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Kritik

Tempus fugit.

Safranskis Bleibendes zu Flüchtigem
Hamburg

Wenn man sich eine gutbürgerliche Familie vorstellt, in der es einen Onkel gibt, der gerne erzählt, aber mit Niveau, dann spielt diese Rolle einer wie Rüdiger Safranski, der es vermag, aus allem eine sinnvolle Geschichte zu spinnen. Schreibt er über Heidegger, so über ihn als den Meister aus Deutschland, alles wird bei ihm ein faktenbasiertes Märchen in Romanformat, alles bekommt seine oft erstaunlich und manchmal verstörend geschlossene Paßform durch ihn – Heidegger ist eben durch das Celan-Zitat schon der Meister, der der Tod ist, also angeklagt mindestens so sehr wie bewundert.

Diese sich schon im hier immerhin anspielenden Titel ausdrückende Geschlossenheit beschrieb Christoph Schröder in seinem Artikel Die Blablabla des Blablabla unlängst so:

„Heute dürfen Titel kein Geheimnis mehr haben. Am besten sollten sie gleich ganze Geschichten erzählen. Im Grunde braucht man in vielen Fällen eigentlich nur noch den Buchtitel, mehr nicht. Oder was erwarten Sie von einem Buch, das Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand heißt? Doch in etwa die Geschichte eines alten Mannes, der aus dem Fenster steigt und verschwindet.”1

Sogar die Zeit hat bei Safranski zuletzt etwas wie eine Biographie bekommen, was natürlich, insofern dabei zum Teil philosophiegeschichtliche Entwicklungen skizziert werden, durchaus berechtigt ist. Im ihm eigenen Plauderton, aber nicht ohne Tiefe, so schreitet Safranski also voran – irritierend souverän, gewissermaßen, das das Thema, wie Safranski auch irgendwie zu vermitteln sucht, dieser Souveränität kaum gestattet.

Vielleicht verdankt sie sich dem Umstand, daß es doch vor allem die Wahrnehmungsmodi sind, die phänomenologisch aufgeschlüsselt werden. Langeweile – kein Metaphysicum: Dann gerade werde „die stockende Zeit […] vielversprechend”, jedenfalls für das Opfer der Langeweile, der „Riss […] im Vorhang”, hinter dem angeblich „die Zeit” „gähnt”, dem Moment und dem Sich-Versenken gleichermaßen den Gelangweilten entreißend, ist nur mehr blumiger Anthropomorphismus. Kann man Langeweile anders analysieren? Vielleicht nicht, der Philosoph müsse „die Langeweile wecken, damit er sie analysieren kann” – aber was, wenn der unterhaltsame Plauderton das konterkariert und man seine Komfortzone denn doch nicht verläßt, allenfalls auf einer Metaebene dann eben statt Spannung auch gleich diese angeblich verheerende Entspannung missend? Es sei jedenfalls nach der Langeweile alles „seiender”, „ein unmöglicher Komparativ”, wie Safranski konzediert, doch einer, so lobt er sich sogleich, „von wunderbarer Genauigkeit.”

Hierbei muß man festhalten, daß Safranski für solche Formulierungen schon tatsächlich ein Händchen hat: Gott sei „ein echter Anfänger”, dieses Verschmelzen von Spott über den Dilettantismus der Schöpfung und Bewunderung für das Konzept der creatio ex nihilo gelingt wenigen. Noch schöner der Absatz über die Verquickung von Ökonomie und Theologie, die nur verschleiert, daß Ökonomie unsere Theologie längst wurde:

„Die Botschaft »Gott ist tot« hat die Welt bisher ganz gut überlebt, aber ob sie die Botschaft »das Geld ist tot« als Zivilisation überleben würde, ist noch sehr die Frage.”

Zu Höchstform läuft Safranski ferner bei Pro- und Retention auf, beim Problem, daß, was wir datieren, wir zuvor antizipierten und auch nur als „Nachhall des Eindrucks” bewahren: schon als unseren Respons. Der Punkt der Frage – wenn man so will – ist nur durch die Antwort und als diese zu erahnen.

Vielleicht ist, das legen die brillanten Minen im gemütlichen Plauderton nahe, die Art, wie Safranski sophisticated, aber vor allem eben auch Onkel daherkommt, ein Trick. Er langweilt nicht, daß es auffiele, er läßt einem eine andere Form der Langeweile angedeihen, die er verschweigt:

„Langeweile ist ein warmes graues Tuch, das innen mit dem glühendsten, farbigsten Seidenfutter ausgeschlagen ist. In dieses Tuch wickeln wir uns, wenn wir träumen. Dann sind wir in den Arabesken seines Futters zuhause.” (Walter Benjamin)

Diese Langeweile beherrscht Safranski – und verliert kaum ein Wort über sie, es könnte das Buch beschädigen, es so zu lesen. Vergessen Sie, daß ich’s sagte, auch so eine Eigenheit der Zeit, daß sie in sich erbarmungslos konservieren kann, was sie zugleich vernichtet… Wer jedenfalls diese angenehme und produktive Langeweile, die alsbald keine ist, schätzt, wird das Buch Safranskis mögen. Es lohnt sich, einiges darin ist von bleibendem Wert, manches erschließt verdienstvoll Bleibendes Früheres neu, manches gibt schließlich Pfeile für den Smalltalk-Köcher in der unterstellten gutbürgerlichen Familie, falls man auch an sich etwas von jenem Onkel bemerkt.

Rüdiger Safranski
Zeit
was sie aus uns macht und was wir aus ihr machen
Hanser
2015 · 272 Seiten · 24,90 Euro
ISBN:
978-3-446-23653-0

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