderung vertauschbar; zusätzlich in einem einzelnen Satz oder auch anderweitig in konziser Weise formuliert oder auch sprachlich pointiert oder auch sachlich pointiert."

Eine solche Definition umschreibt, aber sie definiert nicht. Während sie sich scheinbar um die ihr gemäße Form strenger Begriffsbestimmung bemüht, löst sie diese Form in eine herzählende Folge von "oder auch" auf, in eine Serialität, deren Glieder einander in freie Figuren berufen und verwechseln. Die Bestimmung ist wendig, aber nicht notwendig; die Definition wird zur Infinition. Sollte in dieser Paralogie von Selbstbestimmung und Selbstauflösung die Produktivität des literarischen Aphorismus liegen? Seine ursprüngliche Bestimmtheit im Aufbruch seiner Definition? Und sein literarischer Wert darin, wie ausgiebig, ausführlich, ausschweifend er deren Projekt verwirklicht? Machen wir die Probe am "25-Stunden-Buch" Rudolf Bussmanns.

"Seid Asche im Feuer des Hasses." Uns fällt auf der Stelle dazu ein: "Seid Sand, nicht Öl im Getriebe dieser Welt." (Günther Eich) Was weiter? Nichts weiter. (Eine Bagatelle). In einem derartigen Aphorismus erschöpft sich die negative Verdoppelung seines Selbstbezugs in einer Parallele, einer Analogie, einer Reminiszenz so offensichtlich und unmittelbar, dass sie in einem Aha-Effekt aufflammt und, kaum entfacht, schon wieder erlischt.

"Welch große Wärme in Nietzsches Sätzen. Und zugleich welcher Schrei nach Wärme! Ich möchte hin, den Bedürftigen, den Einsamen, etwas von seiner Wärme fühlen lassen, ihm seine Sätze auf die Stirn legen, sie ihm in die Haut reiben wie eine heilende Essenz - und dabei fühle ich jäh meine eigene Bedürftigkeit." Zu dieser Art, seine Sätze aufzufassen, schreibt Nietzsche: "Namentlich aber muß ich verlernen, Briefe zu schreiben, in denen ich mich leidend zeige. Der Leidende ist die wohlfeile Beute für jedermann, in bezug auf einen Leidenden ist jeder weise. - (Ganz objektiv betrachtet: wie viel Vergnügen schafft der Leidende denen, die es gerade nicht sind!)" (An Overbeck am 12. Februar 1884; Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe, hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Bd. 6, 2. Aufl. München 2003, S. 477).

Zunächst scheint es, als führe der Aphorismus eben jene Lesart von Nietzsches Sätzen vor, die Nietzsche selbst zu verhindern sucht, obwohl oder gerade weil sie in ihnen ebenso angelegt wie in ihr Gegenteil verkehrt ist. Die Wärme in Nietzsches Sätzen entsteht aus ihrem Schrei nach Wärme. Das Leiden ist leidenschaftlich auf seinen eigenen Text bezogen und schafft sich aus diesem Bezug das Vergnügen, es nicht, nicht es zu sein, genauer: Dadurch es selbst zu sein, dass es sich hintergeht, werdend, was es aus sich zu machen vermag. "Was ist mir Geist! Was ist mir Erkenntniß! Ich schätze nichts als Antriebe." (An Lou von Salome am 24. November 1882) In diesem kraft selbstverantworteter Intertextualität inszenierten Doppelspiel braucht das Autor-Subjekt keinen Dritten, der ihm seine Sätze auf die Stirn legt und in die Haut reibt - das tut es schon selbst. Aber der Aphorismus setzt ihm mit einem Gedankenstrich nach, der alles Vorhergehende nur unter diesem (Durch)Strich gelten lässt: " - und dabei fühle ich jäh meine eigene Bedürftigkeit". Wonach fühlt das lesende Subjekt sich bedürftig? Nach der Teilnahme am Doppelspiel des Autor-Subjekts mit sich selbst, dessen Regel die Lesenden von ihm ausschließt und gerade dadurch ihr Bedürfnis wach hält, den Ausschluss zu überwinden? Oder ganz im Gegenteil danach, sich aus diesem Spiel zu befreien, um seiner Regel auf die Spur, auf die Schliche zu kommen - grammatisch, stilistisch, psychologisch, genealogisch, ideologisch? Beide Möglichkeiten sind in nicht zu schlichtendem Widerstreit aufeinander bezogen, sie verwerfen einander ebenso, wie sie einander berufen. (Keine Bagatelle). In einem solchen Aphorismus eröffnet die negative Verdoppelung seines Selbstbezugs eine Alternative, zwischen deren beiden Seiten es keine Verschiedenheit gibt, sondern nur immer wieder neu zu treffende Entscheidungen.

