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Kritik

»Um zu schweigen braucht man einen stoischeren Mund, als ich ihn habe«

Hamburg

Es muss eine unvorstellbare Arbeit gewesen sein, die über 15.000 Briefe, die von Samuel Beckett gefunden wurden, zu sichten und zu transkribieren. Beckett selbst hatte bereits 1985 einer Veröffentlichung seiner Briefe nach seinem Tod zugestimmt, an einer Auswahl und Interpretation wollte er sich nicht beteiligen. Allerdings dürfte für den langen Zeitraum der verstrichen ist, bevor jetzt der erste Band der Briefe auf Deutsch vorliegt, neben dem gewaltigen Arbeitsaufkommen, auch die Uneinigkeit der Herausgeber eine Rolle gespielt haben, welche Briefe denn „für Becketts Schaffen von Bedeutung sind.“ Schließlich hat man diesen Vorbehalt äußerst großzügig ausgelegt.

Der erste Band des auf vier Bände ausgelegten Projektes liegt nun vor, Becketts Briefe aus den Jahren 1929 bis 1940. Dieser Zeitraum umfasst die Anfänge seiner Schriftstellerkarriere, die Niederschrift des ersten Romans, „Murphy“, sowie die langwierige Suche nach einem Verlag, während der erste Weltkrieg sich anbahnt. Der letzte Brief berichtet von Überlegungen Paris zu verlassen, einige Tage bevor Suzanne Deschevaux-Dumesnil und Beckett vor der deutschen Besatzung von Paris nach Toulouse flohen. 

Beckett gilt als scheuer und schweigsamer Schriftsteller und so scheint es auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein, dass von diesem verschlossenen Mann eine dermaßen umfangreiche Korrespondenz vorliegt. Macht man sich jedoch klar, das Briefe eine Form des Schweigens sind, der Kampf dem Schweigen einen Ausdruck abzuverlangen, löst sich der Widerspruch auf.

Becketts Briefe sind darüber hinaus von Anfang an ein Spiel mit der Sprache.

„Schopenhauer sagt, defunctus sei ein schönes Wort, solange man nicht Selbstmord begeht. Er könnte recht haben.“ schreibt Beckett am 05. August an Thomas McGreevy, der während dieses Zeitraums einer der engsten Freunde Becketts gewesen zu sein scheint.  Die meisten der Briefe aus diesem Band sind an ihn gerichtet. McGreevy war ebenfalls Ire, Dichter, Kunst- und Literaturkritiker, kennengelernt hatten sich die beiden als Beckett seine Nachfolge als Englischdozent an der École Normale Supérieure in Paris antrat.

In den frühen Briefen begegnet dem Leser ein äußerst anspruchsvoller junger Mann, anspruchsvoll in seiner Lektüre (er liest Heraklit, Horaz, Descartes, Balzac, Austen, Proust, Kant, Goethe, Dante, Schopenhauer, alle in der Originalsprache), gnadenlos in seiner Kritik, und ebenso gnadenlos mit sich selbst. Insgesamt lernt man in der Korrespondenz  einen außerordentlich vielseitigen Beckett kennen, die Themen reichen von Irland bis zu Kunst und Musik, und überall erweist sich Beckett als äußerst kundiger Beobachter, der nur das allerbeste gelten lässt, ungeachtet der Tatsache, dass er selbst unter seiner Gnadenlosigkeit leidet. Dabei sind seine Briefe an keiner Stelle lamoryant, sondern immer humorvoll und bissig. Der Leser erfährt von Becketts Ruhelosigkeit, von seinen Reisen und der Suche nach einem Ort, an dem er schreiben kann.

Immer wieder schlägt sich die Angst vor Ablehnungen und dem Scheitern mit Auftragsarbeiten in seinen Briefen nieder: „Nichts scheint zu klappen. Ich habe einen verzweifelten Anlauf genommen, etwas über Gide zu schreiben, bin aber wieder gescheitert.“ (am 13. September 1932 an Thomas McGreevy)

Und anlässlich eines von ihm verfassten Gedichtes: „Ich hatte den deutlichen Eindruck, daß es minderwertig war, weil es keine Notwendigkeit darstellte.“ Im selben Brief erläutert er den Unterschied zwischen notwendiger und fakultativer Dichtung. „Ich selbst kann mir nicht so gut erklären, was sie von den anderen unterscheidet [Beckett bezieht sich dabei auf Gedichte, die er selbst nicht für konstruiert hält, die seine Gnade fanden], aber es hat etwas mit Bäumen und Himmel zu tun, nicht mit Wagner und mit Wolken auf Rädern; sie sind geschrieben über einem Abszess und nicht aus einer Kaverne, sie sind ein Ausdruck und keine Beschreibung der geistigen Hitze, die den geistigen Eiter kompensieren soll.“ (Brief an Thomas McGreevy, am 18. Oktober 1932).

