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Kritik

Poetische Lebens-Wanderlieder

„fremd gedanken“ heißt der erste Lyrikband Sabine Schiffners, der bei Lyrikpapyri erschienen ist. Insgesamt ist es bereits ihr vierter Gedichtband. Aber Lyrikpapyri gibt es erst seit Herbst 2012, als Zweig für Lyrik bei Horlemann. Mathias Jeschke, der Herausgeber dieser Reihe, sagte anläßlich eines Interviews zur Entstehung von Lyrikpapyri: „Gedichte gehören nun mal zu den grundlegenden Lebensmitteln von innerlich lebendigen und mit Vorstellungskraft begabten Menschen. Manche wissen das schon, andere werden wir noch gewinnen.“ Und die Gedichtbände, die bislang in dieser noch sehr jungen Edition erschienen sind, sind hervorragend geeignet, alte Leser weiterhin satt zu machen und bei neuen Lesern den Appetit zu wecken.

Im Nachwort zu Martina Webers Gedichtband „erinnerungen an einen rohstoff“, fragte sich Kurt Drawert, welchen Zweck Titel haben, und kam zu dem Ergebnis: „Gute Titel sind demnach solche, die sagen, was sie verschweigen und in dieser Aporie (wörtlich übersetzt „Ratlosigkeit, die Unfähigkeit ein philosophisches Problem zu lösen)  findet das Poetische dann zu sich selbst.“ 

Was verschweigt ein Titel wie „fremd gedanken“ und was sagt er mit diesem Verschweigen aus? Ganz sicher sind nicht allein die Zitate gemeint, die die jeweiligen Gedichtzusammenstellungen einleiten, obwohl sie klug gewählt sind. Eher bezeichnet dieser Titel Gedanken, die in der Fremde entstehen, auf Reisen, auch auf der Reise durch die Zeit, während der einst wohl vertraute Gedanken plötzlich fremd werden. Aber in dem Titel steckt noch mehr, die Art, wie man sich selbst fremd wird auf seiner Reise durch das Leben, die jeder von uns kennt, auch wenn nur wenige so davon singen können, wie Sabine Schiffner.

Gedanken kommen und gehen, werden fremd oder bleiben vertraut, reisen durch die Köpfe und durch die Zeit, und wenn die alten Gedanken gegangen sind, dann ist da Platz für neue, für Aufbruch, wie in dem Gedicht „Wanderlust“. Wie hier das Volkslied („Das Wandern ist des Müllers Lust“) in diesem Gedicht wörtlich genommen und auf die erotische Komponente ausgedehnt wird, ist ein ganz wunderbarer Kunstgriff. Die Lust wandert und verwandelt, und schließlich bricht die Müllerin (statt wie bislang auf den Müller zu warten) mit den Worten auf:

        „ich bin die müllerin verträge gib
es nicht die liebe liebt
das wandern gott hat sie so gemacht.“

Die Bewegung ist in Gang gesetzt. Zeitlich und emotional bewegen sich Schiffners Gedichte nach diesem Auftakt durch Zeit und Raum, um unter anderem zu erzählen wie Geschenke den Beschenkten zuweilen nach hinten beugen können (Gladiolen), wie sich eine unbeschwerte Zeit in einer Marmeladensorte manifestiert (Orangenmarmelade).

Nach diesem wachen Wandern kreisen die folgenden Gedichte um die Nachtseiten und Träume, um am nächsten Morgen in die Ferne aufzubrechen, in die Natur- und Tierwelt, um „schwarze Ziegen“ zu beobachten, dem „Rotkehlchen“ hinterher zu sehen und Seeigel und Schildkröten, die „die haut über die augen ziehen“ zu bewundern.

Die „Schneespatzen“ sind eine Hommage an den Vater und leiten das nächste, den Eltern gewidmete Kapitel ein:

        „der vater mit den fotos von den spatzen
die mit von eis umhüllten federspitzen
        im schneefall sitzen welch wunderliches
winterliches bild und alles ohne blitzen“

In berührenden Gedichten spricht Sabine Schiffner hier von Ähnlichkeiten (die hände von e.), Erinnerungen heraufbeschwörenden Gerüchen (weserwasser mit kaffee) und dünnen Scheiben Gouda (Käse). Diese Gedichte wecken nicht nur Erinnerungen an die Kindheit und an eine andere Zeit („am abendbrottisch bei /schwacher siebzigerjahrebeleuchtung) , sondern zeugen voller Melancholie von diesem seltsamen Paradox, in dem man sich ab einem gewissen Alter befindet, einerseits immer das Kind seiner Eltern zu bleiben, andererseits die Kindheit nun endgültig verloren zu haben (zinnien):

        „die kinder wachsen mir
über den kopf
        auch wenn sie hübsch
        und wohlgestalt sind
        [¡K]
        auf stengeln stark wie
        stämme unmöglich sie zu biegen
        und diesen blick aus wimpern
        die golden sind und dunkel zugleich wie ebenholz“

Den Gesängen der Nachtigall hinterher, die überall gleich klingen, auch wenn sie unterschiedlich benannt werden, führt Schiffner den Leser durch Ungarn, Rumänien und nach Mallorca, bis die Reise in der Casa blanca, dem weißen Haus, ihren Abschluss findet, wenn in „melaten“ von einem erzählt wird, den der Wunsch sein Grab möge auf Melaten sein am Leben hält.

Man sagt, und das sehr zu Recht, Schiffners Gedichte seien melodisch. In diesem Band singt sie ein Lied des Lebens, das im Spiel der Generationen zwischen Finden und Verlieren, Vergänglichkeit und Bewahren verläuft. Traurig und schön. Reine Poesie.

Sabine Schiffner
fremd gedanken
Horlemann Verlag
2013 · 96 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-89502-351-4

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