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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
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Kritik

schöner {1} · tORTUGA · KÖRPERDINGE {2}

Kollektiv vs. Aura
Hamburg

"Tortuga" ist laut einer Eigendefinition, die wir auf der Impressumsseite des aktuellen Hefts – tORTUGA 3 {2}, KÖRPERDINGE – finden können

ein Kollektiv und Zeitschriftenprojekt. Seit 2013 werden im Rahmen von Veranstaltungen und Heften Themen wie GRENZE, LÄRM und aktuell KÖRPER behandelt. Tortuga entsteht durch das Zusammenwirken verschiedener Menschen, die im Spannungsfeld von individuellen Interessen und kollektiven Vorstellungen experimentieren. Tortuga ist der Wunsch nach einem Forum abseits von Effizienz und Verwertbarkeit, ein Freiraum für das Stille, Verrückte, Brave und Wilde.

Da wir zynisch und gewitzigt sind anhand der im Betrieb vorherrschenden superlativ heideggernden Werbesprache, muss das für uns klingen wie eine Aneinanderreihung bedeutungsloser Platitüden: "Das Zusammenwirken verschiedener Menschen" sagt uns z. B. zunächst mal nur, dass die "Tortuga" weder von einem Komitee mehrerer sprechender Toaster herausgegeben wird, noch (mutatis mutandis) von einem einsam=einzelnen Menschen … Aber halt! Zwar klingen diese Vokabeln alle so ein bisschen allgemein und ausgelutscht, aber da könnte ggf. auch nur unser Zynismus dran schuld sein. Nach dem Beistrich, der oben auf "Menschen" folgt, steht etwa "(…) im Spannungsfeld von individuellen Interessen und kollektiven Vorstellungen experimentieren.", und es ist zumindest nicht ausgeschlossen, dass das tatsächlich etwas Bestimmtes meint, das dann im Heft auch sichtbar wird. (Womit wiederum weiters gesagt wäre, dass zwischen den Zeilen des zitierten mission statement auch noch ein Strategiebriefing impliziert ist, nämlich: Tortuga nähme das Vokublar, das uns umgibt, versuchsweise ernst, persönlich und at face value, auch und gerade die übergrossen Ideologieschlüsselwörter – und dann mal sehen, was von denen noch nützlich ist.)

Was halten wir also in Händen? – Packpapierumschlag mit grünem Linolschnitt (!) vorne drauf, innen handnummeriert (ich habe: 168/400); comichaft dargestellt eine "traurige Röhre" (dh: alte Röhrenglotze, trauriges Gesicht); drüber steht "Körper" … Wir denken: Aha! Erstens die alte Aura-Aurora auf dem Planeten "Bildende Kunst", zweitens Obsoleszenzen, drittens Amplitude, z. B. zwischen Körpern mit und ohne Bewusstsein. Das Heft selber (das wir sofort aus diesem Umschlag rausnehmen, um ihn zu schonen), ist nüchtern, weiss, strahlt die Ästhetik von Begleittexten aus, die in teuren Galerien geschmackvoll neben den Objekten stehen und hängen. Das Editorial kommt gleich auf den Punkt …

#3 KÖRPER ist eine laufende Heftserie […] Nach #3 {Heft 1} SCHÖNER, nennt sie die vorliegende Ausgabe #3 {Heft 2} KÖRPERDINGE. | Das Heft KÖRPERDINGE setzt dort an, wo die Assoziationen zum Thema von lebendigen auf nicht-lebendige Körper überschwappen. …

… und verspricht an diesem Punkt auch nichts, das das Heft nicht einlösen würde: Es geht um Körper zwischen tot und lebendig; nur tangentiell um die Definition von "Leben"; eher um Scheinlebendiges und unseren Umgang mit diesem Schein … Es ist übrigens keiner der Beiträge eine dieser Themenverfehlungen, die nur davon leben, dass man den Zusammenhang zum Heftthema irgendwie mit viel Energieeinsatz herbeiassoziieren müsste.

Etwa das Hörspiel "Two Parts Water One Part Oxygen" (denn es liegt dem Heft ein Zettel bei, auf dem wir den Hinweis auf ein kurzes Hörspiel finden, das auf der Tortuga-Homepage steht): Es macht die Frage auf, doofromantisch gelesen, nach so etwas wie der "Seele der See" … undoof, genauer hingehört: Nach einer globalen "Seele des Seehandels" … Eine sexy asoziale Emergenz des Kapitalismus auf den Weltmeeren, da Verkehrsnetze (sagt im Hörspiel niemand, darf aber mitgedacht werden) zu den paar wenigen unbelebten Sachen gehören, die funktional so etwas wie ein Gedächtnis aufweisen; Relaisstrukturen und so (kennt jeder, der schon mal grüne/rote Wellen im Nahverkehr erlebt hat) …

Die Eckpfeiler des Hefts sind dann drei etwas längeren Sachtexte, die formal zwischen Feuilleton, Seminararbeit und Meditation liegen. Inhaltlich geht es zum ersten um den Materiebegriff selber, bzw. um eine Theorieströmung namens "New Materialism", die sich bei zumindest mir bisher noch nicht vorgestellt hat … wofür allerdings der umfangreiche Literaturapparat, auf den Verfasser Stefan Schweigler zurückgreift, Abhilfe verspricht.

