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Kritik

Auf verlassenem Spielplatz wirbelt der Sand

Hamburg

Die Gedichte von Ruth Klüger sind anders. Sie wollen anders sein. Sie sind sehr selbstbewusst anders und auch sehr selbstbewusst zerbrechlich. Geschrieben wurden die Gedichte in „Zerreiß-proben. Kommentierte Gedichte“ über einen sehr langen Zeitraum (fast ein ganzes Leben, von 1944 bis heute) hinweg, wodurch sie sehr unterschiedlich sind. Ergänzt werden die Gedichte mit Kommentaren von Ruth Klüger zur Form, dem Inhalt oder den Hintergründen der Entstehung.

Für Unsägliches
gibt es das Schweigen

Schweigen – genau das macht Ruth Klüger nicht mit ihren Gedichten. Auch sind die Gedichte keine „Aussageverweigerung“, wie ein Gedichttitel lautet. Die Gedichte sind gerade der Versuch über Unsägliches zu sprechen, es in Worte zu fassen.

Ruth Klüger wurde als Kind in die KZ Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt deportiert. Nach dem Krieg emigrierte sie in die USA. Der Titel „Zerreiß-proben“ könnte auch auf ein Leben im Angesicht des Todes bezogen werden. Das Gedicht „Conversations with the Angel of Death / Gespräch mit dem Todesengel“ im letzten Kapitel führt genau das vor, wie sie im Kommentar dazu ausführt:

„Dieses Gedicht war ein ehrgeiziges Projekt. Es sollte ein ganzes Leben von den dreißiger Jahren bis in die Gegenwart zusammengefasst werden [...] Und zwar jederzeit im Angesicht des Todes.“

Die Gedichte sind thematisch in sechs Kapitel unterteilt. Der Gedichtband beginnt mit dem Kapitel „Sprache“, womit die deutsche Muttersprache gemeint ist. Deutsch ist für Ruth Klüger die Kindheitssprache, eng verbunden mit der deutschen Literatur.
„Als ich 1942 mit elf Jahren nach Theresienstadt deportiert wurde, konnte ich schon eine ganze Menge deutscher Gedichte auswendig, weil es in Wien nichts anderes mehr für mich zu tun gab, als Gedichte auswendig zu lernen.“
Nach dem Krieg war die deutsche Sprache lange Zeit eine große Belastung für sie. Mit ihrem Mann hatte sie nie Deutsch gesprochen und es auch ihren Kindern nicht gelernt. Doch vor allem über die Literatur und ihr Studium der Germanistik näherte sie sich der deutschen Sprache wieder mehr an, auch wenn sie für sie immer problematisch bleiben wird. Als Gegenpol zu diesem Kapitel kann das letzte erachtet werden, welches den Titel „Englische Gedichte“ trägt und auf Englisch verfasste Gedichte mit deutscher Übersetzung beinhaltet. Englisch ist für Ruth Klüger „Erwachsenensprache“, da sie es erst mit sechzehn lernte.

Das zweite Kapitel, „Wiener Gedichte“, befasst sich mit Wien, ihrer Geburtsstadt, zu der sie immer noch ein sehr gespaltenes Verhältnis hat:

„Denn aus Wien wollte ich, seit ich denken konnte, weg – einfach weg. Und nach Wien komme ich immer wieder zurück, auf der Suche – wonach?“

Die Gedichte befassen sich einerseits mit ihrer durch den Nationalsozialismus jäh unterbrochenen Kindheit in dieser Stadt und andererseits mit den Wienbesuchen der erwachsenen Frau nach dem Krieg. Die Gedichte drücken das Unbehagen und das Gefühl der Fremdheit aus, da die Stadt zugleich vertraut und fremd ist:

„Ich kannte sie zu gut, kannte sie überhaupt nicht. Wo war ich?“

Heißt es im Kommentar zum Gedicht „Am Bauernmarkt“, welches während eines Wienaufenthalts 1997 entstanden war. Auch andere Gedichte befassen sich mit dem Problem der unmöglich gewordenen Rückkehr nach Wien. Zu dem Gedicht „Ist das Heimweh?“ meint sie im Kommentar:

„Das Gedicht soll die Zerreißprobe zwischen dem Gefühl des Dazugehörens und der Ablehnung ausdrücken.“

Die nationalsozialistische Vergangenheit Wiens wird zwar zu dieser Zeit großteils noch verdrängt (ein Gedicht endet mit einem Besuch des Freudmuseums), ist aber doch vorhanden. Verdichtet wird diese Kluft zwischen der schönen Fassade der Nachkriegsjahre, hinter der die schreckliche und noch verdrängte Vergangenheit des Nationalsozialismus liegt, in dem abschließenden Bild aus dem Gedicht „Heldenplatz“:

Auf dem Galgenplatz blüht jetzt der Flieder.

