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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
Kritik

Hashtag

#Verantwortungsgemeinschaft
Hamburg

Mit diesem Buch liegt uns (wieder mal) einer der letzten paar Bände vor, die in der Lyrik Edition 2000 bei Allitera noch erscheinen. Ich schrieb das so schon: Schade darum bzw. ganz glaube ichs noch nicht – zu klar erkennbar ist die ästhetische Handschrift, die man sich da erarbeitet hat, als dass es Sinn machen würde, das alles in die Backlist zu verklappen. Solches können wir übrigens auch dann konstatieren, wenn wir mit der stringent durchgezogenen Programmlinie nicht übereinstimmen – dem Aufsitzen der Reihe auf der angenommen fortdauernden Selbstverständlichkeit hermetischer und sonstwie narrativ verdichteter Schreib- und Leseweisen der ca. 1950er-1960er Jahre; also der Verweigerungsgeste zumindest gegenüber den Entwicklungsschritten "Langgedicht" und "konkrete poesie" – denn innerhalb dieser Vorgabe ist man, was Themen, Sprachregister usw. betrifft, ziemlich heutig …

Sabina Lorenz' "Wie wir #binden. Wie wir #verschwinden." beispielsweise. Die Hashtags im Titel sagen uns so etwas wie: Wir stellen Bezüge her, räumliche und menschliche, und aus denen verschwinden wir in einem zweiten Schritt; weiters sei das Medium, in dem beides sich abspielt, die Soziale-Medien-Blase, die paradoxe Abstraktion des Gesellschaftlichen. Zwischenmenschliche Realität ist rückge#bunden an ihre Abbildung im Nichtort Netz. Der Titel fokussiert die Art und Weise, in der dieses geschieht. Was er dagegen ausklammert, ist die Frage, wen oder was wir #binden ? (Natürlich stupst der Titel auch, kokettkokett, die allerletzten Dinge an: Wir "binden", indem wir uns ein [Sozial-]Leben errichten, und irgendwann "verschwinden" wir, und das Leben läuft ohne uns weiter …)

Die sechs oder acht Zyklen, aus denen der Band (je nach Zählweise) besteht, machen eine ziemliche Bandbreite für dieses Leben und die Wirklichkeiten auf, das und die wir uns da also vor dem Goldgrund der Netze und Hashtags denken zu sollen scheinen. Auf einer ersten Doppelseite zurrt Lorenz ohne Federlesens ihr Programm fest: Links ein Screenshot der automatischen Ergänzungen, die Google zu den beiden Worten "komme ich" ausspuckt –

komme ich
komm ich erzähl dir eine geschichte
komm
ich erzähle dir eine geschichte
komm
ich zeig dir die berge
komm
ich zeig dir die sonne
komm
ich jetzt ins fernsehen

– und rechts ein kurzes Durchvariieren der Begriffe Straße, Erzählen, Menschen, Geschichte:

Doch sind es die Straßen, die erzählen, / oder sind es die Menschen, die den Straßen / erzählen, sind es die Schuhe der Menschen / auf den Straßen, die zählen, zählen die Straßen / (…)

Zweierlei Automatismen, in denen sich Erzählen verflüchtigt, angewandt auf den Begriff Erzählen. Auf diese Ansage folgt dann allerdings nichts Aufregenderes als neun Fünf- bis Sechszeiler über eine Fahrt durch British Columbia, über die Strassen, Berge, Seen … Das macht dann Sinn, wenn wir den band linear von vorn nach hinten lesen und nichts als Einzeltext stehenlassen. Dann lesen wie diese Fahrt, bezogen auf die Einleitungsdoppelseite und die Hashtags im Titel, als Frage danach, wieviel vom Ich bleibt angesichts der stummen Natur, ohne das Wir – … und zweitens als unaufdringlichen Hinweis darauf, dass diese Frage anders gestellt werden muss, seit es Mobiltelefone mit Messenger-Apps gibt. Wir #binden also anders als noch unsere Großeltern, und selbst wenn wir aus dem unmittelbaren Sozialen #verschwinden, sieht das anders aus als früher.

Ganz ähnlich am anderen Ende des Bandes: Zuerst sechs mit "Statusmeldungen" überschriebene Gedichte an ein Du, nur etwas ausufernder als die zu Anfang, die zwischen die Zeilen eng gewebter lebensgeschichtlicher Anekdoten (wieviel klar bestimmtes Wir, wieviel #Bindung!) eine Menge Memento Mori packt; das letzte fängt gar an –

Noch bin ich nicht bereit. Kaufe die letzten
Sonnenblumen. Sag unterm Ahorn: Schau,
wie er blüht. (…)

– danach ein "Epilog", der in einem Screenshot vom Dropdownmenu des bekannten Windows-Patience-Spiels besteht, zum Anklicken ausgewählt der Menüpunkt "Beenden" (aha, denken wir: Das Leben ein Spiel, weggeschobene Langeweile, mechanischer Vollzug … aber das alles wird gleich beendet … ); und schließlich der wirkliche Schluss: zwei Trauergedichte "Für eine Katze", die sich und ihr Sujet komplett ernstnehmen.

Der Band ist also zwischen zweierlei Modi des Unbelebten – des allerdings #wahrnehmbar Unbelebten – aufgespannt: Blind-technischer, materieloser Vollzug syntaktischer Regeln am einen Ende – der Übergang von Leben in tote Materie am anderen Ende. Und dazwischen? Wird #gebunden und/oder #verschwunden. Das Vertrauen in Nutzen und Frommen hermetischer Lyrik als Austragungs- und Ausstellungsort für solche Fragen der Selbstverortung und Weltaneignung ist sichtlich ungebrochen; es wirkt, dem Reflexionsgrad dieser Sprache zum Trotz, naiv; und gerade die Stellen, die die automatisierte Syntax der Sozialmaschinerie ausstellen und denunzieren wollen, wirken, als hielten sie sich mit Oberflächenphänomenen auf.

Es ist jedoch gerade dieses Aufreiben an bloßen Phänomenen, bei dem Funken sprühen. Etwa in dem #Orlando-Text, der die Proteste aus 2016 in den Dunstkreis der Romanfigur von Virginia Woolf einschreibt; oder dem titelgebenden Zyklus, bestehend aus sechs Gedichten, die das Verfließen zwischen individuellem und gesellschaftlichem Denken, Erinnern und Erahnen zu Thema haben; konkret: Die topographischen und menschlichen Verwüstungen der Hitlerei und des zweiten Weltkriegs auf der Karte und im kollektiven Gedächtnis, das eine Sprache darstellt.

(Es geht ums Schweigen der Zeitzeugen gegenüber den Nachgeborenen, klar.)

(Es geht im ganzen Band, vielleicht war das noch nicht deutlich genug, um automatisiertes Erinnern. Was dann mit dem Ich geschieht. Wenn das #wir sich nun seine Archive anders organisiert als gewohnt.)

(Will sagen: Lorenz' Fragen sind weit weniger naiv als ihre vorsätzlich angewandten Methoden.)

Sabina Lorenz
Wie wir #binden. Wie wir #verschwinden.
Lyrikedition 2000 [Allitera]
2016 · 80 Seiten · 11,50 Euro
ISBN:
978-3-86906-944-9

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