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edition noak Jean-Pierre Siméon: Die Poesie wird die Welt retten
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edition noak Jean-Pierre Siméon: Die Poesie wird die Welt retten
Kritik

Sappho: Erinnerungen von später

Hamburg

Der Verlust der Bibliothek von Alexandria hatte für die Überlieferung der antiken Kultur eine ähnlich katastrophale Wirkung wie der Meteorit am Ende der Kreidezeit für die Auslöschung der Dinosaurier. Die Alexandriner hatten der Dichterin Sappho, die sich selbst Psappho nannte, eine Ausgabe ihrer Werke in neun Büchern vergönnt, davon sind heute allenfalls, so schätzt man, sieben Prozent überliefert, und diese zum größten Teil nur in Fragmenten. Auch wenn Sappho schon damals in den Kanon der Klassiker aufgenommen war, erklärt sich die bis heute von ihr ausgehende Faszination nicht daraus allein und erst recht nicht durch die Anrüchigkeit, die ihr spätere Epochen zuschrieben — es ist vielmehr der Glanz dieser wenigen Fragmente, der die Jahrtausende überstahlt und überdauert hat. Damit wurde in geradezu prophetischer Weise erfüllt, was die Dichterin sich selbst gewünscht hatte: „Jetzt, inmitten der Freude des Festes, Muse, erbitt ich: / Möge auch unter der Erde mir hohe Ehre vergönnt sein (...)“. Denn: „Auch gestorben gilt die Sängerin nicht als verschwunden.“

Sapphos Lebensdaten lassen sich nur ungefähr erschließen, demnach wurde sie um 630 v. Chr. geboren und starb um 570 v. Chr. Das Fragment einer 1627 auf der Insel Paros gefundenen Marmortafel verrät, daß sie zwischen 603 und 595 auf Sizilien lebte, weil man sie aus ihrer Heimat Lesbos aus politischen Gründen verbannt hat. Nach ihrer Rückkehr gründete sie in der Hauptstadt Mytilene eine pädagogische Einrichtung, die junge Frauen auf die Ehe vorbereiten sollte. Ihr Landsmann Alkaios nannte sie „veilchengelockte, reine, honigsüßlächelnde Sappho“ — damals lag nichts Anrüchiges auf ihrer Person, vielleicht auch, wird in der Sekundärliteratur gemutmaßt, weil homoerotische Praktiken ein Teil der Erziehung darstellten; erst spätere Zeiten haben ihr die nach ihr benannte lesbische Liebe in abschätziger Absicht angedichtet. Zum Unterricht der Mädchen gehörte die Aufführung von Tänzen, Chor- und Einzelliedern sowie Wechselgesängen. Die griechischen Gedichte besaßen keinen Reim, jedoch ein Metrum, das sich an solchen Tanzschritten orientierte; sie standen in enger Verbindung zur Musik und zur Aufführung, waren also nicht als persönliche Bekenntnisse und Herzensergießungen im romantischen Sinne gedacht.

Das „Ich“ in Sapphos Gedichten bleibt eingebunden in den rituellen Kontext, dennoch erstarren die Gedichte keineswegs in formelhafter Pose. Deshalb können sie auch nach zweieinhalbtausend Jahren den Leser ansprechen und unmittelbar berühren. Sapphos Gedichte sind wohl aus diesem Grund die zweifellos meistübersetzten des Altertums. Hier ist zu erleben, wie sich innerhalb der formalen Zwänge und antiken Gestaltungsmöglichkeiten eine individuelle Stimme Raum zu schaffen versuchte. Die überzeitliche Eleganz der Gedichte besteht darin, daß die traditionelle Rolle immer, und sei es nur gebrochen, auf die Autorin als Persönlichkeit selbst zurückweist: „Mir gehört ein schönes Kind, gleich goldnen / Blumen ist ihr Wuchs, / Kleis heißt mein Liebling, / die gäb ich nicht für Lydiens ganze Pracht“. Es wirken also, in Reinhold Merkelbachs Worten, ein „traditioneller Rahmen und schützende Konvention mit individueller Leidenschaft zusammen und ermöglichen die Entstehung eines einzigartig schönen Gedichts“.