Als Murphy, Becketts erster Roman, endlich fertiggestellt ist, gestaltet sich die Suche nach einem Verlag äußerst schwierig. Beckett schwankt zwischen der Bereitschaft zu Konzessionen und Wut auf die Ignoranz der Lektoren. Auf Änderungswünsche der Verleger antwortet  er mit Spott und beißendem Sarkasmus: „Mir wird angeraten, bis in alle Ewigkeit 33,3 Periode meines Werks zu amputieren. Ich habe da einen besseren Plan. Man nehme jedes 500. Wort, interpunktiere sorgfältig und publiziere ein Prosagedicht in der Paris Daily Mail. Dann den Rest gesondert und privat mit einem Warnhinweis von Geoffrey als die Delirien eines Schizophrenen oder als übersetzter Fortsetzungsroman in der Zeitschrift für Kitsch.“ (Brief vom 14. November an Mary Manning Howe).

Immer wieder gibt es Fluchtversuche, nicht nur aus Irland und dem Elternhaus, auch von der schriftstellerischen Karriere, so bewirbt sich Beckett bei Eisenstein, um das Filmemachen zu lernen, später will er Pilot werden, alles nur weil: „Ich habe keine Lust für den Rest meines Lebens Bücher zu schreiben, die niemand liest.“ (Brief vom 26. Juli 1936 an Thomas McGreevy)

Politisch sind Becketts Briefe nicht, aber er beobachtet das politische Klima sehr genau und sensibel, und mit einer deutlichen Haltung. Während seiner Deutschlandreise bedauert Beckett, dass die moderne Kunst so gut wie vollständig in die Keller verbannt wurde, er macht die Bekanntschaft mit deutschen Malern, die unter dem Nazi-Regime leiden. „Alle Klomänner sagen Heil Hitler. Die besten Bilder sind im Keller.“ (Brief vom 14. November 1936 an Mary Manning Howe)

In Potsdam lernte Beckett Axel Kaun kennen, der damals Mitarbeiter beim Rowohlt Verlag war. In einem berühmt gewordenen Brief vom Juli 1937, begründet Beckett Kaun gegenüber seine Gründe für die Ablehnung einer Übersetzung von Ringelnatz Gedichten:  „Denn ich komme vom naiven Gegensatz nicht los, zumindest was die Literatur betrifft, dass eine Sache sich lohnt oder sich nicht lohnt. Und wenn wir unbedingt Geld verdienen müssen, machen wir es anderswo.“

Über das eigene Schreiben berichtet Beckett in diesem Brief und legt dabei seine ureigene Poetologie vor: „Und immer mehr wie ein Schleier kommt mir meine Sprache vor, den man zerreissen muss, um an die hinterliegenden Dinge (oder das hinterliegende Nichts) zu kommen. Grammatik und Stil! Mir scheinen sie ebenso hinfällig geworden zu sein wie ein Biedermeier Badeanzug oder die Unerschütterlichkeit eines Gentlemans. (¡K) Ein Loch nach dem anderen in ihr zu bohren, bis das Dahinterkauernde, sei es etwas oder nichts, durchzusickern anfängt? Ich kann mir für den heutigen Schriftsteller kein höheres Ziel vorstellen.“

„Um zu schweigen, braucht man einen stoischeren Mund, als ich ihn habe“, schreibt Beckett am 18. Oktober 1932 an McGreevy.

Zum Glück für seine Leser und Dank der kundigen und sorgfältigen Übersetzung von Chris Hirte, ist Becketts beredtes Schweigen jetzt auch für deutsche Leser um den ersten Teil seiner umfangreichen Korrespondenz ergänzt worden.

Samuel Beckett
Weitermachen ist mehr, als ich tun kann
Briefe 1929–1940
Suhrkamp
2013 · 856 Seiten · 39,95 Euro
ISBN:
978-3-518422984

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