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Kritik

Zustände

Sabine Scho widmet sich in ihrem Gedichtband den Farben
Hamburg

Anke Bennholdt-Thomsen-Preis

Die in Berlin und São Paulo lebende Dichterin Sabine Scho wird mit dem diesjährigen Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis geehrt. Die mit 10000 Euro dotierte Auszeichnung wird am 23. November in Weimar zum zweiten Mal vergeben, teilte die Deutsche Schillerstiftung mit. Die Jury lobte Verfahrensweisen und Themen der Autorin als einzigartig in der gegenwärtigen deutschsprachigen Lyrik. Scho trage in ihren Gedichten Worte aus allen Bereichen und Sprachen zusammen und erreiche dadurch eindrucksvolle Wortneuschöpfungen.
(Quelle: süddeutsche.de)

Wenn man das Wort Farben hört, bietet sich eine ganze Reihe von Assoziationen an, die von Sinneseindrücken in der Natur, Licht unterschiedlicher Wellenlänge, Acrylat-Polimer-haltigen Stoffen bis hin zu in die Außenwelt transponierten Seelenzuständen reichen. Dieser Erfahrungsschatz wird durch den Titel von Sabine Schos neuem Gedichtband angesprochen, aktiviert und für die Rezeption nutzbar gemacht.

Der Band beginnt mit 33 Gedichten, die jeweils einer Farbe gewidmet sind. Bei der Beschreibung dessen, was Farben für den Leser bedeuten können, bespielt Scho ein großes Feld: Mal werden fast wie bei einer ecriture automatique Dinge aufgelistet, die man mit der Farbe verbindet, mal widmet sich die Autorin dem Farbnamen (knitting needles, outer space) oder sie interpretiert, was diese Farbe an Inhalten transportiert. Die Vielschichtigkeit einer farbigen Welt spiegelt sich in vielschichtig durchdachten und gestalteten Texten wider.
Sprachlich bewegt sich Scho auf der Höhe der Zeit. Sie verwendet technisch-naturwissenschaftliche Begriffe (reimraumanzug, lasergravur), Fremdwörter (retour, deprivationen), Neologismen (nachbildevent, kassibern) und Sprachspiele (sex as a pity, das absolute gestör). Auffällig ist der permanente Gebrauch der englischen Sprache, zum Beispiel bei den Überschriften oder im Textkörper des Gedichtes, der mitunter so weit getrieben wird, dass fast das gesamte Gedicht in Englisch verfasst ist (blue). Dadurch entstehen Texte, die modern, urban, kosmopolitisch, aber auch ein Stück weit asinnlich und intellektuell-distanziert wirken. Farben, so wird durch die Verwendung des Englischen nahegelegt, rufen nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten westlichen Welt ähnliche Eindrücke beim Betrachter hervor.

rhinestone

one of these greys
komm, »gehen wir
ein paar schritte«
»hast du gesehen
wie gut der mann
aussieht«, kennst
du mein post-drug-
disease? es ist, als
ob du wellenkundig
sinkst, lage und ein-
zugsgebiet ziehen
spurlos an dir vorbei
nicht mehr in der klemme
im sinken so gut wie un-
gebunden, ohne geschiebe
und provinz, remember
your shelter came from a shower
ich meine, belassen wir es dabei

Schos Metaphern sind manchmal atemberaubend. So wird schwarz beschrieben als "resonanzraum aus lichtloser trauer für eine immens sinistere sms", pink als "hotellobbymoon hot geschockt vom kalibrierten cocktail" und sea fog als "aufstrebende aerosole bei eingetränkter sicht."
Am stärksten sind Sabine Schos Farbgedichte, wenn hinter all der sprachlichen Innovation ein innerer Zusammenhang des Textes steckt wie bei white, wo es um Zustände der Leere geht, oder bei chartreuse, das auf die Existenz von Vordergründigem und Hintergründigem anspielt. Deutlich schwächer sind die Gedichte, die sich einseitig mit dem Farbnamen befassen (knitting needles) oder zu naheliegende Assoziationen thematisieren (bei green hätte wohl jeder an Gras gedacht). Manchmal werden zu viele Dialogfragmente aneinandergereiht (sealskin), was das Gedicht seltsam leer wirken lässt.

Im zweiten Teil des Bandes bleibt Sabine Scho beim Sehsinn und präsentiert Gedichte, die durch bildende Kunst (etwa mittelalterliche Wandteppiche und Gemälde des holländischen Malers Ludger tom Ring) inspiriert sind. Diese Texte sind sprachlich weniger spektakulär als der Farbzyklus, was ihrer Qualität keinen Abbruch tut. Das Betrachten der Kunstwerke löst im lyrischen Ich einen Rezeptionsprozess aus, der eine bruchstückhafte Skizze des Gesehenen mit einer Verortung im Hier und Jetzt verbindet. Gut gelungen sind im zweiten Teil die Zeilenumbrüche ("ihr Himmelskörper reich verhüllt" oder "nicht gebunden gelebt"), Elemente der Prosa (Narration) sind häufiger zu finden als im Farbzyklus. Im Gedicht "Drei Pfauen" verwendet Scho schöne Metaphern ("Zwei reizen sich, vergleichen die Augen spielen, paschen, verlieren" oder "Drei Pfauen bilden den Satz des Pythagoras Im Winkel wehrt praktische Kunst ihre Fressfeinde ab"). In "Falling for Oblivion" überzeugt sie mit einer Meditation über die Kreuzigung Jesu ("Wer spricht davon, man könne den Tod besiegen/ Und ist nicht des Teufels"). Sicherlich der schwächste Text im zweiten Teil ist "Noah und seine Familie besteigen die Arche", der zu umgangssprachlich, dialogisch und an der Prosa orientiert daherkommt ("Ey, die nich, nur die Lungenatmer").

Ohne Frage ist Sabine Scho eine Autorin, die sprachlich sehr viel kann. Was in ihren Gedichten aber zu kurz kommt, ist der sinnliche Aspekt der Farben. Assoziieren und empfindendes Schauen sind zwei paar Schuhe. Warum Scho diesen Gesichtspunkt vernachlässigt, darüber kann man nur spekulieren: War ihr dieses Feld zu abgegrast oder nicht zeitgemäß genug? Wollte sie bewusst die Lesererwartungen konterkarieren? Wie dem auch sei: Es wäre dennoch schön gewesen, mehr sinnliche Elemente in ihren Texten zu finden.

Sabine Scho · Daniele Seel (Hg.)
Farben
Kookbooks
2008 · 80 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-937445342
Erstveröffentlicht: 
literaturkritik.de

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