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Kritik

Am Ende stimmt es noch

„Fallensteller“ ist ein kunterbuntes Experimentierfeld für Saša Stanišićs atemberaubende Sprachakrobatik.
Hamburg

Einiges hat sich getan in Fürstenfelde: Fünf syrische Familien wurden am Dorfrand angesiedelt, in Ullis Garage herrscht eine Rattenplage, und auch die Wölfe, die Lada und der stumme Suzi einst  in die Uckermark geschmuggelt haben, treiben mittlerweile in stark vermehrter Zahl ihr Unwesen. Bei so viel kritisch beäugten Fremdeinflüssen kann die Ankunft eines in Reimen sprechenden Fallenstellers – angelehnt an den legendären Rattenfänger von Hameln – gut und gerne als Schicksalswink verstanden werden. Fürstenfeldes skurril-liebenswerte Bewohner hingegen (neben Lada und dem stummen Suzi taucht auch der alte Schramm wieder auf, der den einzigen Zigarettenautomaten im Dorf mit einer Landmaschine umgenietet hat) sind uns seit dem Roman „Vor dem Fest“, für den Saša Stanišić 2014 den Leipziger Buchpreis erhielt, alte Bekannte.

Warum sich dieser Text so weit hinten in Stanišićs neuem Erzählband mit dem gleichnamigen Titel „Fallensteller“ befindet, und warum er sich zudem hinter einer Reihe schwächerer Texte versteckt, wird allerdings nicht so recht ersichtlich – ist er doch der ausgefeilteste und ganz offensichtlich als Herzstück des Bandes konzipiert. Überhaupt verwirrt die Anordnung der Prosaminiaturen. So wirken die ersten Geschichten mehr wie literarische Fingerübungen, in denen Stanišić sich an verschiedenen Erzählperspektiven und Stilen versucht. Durchaus gelungene, handwerklich einwandfreie Fingerübungen, wohlgemerkt, die gut unterhalten. Trotzdem fehlt ein Gesamtkonzept, und es bleibt die Frage, was genau hier eigentlich präsentiert werden soll: Ein „work in progress“ vor dem nächsten großen Wurf? Oder will der Autor einfach mal zeigen, was er alles draufhat?

In den gelungensten Stücken wird klar ersichtlich, wo Stanišićs Stärken liegen. So lässt er in „Billard Kasatschok“ verschiedene migrantische Stimmen und Mentalitäten auf tragikomische Weise aufeinanderprallen: Ein melancholischer Russe, ein vermeintlicher Kriegsverbrecher aus Montenegro, eine „Lauchstange aus Hannover“ und ein Haufen „Snookertürken“ formieren sich in einem abgeranzten Billardsalon zu einer unwahrscheinlichen, dafür umso anrührenderen Wahlfamilie, deren Mitglieder sich im babylonischen Sprachgewirr nonverbal über Breaks, Cluster und Queue-Stöße zu verständigen wissen. Nicht alle kulturellen Klischees umschifft Stanišić dabei, doch wie man es von dem Sprachakrobaten gewohnt ist, blitzen immer wieder eindringliche Bilder hervor („Der Brustkorb, an dem ich hänge wie ein Orden“), die lange nachwirken.

Zur vollen Entfaltung kommt Stanišićs Talent für irisierende Metaphern und absurde Situationskomik in der dreiteiligen Odyssee zweier Freunde, sie so eng aneinanderkleben, dass man vermuten mag, es hier in Wahrheit mit verschiedenen Anteilen ein und derselben Person zu tun zu haben. Bereits der erste Satz ist grandios: „Wir wollen den Steg nicht nehmen, weil uns Stege daran erinnern, dass wir nicht übers Wasser laufen können.“ Übers Wasser wollen „Mo und ich“, um zu einer Gruppe christlicher Menschenrechtsaktivisten auf einem Rheinfloß zu stoßen. Von dort aus geht es weiter nach Stockholm, wo die beiden ein surrealistisches Gemälde einer syrischen Künstlerin  direkt aus der Galerie entwenden, um es schließlich Mos Halbschwester zur Hochzeit zu schenken – Geschichten, die das Leben garantiert nicht schreibt.

Im Minutentakt lässt Stanišić Ironie und Innenschau, Poesie und harte soziale Realität in selten dagewesener Weise ineinander crashen. „Drüben brennen S-Klassen, oben brennen Sterne“, heißt es an einer Stelle. „Das Vergehen der Zeit zerrupft alle Bierdeckel auf dem Tisch“, an einer anderen. Und Formulierungen wie diese werden das Herz einiger Sprachfetischisten höher schlagen lassen, während andere eher die Köpfe schütteln: „Wenn die Halbschwester lacht, streckt sie ihre irgendwie dünn geratene Zunge raus und sieht aus wie ein kleiner, gerade druckender Drucker.“ Wohl nur bei Stanišić gibt es ein derart lustvolles „Geschrittel von Schritten, Geschlüssel von Schlössern, Gewörtel von Worten“ zu bestaunen. Selten gerät das ins Kalauernde, doch kann man sich natürlich fragen, worauf die Aneinanderreihung von Bonmots, gesellschaftskritischer Pointen und gewagter Neologismen eigentlich hinauslaufen soll. Zwar sind „Mo und ich“ irgendwie knuffig in ihrer Awkwardness, mit der sie von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpern, nicht ohne dabei ihre Umgebung mit ethnologischem Scharfblick zu sezieren. Nur kann das nicht ganz darüber hinweg täuschen, dass dem Triptychon der Spannungsbogen fehlt und die Figuren keine wirkliche Tiefe entwickeln.

