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Kritik

Geschichte eines umfassenden Scheiterns

Samar Yazbek beschreibt den Teufelskreis der Gewalt, der Syrien immer weiter in den Abgrund treibt.
Hamburg

Was Syrien angeht, besteht ein tragisches Missverhältnis in der Wahrnehmung der Lage in diesem Land, der Nöte der Menschen dort. Auf der einen Seite gibt es Menschen wie Samar Yazbek, die sich selbst großen Gefahren aussetzen, um immer wieder über die Lage vor Ort berichten zu können, den Menschen dort, die niemand hört, eine Stimme zu geben, auf der anderen Seite hat die Politik beharrlich vier Jahre lang weggesehen, gibt es noch heute Verantwortliche wie Orbán, die mit einer unglaublichen Ignoranz und Grausamkeit keinerlei Kenntnis von der Lage in Syrien nehmen. Und daher nicht anerkennen zu können, dass die Menschen nicht fliehen, weil sie sich ein „besseres“ Leben erhoffen, sondern weil sie die einzige Möglichkeit wahrnehmen, überhaupt weiter zu leben. 

Was sie verlassen, das weiß man nachdem man Samar Yazbeks Buch gelesen hat, ist nicht ihre Heimat. Denn Syrien, als Mosaik aus Religionen und Ethnien, existiert längst nicht mehr. Und so hat Samar Yazbek ein Buch über das Scheitern geschrieben. Über das Scheitern der syrischen Zivilgesellschaft und einer Welt, die unbeteiligt zugesehen hat.

Yazbek, die als Journalistin und Alawitin im Laufe der syrischen Revolution ins Visier des syrischen Geheimdienstes geriet und nach massiven Einschüchterungen mit ihrer Tochter nach Frankreich floh, lebt heute in Paris, von wo aus sie immer wieder nach Syrien zurückkehrt. In erster Linie um den Frauen dort praktische Hilfe zukommen zu lassen. Sie hat einige Frauenprojekte ins Leben gerufen und betreut. Von ihren heimlichen Reisen nach Syrien in den Jahren 2012 und 2013 berichtet sie in „Die gestohlene Revolution“.

Syrien als Gemenge aus Religionen und Ethnien gibt es nicht länger, aber was es gibt, in diesem Land, das nicht zur Ruhe kommt, sind unendlich viele Geschichten. Von Frauen und Männern, Kinder und Alten, die leiden, und die ein großes Bedürfnis haben, ihre Geschichten zu erzählen. In diesem Punkt hat mich Yazbeks Buch an Swetlana Alexijewitsch Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ erinnert. Während sich Alexijewitsch auf die unerzählten Geschichten der Frauen während des zweiten Weltkrieges konzentrierte, lässt Yazbek alle erzählen, Männer, Kinder, Frauen, und sie lässt sie aus der unmittelbaren Gegenwart und Betroffenheit erzählen, aber was den Büchern gemeinsam ist, ist die Erkenntnis wie wichtig es den vom Krieg betroffenen ist, von ihren Erfahrungen zu erzählen. Joan Didions Buchtitel „Wir erzählen uns Geschichten um zu leben“, bekommt vor diesem Hintergrund noch einmal eine neue Dimension. Eine der Frauen, die Yazbek ihre Geschichte erzählt haben, sagt: „Wenn wir jetzt sterben, wird die Welt unsere Geschichte erfahren, nicht wahr?“

Mit jeder der von Yazbek widergegebenen Geschichte wird der Teufelskreis der Gewalt deutlicher, in den alle Beteiligten scheinbar unentrinnbar verstrickt sind. Wenn Kinder wegen der unausgesetzten Luftangriffe nicht mehr zur Schule gehen können, junge Menschen ihr Studium nicht abschließen können. Wenn Menschen stattdessen gezwungen sind in unterirdischen Grabkammern aus römischer Zeit zu leben, die zu Höhlen für Flüchtlinge geworden sind. Im Dunklen, ohne natürliches Licht, ohne medizinische Versorgung, ohne sanitäre Anlagen. „Eine totale Zerstörung, als sei der Ort von der Zeitmaschine in einem einzigen Augenblick in die Steinzeit katapultiert worden. Gleichzeitig war der Himmel von einem strahlenden Blau.“