"Am Rand der Autobahn, dort wo nichts wächst und nichts zum Wachsen vorgesehen ist, steht eine kleine Birke. Der Samen muß durch Zufall in einen kleinen Riß im Beton gefallen sein, Regen und Sonne besorgten das übrige. Die Birke hat den Belag um sich gesprengt, nicht sehr, gerade so, daß ihr Stämmchen Platz hat. Rechts und links von ihr zeigen Bremsspuren an, wie gefährdet sie ist. Jederzeit kann der Kühler über sie hinwegrasen, der sie köpft, oder das Rad, das sie auf den Beton knickt. Sie sieht aus wie ein Gedanke, der sich in der eisigen Luft verzweigt. Im eisigen Schweigen wartet sie auf den Frühling."

Das beginnt auf den ersten Blick wie eine Erzählung von Knut Hamsun. Oder von Iwan Turgenjew. Oder von Gerhard Meier. Aber diese Erzählung geht schon mit den ersten zwei Sätzen zuende. Das "gerade so" des dritten Satzes sagt uns, dass sie uns etwas mitteilen will, das in ihrer Geschichte über sie hinaus liegt: eine Lehre, eine Lebensweisheit. Die beiden folgenden Sätze bestätigen diesen zweiten Blick sowie den Verdacht, es handle sich um eine Fabel, und wir machen uns auf die Suche nach der Moral, am besten nach dem geflügelten Wort, das sie auf möglichst glänzenden Federn an uns heranträgt: "Sei dennoch unverzagt" oder "Wer immer strebend sich bemüht" oder "Und setzet ihr nicht das Leben ein" oder oder oder...

Die letzten beiden Sätze eröffnen uns einen dritten Blick. Die ganze kleine Geschichte stellt, wie wir jetzt endlich begreifen, ein Symbol dar, und zwar eines der erhabenen, universellen, daseinsgeschichtlichen Art. Für den Menschen als den Verstoßenen, den Freigelassenen der Natur? Für die Einsamkeit der Reflexion und die Kraft, die sie aus ihr schöpft? Für die Ästhetik des Widerstands? Für das Prinzip Hoffnung? Wir könnten nun die negative Verdoppelung des für den Aphorismus kennzeichnenden Selbstbezugs unseren drei Lesarten unterlegen und damit den Text umstellend, entstellend, neu stellend in das glitzernd endlose Spiel der Reflexion bringen, wenn - wenn ich uns nicht bis jetzt den Schlusssatz verschwiegen hätte: "Was soll sie sonst tun?"

Ja, was sonst? Eine Birke ist eine Birke ist eine Birke, Teil vor allem der europäischen Baumflora und damit allen Gesetzen des Wachstums unterworfen, die von der Natur für sie vorgesehen sind, Beton, Auspuff, Kühler hin oder her. Ihre Metaphorisierung zur Fabel oder zum Symbol geht nicht sie, sondern nur einen Erzähler etwas an, der Phantasien seiner Einbildungskraft unter die Begriffe seines Verstandes zu mischen trachtet. Ebensosehr aber gilt: Was soll sie tun? Was sonst noch? Als Gegenstand einer Fabel, als erhabenes Symbol? Welche erst noch zu entdeckende Vielfalt an Bedeutungs-Möglichkeiten hält die kleine Birke für verständig träumende wie für träumend verständige Wahrnehmung bereit? (Eine und keine Bagatelle). In einem solchen Aphorismus eröffnet die negative Verdoppelung seines Selbstbezuges nicht nur eine Alternative, zwischen deren beiden Seiten Entscheidungen einander anfachen und ausleuchten; sie bringt überdies die Prinzipien und die Kategorien in den Blick, denen jener Prozess folgt, ohne ihn darin still zu stellen.

Diese drei Arten von Aphorismen folgen in Rudolf Bussmanns "25-Stunden-Buch" einander in scheinbar zufälliger und insofern vertauschbarer Reihenfolge. Die isolierten, beliebig neu anzuordnenden Nachbartexte schaffen jedoch durch ihr Neben- und Miteinander ein inneres Beziehungsgeflecht, dessen Bezüge sich ohne Folge für Kontur und Relief des ganzen Buches nicht vertauschen lassen. Die Verquickung der drei oben beschriebenen Formen des für den Aphorismus kennzeichnenden negativen Doppelbezugs von Selbstbestimmung und Selbstauflösung ruft ein anderes, ein voraus- und zurückeilendes, staunendes wie zerstreuendes, in die Höhe wie in die Fläche sich wendendes Lesen hervor. Es zeigt die erste Stunde einer anders gehenden Zeit oder die fünfundzwanzigste im Vergehen der unsrigen an.

Rudolf Bussmann
Das 25-Stundenbuch
Waldgut
2006 · 172 Seiten
ISBN:
978-3-037400258
Erstveröffentlicht: 
literaturkritik.de

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