Sehr viel runder erscheint die ebenfalls dreigeteilte Reise des Justiziars Georg Horvarth, der nach Brasilien reist, um dort einen Brauereiverkauf abzuwickeln. Ums Geschäftliche geht es jedoch nur am Rande, und am geplanten Zielort wird er auch nie eintreffen. Stattdessen setzt bei Horvath bereits im Flugzeug eine Sprach- und Namensverwirrung ein, die zunächst harmlos beginnt mit der Frage, ob man nachts nicht eigentlich „Mondblende“ statt „Sonnenblende“ sagen müsste, und sich vertieft in dem offensichtlich falsch geschriebenen Pappschild eines am Flughafen wartenden Chauffeurs, auf dem „Horwath“ steht. Horvath fühlt sich trotzdem gemeint und steigt ein. Im zweiten Teil schließlich wird klar, dass die Verschiebung der Buchstaben unmerklich eine Identitätsverschiebung nach sich zieht. Wurde Horwath/Horvath verwechselt? Oder verwandelt er sich langsam in einen anderen? Je tiefer sich das Auto entlang gewundener Straßen in den Dschungel hineinschraubt, desto mehr verdrehen sich auch die Ebenen von Innen und Außen, Sprache, Denken und Tun („Denkt Georg Horwath, denkt Georg Horwath.“). Die Erinnerung an eine literaturwissenschaftliche Konferenz, in die Horvath in einem labyrinthischen Hotel in Bukarest geriet, bringt schließlich ganz explizit das kafkaeske Element seiner Verwandlung ins Spiel. Wie Stanišić die Zersetzung der Sprache zuspitzt zu einer halb ersehnten, halb gefürchteten Auflösung des Selbst, ist so unterhaltsam wie sprachlich präzise durchgezogen.

Doch zurück in die brandenburgische Provinz, und damit zum Kernstück des Buches: Auch hier ist in beinahe jedem Satz Stanišićs literarischer Spieltrieb zu spüren, besonders augenfällig in der gereimten, mit düsterer Naturromantik gespickten Sprache, die er dem Fallensteller in den Mund legt. Doch kriegt er immer wieder die Kurve zu aktuellen Bezügen. Und genau an dieser Schnittstelle zwischen Überzeitlichem, Surrealen und brisanter Tagespolitik bewegt sich Stanišić so grazil wie ein jahrelang geübter Seiltänzer. „Ein Wolf ist ein Wolf, er kann sich doch schon rein von seiner Kultur her nicht an unsere Sitten halten“, ruft zum Beispiel einer während der zahlreichen Gefechte, die sich Tierschützer und Nutztierhalter in der Dorfgaststätte liefern; ein gerissenes Lämmchen wird ins Feld geführt und anschließend kollektiv zum Wolfsmord aufgerufen. Die Parallelen sowohl zu einer faschistischen Rhetorik vom „Ungeziefer, das den Volksgeist zersetzt“ als auch zu aktuellen Diskursen um „Überfremdung“ sind so offenkundig, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Einen zusätzlichen Twist erzeugt die Meta-Ebene des „Jugo-Schriftstellers“, der vor einigen Jahren nach Fürstenfelde kam, um die  Gebräuche der Gegend literarisch zu verarbeiten. Natürlich kann man diesen Kniff als ein bisschen zu gewollt belächeln (Ein Autor, der vermeintlich eine Tür zum Backstage-Bereich aufstößt, als gäbe es die absolut authentische, jetzt aber wirklich richtig echte Wirklichkeit doch noch irgendwo hinter der Fiktion zu entdecken …). Doch statt sich in dem in letzter Zeit ein bisschen zu oft bemühten Realität-versus-Fiktion-Diskurs zu verfangen, erfindet Stanišić kurzerhand einen neuen Aufzeichner der Geschehnisse. Ob dieser noch einmal alles umschreibt, richtig stellt oder im Gegenteil noch weiter verfälscht, erfahren wir nicht. Am Ende gewinnt er jedenfalls einen Literaturpreis. Die Dorfbewohner allerdings bleiben argwöhnisch, auch wenn – oder gerade weil – er einer von ihnen ist: „Wer weiß, was da alles drinsteht über uns. Am Ende stimmt es noch.“

 

Saša Stanišić
Fallensteller
Luchterhand Literaturverlag
2016 · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-630-87471-5

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