Überall in Syrien tobt ein verzweifelter Kampf mit selbst gemachten Bomben, eine unbändige Gewalt, geboren aus Ohnmacht und Ausweglosigkeit. Von einem Gespräch mit einem der Kämpfer in den unzähligen syrischen Splittergruppen schreibt Samar Yazbek: „Aber dieser Kreislauf des Tötens darf nicht zum Wichtigsten werden, wofür die Menschen leben. Das ist doch keine Gerechtigkeit“, entgegnete ich. Abu Wahid und die Männer schwiegen. Und ich dachte bei mir: Vielleicht sind Gerechtigkeit und Moral nicht das Gleiche.“

Und so geht die Vereinzelung, Separierung und Zersplitterung immer weiter. Yazbek schreibt: „Alles ist durcheinander geraten, man hat das Gefühl, jede Ansammlung von Menschen bildet bereits einen eigenen Staat.“

Man merkt einigen der beschriebenen Szenen an, dass Worte nicht hinreichen, um zu erklären, zu vermitteln, was dort geschieht. Zu unfassbar sind das Grauen, die Gewalt und die Willkür. Oder die Vorstellungskraft von Menschen wie mir, die beschützt und behütet seit Jahrzehnten in Frieden leben, reicht einfach nicht aus, sich ein Bild zu machen vom Leid derjenigen, die längst keine Wahl mehr haben.

„Die Gebäude an der Straße neigten sich Richtung Boden, Eisen und Zement schienen sich vor unseren Augen in etwas Flüssiges zu verwandeln. Ein vierstöckiges Haus, dessen Dach ganz einfach den Bürgersteig heruntersank wie ein Theatervorhang! Und darunter verschwand die Menschenmasse. Indem die Gebäude aufeinanderfielen, sanken sie ganz langsam zu Boden, neben die riesigen Müll- und Schuttberge, die über die ganze Stadt verteilt waren. Maarat al Nuuman bot ein Bild der kompletten Zerstörung.“

Die Syrer begraben ihre Toten in ihren Gärten, dort, wo sie, ohne sie, weiterleben müssen.

„Die Friedhöfe rückten immer näher an das Leben der Menschen, rückten so nahe wie Läden und Straßen. Mit jedem weiteren Massaker verwandelte sich der Boden in eine Erdgrube, die von den Körpern der Syrer durchsetzt war.“

Samar Yazbek berichtet in ihrem Buch von Entführungen und Überfällen. Es gibt so viele Splittergruppen, dass es schwer fällt, den Überblick zu behalten.

Vor Ort versuchen einige Aktivisten verzweifelt, die Verbrechen zu dokumentieren und die Welt in Kenntnis zu setzen von dem, was in Syrien geschieht.

„Wie auch in Saraqib wollten die Männer das Geschehen dokumentieren und fotografieren und den Verwundeten helfen. Sie machten die Arbeit, die dem Staat oblag.“

Das vielleicht Bedrückendste an den Geschichten ist, wie deutlich wird, wie die Menschen, die friedlich für mehr Demokratie und Gerechtigkeit auf die Straße gegangen waren, sich beinahe zwangsläufig radikalisieren. In guten Glauben und aus ehrenwerten Gründen hatten sie sich der Bewegung angeschlossen, und finden sich wenig später unversehens in einer terroristischen Gruppe wieder, die das Morden Unschuldiger verlangt.

„So einfach entstand das Böse. Das Böse, das plötzlich aus Höhlen kroch und sich in der Luft breit machte. Böses, das Böses hervorrief, in einem nicht endenden Teufelskreis. Und wir hier stiegen diese Spirale hinauf. Ich erhob mich und hatte das Gefühl, in einem Orkan des Bösen aufzusteigen, und mir bliebe keine andere Wahl, als mich ihm schließlich zu ergeben.[...] Ich suchte nach diesem Bösen, indem ich die Tatsachen aufschrieb. Was war das Böse und wie konnte es so leicht entstehen? Ich wollte das Böse verstehen, weil ich nicht auf der anderen Seite hatte bleiben können, wo das Böse produziert wurde, dort, wo das Regime die Macht hatte; hier aber, auf diesem Territorium, wo ich mich nun befand, wuchs das Böse in aller Normalität.“

Samar Yazbek liefert keine Antworten auf diese Fragen. Aber sie stellt sie, und sie hält sie aus. Sie selbst glaubt, dass das das mindeste ist, was sie für ihre Landsleute, die zurückgeblieben sind, tun kann. Und es ist mehr, als sie denkt.

Samar Yazbek
Die gestohlene Revolution
Reise in mein zerstörtes Syrien
Übersetzt von Larissa Bender
Nagel & Kimche
2015 · 176 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-312-00672-4

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