Albert von Schirnding legt keine vollständige, jedes Fragment berücksichtigende und allen wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Ausgabe vor, sondern eine, die sich mit verständlichen, einfühlsamen Kommentaren und einer unprätentiösen, jeden altertümelnden Duktus abstreifenden Übersetzung an den Leser wendet, der Sapphos Dichtung hier ohne altphilologische Bildung genießen darf. Deshalb reiht sich dieser Band aufs Schönste in die lange Reihe der deutschen Sappho-Übertragungen ein und stellt gewiß ein Glanzlicht dar. Das soll am Beispiel eines ihrer berühmtesten Gedichte im Vergleich mit anderen, zumeist etwas älteren Übersetzungen verdeutlicht werden:

Sappho (in Umschrift): „Déduke mèn a selánna / kaì Pläïades . mésai dé / núktes, parà d’ érchet’ hora, / égo dè móna kateúdo.“

Max Treu: „Nun ist schon der Mond versunken / und auch die Plejaden. Mitte / der Nacht, und die Zeit des Wartens / vorüber. Allein schlaf ich.“

Emil Staiger: „Der Mond und die Siebensterne / sind untergegangen. Mitter- / nacht ist und die Zeit vorüber. / Ich aber, ich liege einsam.“

Horst Rüdiger: „Versunken der Mond / Und die Plejaden; Mitte / Der Nacht; die Zeit verstreicht. / Ich aber schlafe allein.“

Dietrich Ebener: „Unter gingen der Mond schon / und die Plejaden; Mitternacht / ist es, die Stunden verrinnen, / und ich schlafe allein.“

Joachim Schickel: „Hinabgetaucht ist der Mond und / mit ihm die Plejaden; Mitte / der Nächte, vergeht die Stunde; / doch ich lieg allein danieder.“

Wolfgang Schadewaldt: „Untergegangen ist die Mondin / Und die Pleiaden. Mitternacht ist / und vorüber geht die Zeit. / Ich aber schlafe allein.“

Albert von Schirnding: „Gesunken ist Selenna, / sind die Plejaden. Mitter- / nacht, vorüber die Stunde. / Und ich schlafe allein.“

Die zitierten Beispiele, die sich ohne weiteres vermehren ließen, zeigen die Fülle der in diesen vier Zeilen steckenden Übersetzungs-Möglichkeiten. Horst Rüdiger kommt dem Duktus durchaus nahe, Joachim Schinkel der Wörtlichkeit — abgesehen von dem etwas pejorativ-mißverständlichen Verb „darniederliegen“ —, doch allein Schirnding versteht es, sämtliche Tugenden zu verbinden, und wagt sich sogar noch einen Schritt weiter, indem er Selenna, den im griechischen Original weiblichen Mond (daher Schadewaldts häßliche „Mondin“), und die Plejaden als mit Namen genannte Personifizierungen begreift, die nach dichterischer Manier angerufen werden können, so daß der Gegensatz zwischen den himmlischen Gestalten droben und der einsamen Dichterin hienieden noch verstärkt wird. Schirnding wagt auch, sehr zu recht, den feststehenden Begriff „mésai dé núktes“ mit einem den Sapphischen Originalen nicht fremden Zeilenbruch innerhalb des Wortes zu übertragen. Diese konkrete „Mitternacht“ — anders als eine unbestimmte „Mitte der Nacht“ oder wörtlicher: „der Nächte“ — macht es nun auch sinnvoll, „hora“ nicht als abstrakte Zeit, sondern viel genauer als eben jene Tages- bzw. Nachtstunde zu übersetzen. Der Partikel „dè“ in der letzten Zeile schließlich kann zwar auch einen Gegensatz andeuten, dieser ist jedoch im Text nicht unbedingt intendiert — es sei denn, man sähe die Sterne als Schlafgemeinschaft am Himmel —, so daß ein verbindendes „und“ tatsächlich eleganter und sinnfälliger ist. Schirnding findet, auch insgesamt, zu einem Ton, der weder unnötig schwerfällig oder pathetisch wirkt, dennoch aber in seiner funkelnden Nüchternheit durchaus angemessen erhaben bleibt.

Die Gedichte sind nach inhaltlichen Gesichtspunkten angeordnet — was sich durch ein Zeugnis von Caesius Bassus rechtfertigen ließe, demzufolge die Gedichte in den ursprünglichen Büchern in Gruppen eingeteilt waren —, so daß die Fragmente nun eine gewisse Kohärenz erlangen. Solchem Werkcharakter förderlich sind die rekonstruierenden Ergänzungen, die der Übersetzer behutsam und kenntnisreich vornimmt. Den bruchstückhaft überliefert Dreizeiler, der wörtlich lautet „aufgenommen hat die schwarze ... die vielen Leiden zuende führte ... dem Atreiden vollbrachte“, kann er, am sapphischen Versmaß orientiert, zu folgendem Vierzeiler auffüllen: „Auch Achilleus deckt nun die schwarze Erde. / Der im Kampf um Troja dem Atreussohn die / größten Heldentaten vollbrachte, fand zum / Ende der Mühen.“ Auf diese Weise entsteht jenseits der problematischen Überlieferung ein lebhaftes Bild von Sapphos Werk — als heute noch gültige Poesie und nicht als von der Zeit angenagtes Gestammel.

Sappho
Und ich schlafe allein
Neu übersetzt und erklärt von Albert von Schirnding
C.H. Beck
2013 · 168 Seiten · 16,95 Euro
ISBN:
978-3-406-65323-0

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