Zum Zweiten geht es um das Archiv der Vereinigung der Bildenden Künstler Österreichs – um die Materialitäten dieses Archivs (s. o. – Sachen mit Gedächtnis; s. weiter o. – Planet Bildende Kunst). Franziska Kabisch hat an jeder Stelle dieses Texts immer genau ein Schäufchen mehr Information bereit, als strikt nötig wäre, und dieses Schäufchen macht jeweils viel her.

Drittens geht es um Derrida-über-Hegel. Das erklärt sich einerseits über "Textkörper", andererseits über Hegels "Absoluten Geist" als auch so ein unbelebt-belebtes Dings, als immaterielle Maschine. Dieser letztere Text ist meiner Meinung nach von den dreien der einzig tendenziell problematische – nicht so sehr, weil Ingo Ebener zu viel voraussetzt und seinen Gedanken zu dicht verpackt darbieten würde, als vielmehr, weil er der assoziativen, poetischen  Schreibweise der französischen Schule, der er selber sich mimetisch bedient, zuviel an Argumentationslast aufbürdet.

Ansonsten finden wir noch: Zahlreiche Grafiken und Fotos, die das Heftthema gut abstecken; eine Erzählung von Lale Rodgarkia-Dara, in der das Auseinandernehmen und Einbalsamieren von Leichen eine nicht unwesentliche Rolle spielt (denk: "Kleine Aster" als Sitcomepisode); Lyrik von Ina Mesch und Mirwa; einen katalogischer Text über Serotonin, also über die unbelebte Chemie der Liebe; schließlich (als Nachwort?) ein kurzer, literarisch experimenteller Essay über "Wissenskörper" von Claudia Lomoschitz.

Zusammengefasst: Tortuga gelingt es, einen plausiblen Fokus aufrechtzuerhalten und Begriffen, Leben einzuhauchen, denen wir anderswo unterstellen müssten, sie wären Verlegenheitsblabla. Wenn man sich überhaupt noch mit dem Aura-Budenzauber zwischen Diskurswelt und Bildende-Kunst-Welt beschäftigen möchte (also: Wenn man überhaupt noch daran glaubt, dass es da irgendwas zu holen gibt, ausser inhaltlich völlig arbiträrem Ideologieprogramm), dann geht das genau so. Dass Tortuga klarer als andere Redaktionen, Netzwerke und Initiativen tatsächlich kollektiv zu agieren scheint, kommt der Zeitschrift und dem ganzen Projekt zugute und darf als Alleinstellungsmerkmal verbucht werden.

P.S. … Und mit alledem habe ich noch gar nichts über "#3 {Heft 1} SCHÖNER" gesagt, also das A0-Plakat im wiederum bedruckten A4-Briefumschlag, dessen Hauptinhalt ein langer Aufsatz von Carina Klammer mit dem Untertitel "vergeschlechtlichte Körperbilder im Postnazismus" ist und auf dem an einer Stelle diese folgende Slugline steht (und damit lassen wir es dann bewenden, oder?):

POPULÄRE KULTUR VERMAG EBENSO FASCHISIERUNGSPROZESSE BEGLEITEN, WIE SIE POLYMORPHE FANTASIEN DAGEGEN MOBILISIEREN KANN.

 

Autor_innen der Ausgaben: Tortuga 3 Körper {Heft 1} SCHÖNER mit Beiträgen von: Brandstifter, Magdalena Gföllner, GGOG – Girl Gangs Over Graz, Carina Klammer, Joshua Möbe, Kl*Aus, Coline Robin und Eleonora Wenzel. Tortuga 3 Körper {Heft 2} KÖRPERDINGE mit Beiträgen von: Fabian Dankl, Ingo Ebener, Marie Fegerl, Franziska Kabisch, Ulrike Königshofer, Claudia Lomoschitz, Ina Mesch, Mirwa, Edith Payer, Lale Rodgarkia-Dara, Stefan Schweigler, Benedikt Steiner, Studio Asynchrome. Redaktion: Adina F. Camhy, Robin Klengel, Martin Kollmann, Elisabeth Pressl, Katharina Pressl, Philipp M. Schörkhuber, Eleonora Wenzel

die hefte der körper-reihe (bisher 3.1 und 3.2) sind für eine spende zu haben. wir verstehen das als solidarischen beitrag für ein weiterbestehen des projekts. die spenden werden für die produktion der nächsten ausgaben verwendet. manche menschen spenden mehr, manche weniger. auch wenn jemand nichts geben kann/möchte ist das für uns ok so.

momentan sind die hefte vor allem bei unseren diversen veranstaltungen oder via e-mail erhältlich. innerhalb der nächsten wochen werden körper 3.1 &3.2 in einigen kleinen läden in graz, wien und berlin verfügbar sein. genaueres dazu gibt es dann auf unserer webseite. (zur info: aus erfahrung wissen wir, dass das mit der freiwilligen spende nicht in allen läden funktioniert, da müssen wir manchmal einen preis angeben, sonst kann das heft dort nicht aufliegen. )

bei einer bestellung via mail bitten wir um eine überweisung der versandkosten plus spende auf unser konto (portokosten: 2,5€ innerhalb Österreichs und 5,5€ ins EU-Ausland).

 

 

 

 

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