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Kritik

Schickt einen Philosophen nach London

Vieldeutige Liebeserklärung
Hamburg

London ist einer der noch immer magnetischen Orte – dort, wo es den clash täglich gibt, die Paranoia darum, aber eben auch eine Geborgenheit dessen, der sich verloren wissend ahnt, daß ihn auch kein anderer finde. Dieses Gefühl mag trügen, unzählige Male wird gefilmt, wer durch London geht, den Rest besorgt die Software, die jene EU entwickelt, die facebook face recognition untersagte.1 Dennoch ist diese Gefühlslage gegeben; nicht nur den Verirrten irritiere das Labyrinth, auch Labyrinthe wüßten nicht, was mit einem anzufangen sei.

Dies und die Hoffnung, daraus ergebe sich etwas, kannte schon Heine: „Schickt einen Philosophen nach London […] und stellt ihn an eine Ecke von Cheapside, er wird hier mehr lernen als aus allen Büchern der letzten Leipziger Messe”… Hierum kreist auch Görners brillantes London-Porträt, eine rhizomatische Spurensuche, worin aus Straßen Topiken und Wörtern oder Worten Anspielungen werden. Sind etwa im Schach Londons alle Figuren grau, ist da etwa an Celans Abschattungen zu denken; schlägt das „Gespräch über Bäume […] bleibend Wurzeln”, verzahnt Görner Ökologie mit Brecht. Und nichts davon ist gewiß, wer müßte es lesen können, gewährt doch London dem Vergessen Obdach, wie Görner zeigt?

Hier ist alles pittoresk, Lady Gaga auf der Trafalgar-Säule, why not, und doch herrscht akuter „Bildermangel”: „So viel Stadt ernüchtert.” So, wie sich der Gebetsraum, wird er wegen Überfüllung geschlossen, als „Glaubensvakuum” erweist, ist hier alles in etwas verschlungen, das als Dialektik simplifiziert würde. Wenn „die Kommerzkultur Bilanzen liest als seien sie Romane”, dann ist das Schrecknis, Hoffnung oder –?

So bleibt London ein Rätsel, wird aber darin kenntlich, auch in den eindrücklichen Bildern Rainer Groothius’. Ein Reiseführer also für jene, die Stereotypen loszuwerden trachten; danach ist man bereit, sich auch selbst in London verirrend ihm auf der Spur zu bleiben, immerhin.

Rüdiger Görner
London, querstadtein
Vieldeutige Liebeserklärung
20 Fotografien
Corso, Verlagshaus Römerweg
2014 · 96 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-7374-0701-4

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