Das dritte Kapitel, „Jüdische Gedichte“, enthält wohl die schwierigsten, aber auch berührendsten Gedichte des Bandes. In der Vorbemerkung zu dem Kapitel schreibt Ruth Klüger zu den ersten beiden Gedichten:
„Diese Gedichte habe ich im Jahr 1944 im Alter von zwölf und dreizehn Jahren im KZ in Anflügen von Todesangst verfasst.“

AUSCHWITZ
[...]
Hinter den Baracken brennt
Feuer, Feuer Tag und Nacht.
Jeder Jude es hier kennt,
jeder weiß, für wen es brennt,
und kein Aug‘, das uns bewacht?
[...]

Gedichte wie dieses lassen einen verstummen und doch ist es notwendig, sie zu lesen und darüber zu sprechen. Denn sie sind nicht nur Gedichte, sondern Zeitdokumente, auswendig verfasst im Konzentrationslager und erst später aufgeschrieben. Im Kommentar zu dem Gedicht „AUSCHWITZ“ schreibt Ruth Klüger:

„Es ist ein gutes Beispiel von Versen, die nicht um ihrer selbst willen interessant sind, sondern wegen der Umstände, unter denen sie verfasst wurden. Das war im Mai 1944, ich war zwölf Jahre alt und ich werkelte sie vor mich hin, eine Strophe nach der anderen, alles im Kopf, zum Aufschreiben hatte ich nichts, war auch nicht nötig, denn die Wiederholung des eben Gedichteten entsprach meinem Ordnungssinn. [...] Ich habe die Strophen aneinandergereiht, alle nach demselben fünfzeiligen Strickmuster [...] und alle demselben Zweck dienend: nämlich die ungeheure Unordnung, die hier herrschte, das heißt, die Aufhebung der gesellschaftlichen Regeln im Vernichtungslager innerlich zu bekämpfen.“

Die späteren Gedichte wie „Netze der Toten“, „Mit einem Jahrzeitlicht für den Vater“ oder „Aussageverweigerung“ befassen sich mit der großen Trauer und dem Gedenken an ermordete nahe Verwandte, vor allem Bruder und Vater, und der Frage, wie man mit den Erinnerungen weiterleben kann.
„Die späteren Gedichte sind Gespenstergedichte. Gespenster, wie ich sie erlebe, sind unbegrabene Vergangenheit [...]“

Jom Kippur

Und dieses Jahr wie jedes Jahr
zehrt und zerrt der Hunger der Toten
an dem Fleisch der Lebendigen. [...]
[...]
Sind wir Lebenden denn den Toten Gespenster?

„Träume“ ist das folgende Kapitel betitelt. Die Gedichte darin sind aber keine einfachen Nacherzählungen von Geträumtem, da Ruth Klüger in der Vorbemerkung meint, sich nach dem Aufwachen meist nicht mehr an das Geträumte erinnern zu können:

„Wenn ich nach meinen Träumen befragt werde, so kann ich sie höchstens hilflos als „leere Landschaften“ zusammenfassen. Aber merkwürdigerweise kommen dann im Gedicht oft Bilder zusammen, die nur als Traumbilder verstanden werden können.“

Limbo

Benzinfeuer flackern
im Unflat am Ufer
bei Nacht.

Bei Tag
steht der Rauch
zäh
überm Fluss
steigt träge das Giftgas
schwellend den Schwamm der Lunge.

Worte, im Hals,
im Munde getränkt,
atmen den alten Geruch.

Schwimmend weitergeschwemmt
in flüssigem Teer
einem Meer zu
aus Wasser – ah Wasser!
– und Salz?

