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Kritik

Nachmittags fällt mir ein

Der Notate-Band »Juninovember« von Sarah Kirsch ist etwas für Feinschmecker
Hamburg

Im Jahr 1968, da war sie 32, erschien von Sarah Kirsch das Gedicht »Schwarze Bohnen« in dem DDR-Auswahlband »Saison für Lyrik«. Es fiel bei den Offiziellen durch – ihm fehle der »hymnische Gestus«, den sie ihrem Land gern angedichtet hätten.

Drei Zeilen aus »Schwarze Bohnen«:

Nachmittags fällt mir ein es gibt Krieg
Nachmittags vergesse ich jedweden Krieg

Nachmittags mahle ich Kaffee

Daß nichts hymnisch war in der DDR, hatte Sarah Kirsch schon 1966 sehr offen im Zentralorgan der Freien Deutschen Jugend verkündet. Die Frage, vor welchen Schaffensproblemen sie derzeit stehe, beantwortete sie mit dem Hinweis, daß der Tag nur 24 Stunden habe und daß es in Halle weder guten Cognac noch Kohlepapier gebe.

Jetzt ist, aus dem Nachlaß der 1935 geborenen und 2013 gestorbenen Dichterin, eine Notatesammlung erschienen: »Juninovember«. Wir finden darin Tagebuchpassagen aus den Jahren 2002 und 2003. Und dort entdeckt man alles wieder, was seinerzeit, in der DDR, schon angelegt war und was Sarah Kirsch durchs Leben getragen hat. Die Lakonie, die Frechheit, die Detailliebe, die Gleichwertigkeit von (scheinbar) Großem und Kleinem. Und die Lust, mit der Sprache all das zu machen, was ihr gerade einfiel.

Ein großer Teil der oft nur eine halbe Seite langen Texte bezieht sich auf das Leben in dem ehemaligen Schulgebäude von Tielenhemme in Schleswig-Holstein (der Ort kommt als »Tee« im Buch vor), es geht um Wetter und Garten und Katzen und Krähen, um Lektüre und Malen und Kochen und Schreiben und das Fernsehprogramm am Abend. Aber ebenso, wie Kirsch in dem »Bohnen«-Gedicht Krieg und Kaffee mischt, mischt sie hier Alltagsbeobachtungen mit Weltereignissen, übergangslos.

Eine Regenfront nach der anderen überrollt uns. Herr Putin will nicht verhandeln.

Zentrales Politikum ist der Dritte Golfkrieg, dessen Vorbereitung und Beginn Kirsch bissig kommentiert. Dabei pflegt sie, wie überall, ihre liebenswerte und manchmal erhellende und mitunter nervige Marotte der Wortveränderungen – Januar wird zu »Jaguar«, Mittwoch zu »Mistwoch«, der Regen verwandelt den Ort in »Matschedonien«.

Immer schön garstig und treffsicher sind die Beurteilungen von Kollegen. Praktisch keiner kommt gut weg. Aus Grass spreche »ein gewisser Primitivismus«, notiert die Lyrikerin, Wolf Biermann nennt sie »uffgeblasen« und »Lehrer der Nation«. Bloß als sie dergleichen einmal selbst betrifft, als sie eine Begegnung mit W. G. Sebald erinnert, der sich zu ihrer Dichtung »sehr aggressiv, nahezu hasserfüllt« geäußert habe, findet sie das »seltsam« – und dann heißt es: »Aber das kenne ich ja, so geht es bei vielen Kollegen.« Wohl wahr.

Die 200 Seiten »Juninovember« sind eine meist anregende, manchmal erhellende Lektüre. Nette Miniaturen über das Leben einer Autorin. Sicherlich ein Muß für alle Kirsch-Fans. Das Gefühl, das man dieses Buch grausam vermissen würde, vermittelt es allerdings nicht.

Das gilt – leider – auch für die meisten der kleinen Gedichte, die in den Band eingestreut sind.

Am Morgen
Seh ich
Schnee von
Gestern.

Wenn ein unbekannter Lyriker solche Texte an einen Verlag schicken würde, auch an den Verlag Sarah Kirschs, würde er nicht mal ein Ablehnungsschreiben bekommen.

Sarah Kirsch
Juninovember
DVA
2014 · 208 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-421-04636-9

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