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Kritik

Die Fantasie erblüht nach Schmerzenslust

Samuel Becketts vermischte Schriften „Disjecta“

Vom späten Glanz des Ruhms von Samuel Beckett, der den langen, über zwei Jahrzehnte währenden Weg dorthin vom wiederum langwierigen Verlöschen der Dichtergestalt Beckett abteilt, geht noch heute, da die Texte des Iren immer weniger ernsthaft zur Kenntnis genommen werden, eine erhebliche Faszination aus. Das Werk Becketts kann als eine Antwort auf die menschliche Tragödie im 20.Jahrhundert gelesen werden; einem so ambitionierten wie affektierten Beginn folgen nach dem kreativen Hochplateau der 40er-Jahre zunächst Schrecken und Desillusion, auch die skurrile Verlorenheit eines „En attendant Godot“, die in eine Leere des Sinns und der Dinge und das Abfinden damit münden.

Auf dem Höhepunkt dieses Ruhms, durch „Godot“ endlich gezeitigt, ist der notorische Eigenbrötler bereits mit dem ‚Ausräumen der Landschaft‘ beschäftigt, das sich in immer karger werdenden Stücken und Prosaarbeiten manifestiert und in „Atem“, „Residua“ wie dem finalen „Wie soll man sagen“ einsame Höhepunkte feiert. Der Rest ist Legende und Geheimnis der Eingeweihten, der gar nicht so seltenen Freunde Becketts und seiner Übersetzer, deren Mühsal eine zuweilen doch recht eigene Rezeptionsgeschichte schreibt. Inzwischen ist nahezu jede Arbeit des 1906 bei Dublin Geborenen und 1989 in Paris Gestorbenen erreichbar, der Abgleich der Beziehungen innerhalb der Werkstränge hinreichend versucht.

In den „Disjecta“, die als ein Nebenwerk des Nobelpreisträgers betrachtet werden müssen, sind all diese Phasen und Stränge noch einmal angerissen – in den weit verstreuten essayistischen Entwürfen findet sich neben einigem Abseitigen tatsächlich das eine oder andere Credo Becketts, das den Weg ins Schreiben und den Ausweg ins beredte Verstummen partiell erklärt. Am Schluss kredenzt der Band, der im Original mit dem Untertitel „Miscellaneous Writings und a Dramatic Fragment“ auf den Materialcharakter des Ganzen hinweist, den wohl frühesten dramatischen Versuch des Dichters, „Menschenwünsche“, der lange vor Becketts erstem vollendeten Stück „Eleutheria“ entstand. Im Mittelteil der Sammlung finden sich einige dem deutschen Leser noch unentdeckte Aufsätze und Rezensionen, in der Mehrzahl allerdings bekannte und in ihrer rezeptionellen Breite in zahlreichen Publikationen zu findende Texte.

Dieses Buch, das, autorisiert durch Samuel Beckett, 1983 in London erschien, hat in seiner deutschen Übersetzung einen etwas umständlichen Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Inhaltlich spannt es sich von den akademischen Volten des jungen Dichters, beinhaltet an einigen Stellen elementare, dem Werkverständnis dienende Statements des ansonsten gern Erklärungsflüchtigen sowie diverse und ausdrückliche Gefälligkeitsarbeiten für irische Dichterfreunde und letztlich einige wichtige Aufsätze zur Malerei, die in den späten poetischen Skizzen enden, deren Präsenz so manche Ausstellung, manchen Katalog aufzuwerten half. Die Schriften zur bildenden Kunst erschienen bereits im Jahre 2000 unter den Titel „Immer noch nicht mehr“ in den Supplementen der Werkausgabe und finden hier den ihnen eigentlich zugedachten Platz. Neu dagegen sind einige Literaturkritiken, so der ätzende Verriss von Mörikes Mozart-Novelle und Rilkes Gedichten, die in einer augenscheinlich hundsmiserablen Übersetzung auf den Geplagten gekommen sind. Von einigem Interesse dürften die Briefstellen sein, die das Verhältnis Becketts zum eigenen Werk und einigen Phänomenen der europäischen Kultur beleuchten – den Rang ambitionierter Essays wie jene zu Joyce und Proust oder der Kunstaufsatz „Die Welt und die Hose“ erlangen sie nicht.

Beckett selbst stand einem erheblichen Teil dieser Texte zunächst aus dem Grund, dass sich unter ihnen auch eine Reihe Verlegenheitstexte und besagte Gefälligkeiten finden, skeptisch gegenüber. Es dürfte demnach, worauf im Vorwort und in den Anmerkungen wiederholt Bezug genommen wird, einige Überzeugungskraft gekostet haben, ihm dieses Buch zu entlocken. Vielleicht lag in seinem Zustandekommen die Aussicht auf eine Art Retrospektive in kleinen Schriften. Anders als der Großteil seiner anderen Texte ist es eher als Arbeitsbuch denn als geschlossenes Werk anzusehen, als die ‚getrennten Glieder‘ einer anfänglich in einigem Wandel befindlichen und in den ersten Jahren nach dem Krieg sich manifestierenden Arbeitsweise. Das Stückfragment „Menschenwünsche“, das in den Ankündigungen gelegentlich den Hauch einer Sensation verliehen bekam, bietet sich zudem als halbwegs dankbares Objekt an, indem es den Spagat zwischen der frühen Hoffart und dem Verharren in Godot’scher Erwartung dokumentiert.

Der Vollständigkeit wegen wäre es vielleicht sinnvoll gewesen, der Sammlung den „Proust“-Essay von 1931 beizugeben, der für das Begreifen des Beckett’schen Schreibens und Denkens wie auch dessen Blick auf den Vorgänger von einiger Brisanz (und im deutschsprachigen Raum vergriffen) ist. Diese im hohen, erhabenen ‚Philosophen-Ton‘ daherkommende Untersuchung stellt einen wichtigen frühen Beitrag zur Proust-Rezeption dar und hätte sich stilistisch trotz seines Umfangs recht sicher in die frühen „Disjecta“ eingliedern lassen. Ob das Buch Beckett, der als einer der wichtigsten Autoren des letzten Jahrhunderts gelten muss, in Deutschland neue Leserschichten erschließt oder lediglich seiner weiteren Kanonisierung dient, wird sich zeigen. Ein profundes Geschenk für den seltener werdenden Bewunderer des „Mal vu mal dit“ ist es allemal.

Samuel Beckett
Disjecta
Bibliothek Suhrkamp
2010 · 219 Seiten · 14,80 Euro
ISBN:
978-3-518224526
Erstveröffentlicht: 
literaturkritik.de

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