Das fünfte Kapitel lautet „Kindergedichte“. Diese schrieb sie wegen ihrer eigenen Kinder, aber nicht für sie, da ihre Kinder kein Deutsch sprechen. Auch diese Gedichte verarbeiten Selbsterlebtes, in den Gedichten „Scheidungsblues“, „Krise“ und „Zwei Schlaflieder“ stehen Kinder nach einer zerbrochenen Ehe im Mittelpunkt.

Krise

Kinder, denen der Vater entgleitet,
wohnen in stürzenden Häusern.
Ist unterm Fuß auch ein Teppich gebreitet,
der Boden schwankt.
[…]

Der Gedichtband schließt mit dem Kapitel „Englische Gedichte“. Dieses Kapitel enthält auf Englisch verfasste Gedichte mit ihren deutschen Übersetzungen. Ruth Klüger ist eher skeptisch, was die Übersetzbarkeit von Lyrik anbelangt. Bei ihren Übersetzungen eigener Gedichte ist dabei besonders spannend, dass sie sich immer wieder stellenweise vom „Original“ löst (oder ist bei Selbstübersetzungen die Übersetzung nicht ebenso Original?) und dieses vielmehr kommentiert.

[...]
Ripples of water when you were swimming,
your questioning voice saying: “Ampersand?”
[…]

[…]
Ich seh dich noch schwimmen und hör deine Stimme
wie du ein schwieriges Wort erklärt haben willst,
[…]

Die Zitate kommen aus dem Gedicht „Halloween and a Ghost“ / „Ein Gespenst zu Halloween“. Darin geht es um die Erinnerung an den ermordeten Bruder, die durch die verkleideten Kinder vor der Tür unvermeidbar ist. Der Absatz lautet im Ganzen:

[...]
Ripples of water when you were swimming,
your questioning voice saying: “Ampersand?”
These I recall and your sailor hat and
in a wintry schoolyard the shape of your breath.
But I never learned the shape of your death,
there being so many ways of killing.
[…]

Da der Kommentar eine so vorrangige Rolle im ganzen Gedichtband einnimmt, scheint es ganz selbstverständlich, dass am Ende dieses Bandes auch die Grenzen zwischen Übersetzung und Kommentar verschwimmen.

Sehr wichtig sind Ruth Klüger die Kommentare zu ihren Gedichten. Dies wird schon mit dem Untertitel „Kommentierte Gedichte“ deutlich gemacht, aber auch im Band immer wieder betont.

„Die Kommentare handeln von dem, was ich weiß, und dem, was ich glaube zu wissen.“

Kommentiert werden nicht nur alle Gedichte einzeln direkt im Anschluss, sondern es gibt auch zu jedem Kapitel eine kurze Vorbemerkung und der ganze Band wird von einem Vorwort und Nachwort eingefasst. Die Nähe zu autobiographisch Erlebtem wird durch die Kommentare noch zusätzlich hervorgehoben.

Ruth Klüger betont immer wieder, dass scheinbare Makel oder Unebenheiten ihrer Gedichte, wie z.B. unreine Reime,  ganz bewusst seien und ihre Funktion hätten.

„Die fehlende Silbe in „Scheinheiler“ ist selbstverständlich Absicht.“

In diesem häufigen Hervorheben und Sprechen über vermeintliche „Schwachstellen“ zeigt sich eine Unsicherheit und Verwundbarkeit der Autorin, welche ihr selbstbewusstes Auftreten kaum vermuten ließe.

Gedichteschreiben als Versuch, Unbewältigbares etwas besser zu bewältigen, so könnte man den Gedichtband von Ruth Klüger auch lesen. Trotz großer Verzweiflung und Trauer sind die Gedichte von Ruth Klüger aber keineswegs ein Aufgeben, sondern vielmehr ein selbstbewusstes Weitergehen.  Ein Weitergehen mit den schweren Erinnerungen an die Vergangenheit und immer gemeinsam mit den vielen ermordeten Toten, aber doch nicht ganz ohne Zuversicht.

[…]
Alles, was leuchtet, hat Sinn.
Willst du was lernen?
Kassiopeia, die Königin
ist auch nur ein Dreieck aus Sternen.

Ruth Klüger
Zerreißproben
Kommentierte Gedichte
Zsolnay
2013 · 120 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-552-05641-1

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