Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
x
Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
Kritik

Imperium und Garten

Zum Dossier »Problems of Horror« im Schreibheft Nr. 79 und 80
Hamburg

Kurz bevor ich mein Studium am Deutschen Literaturinstitut begann, am Ende des letzten Jahrtausends, gehörte literarisches Übersetzen noch zum Bestandteil der dortigen Ausbildung. Allerdings wurde dieses Fach aus dem Angebotskatalog des Hauses herausgekürzt. Geldmangel? Auf jeden Fall hätte man, um es weiter zu betreiben, eine Professur gebraucht. Der Freistaat Sachsen konnte oder wollte eine solche jedenfalls nicht finanzieren und das bürgerliche Stiftungswesen ist in Deutschland nicht weit ausgeprägt  In meinem ersten Semester aber hatte ich noch das Glück bei Bernd Jentzsch ein Seminar zur internationalen Poesie belegen zu können. Leider erkrankte Professor Jentzsch bald schwer und musste das Haus verlassen. Ein Symptom?

Man könnte sagen, dass die deutsche Literatur lange in ihrem eigenen Saft geschmort hat und bis auf wenige Ausnahmen noch immer dort schmort. Soviel vielleicht noch, um das tausendmal Gesagte zu wiederholen, dass es nicht einmal zu wenig gesagt wurde:  die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hat nicht nur die deutsche Literatur einen Kopf kürzer gemacht, und dieser Kopf wächst wesentlich langsamer nach, als die Drachenköpfe im russischen Märchen.

Natürlich ist ein solches Pauschalurteil wie im Eingangssatz dieses Artikels ungerecht und wenn man so etwas behauptet, muss man auch hinzufügen, dass es in Deutschland Projekte und Zeitschriften gibt, die beharrlich versuchen,  nachhaltig etwas daran zu ändern und eine Internationalität herzustellen. Weltläufigkeit beginnt zuallererst mit Rezeption und Integration des Fremden. Ich denke dabei vor allem an die Übersetzerprojekte des Künstlerhauses Edenkoben wie Poesie der Nachbarn, der Reihe P des Verlages Wunderhorn, das Engagement des Wiesbadener Verlages Luxbooks und allen voran und in ihrer Reichhaltigkeit nicht zu toppen, die Zeitschrift Schreibheft, deren neuester Nummer ich jedes Mal entgegenfiebere.  Das Schreibheft hält immer  ( (immer ohne Ausnahme) Entdeckungen für mich bereit und mir hilft auch schon Entdecktes  neu zu erkunden. Pasolini, Pound, Gass sind nur einige Kontinente, die ich während der Lektüre neu erkundet habe.

In Nr. 79 und 80 findet sich nun ein von Norbert Lange zusammengestelltes und eingeleitetes Dossier unter dem Titel Problems of Horror – Sechs britische Widerstandsnester (erster. Teil). Der zweite Teil heißt Photographing the Ideal und hat den gleichen Untertitel.  Das Dossier enthält Texte von J.H. Prynne, Denise Riley, Sean Bonney, Allan Fisher, Andrew Duncan und Andrea Brady. Als Übersetzer fungierte eine illustre Schar zeitgenössischer deutscher Dichterinnen und Dichter, Schriftstellerinnen und Verleger, wie Monika Rinck, Susanna Mewe, Hans Thill, Jürgen Brôcan, Norbert Lange, Ulf Stolterfoht, Hans Thill, Konstantin Ames, Léonce Lupette und Christian Lux. (Ich hoffe, ich habe sie alle genannt.) Die britischen Autoren sind jeweils mit einem Essay und einigen Gedichten vertreten.

Nach dem im Verlag Wunderhorn erschienenen Band Logbuch von Tom Raworth, ist dies die zweite Publikation englischer Dichtung, die mich enorm aufhorchen lässt, die mein vom Triumvirat Larkin, Gunn und Hughes geprägtes Bild erschüttert.  

Man mag einwenden, dass dieses Bild ja auch in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden sei und sich seither eine Entwicklung abgespielt habe, aber dieser Einwand würde verdecken, dass zum Beispiel Raworth, Prynne und Duncan auch nicht mehr ganz jung sind, von Fisher zu schweigen. Nein! Hier wird sichtbar, dass das Bild einer Dichtung im Ausland, aber auch nach innen von politischen, sozialen und vor allem auch ökonomischen Faktoren bestimmt wird, die ein diskursives Feld bilden, in denen bestimmte Produkte herausgestellt,  genauso wie andere verdeckt werden.

Dieses Feld reagiert mit einer gewissen Trägheit in der Reaktion auf Veränderungen und wirkt sich auch auf das Tempo der Veränderungen selbst aus. Wenn ich ein Bild für dieses Feld finden müsste, würde ich es wohl mit einem Ölfilm nach der Havarie einer Bohrinsel vergleichen, der auf der Meeresoberfläche schwimmt und diese gleichzeitig bildet. Spannend ist, dass sich die britischen Autoren der Trägheit und des Prozessualen bewusst sind und in ihren Essays auf verschiedene Art darauf eingehen.

Am ausführlichsten macht dies Andrew Duncan in seinem von Christian Lux übersetzen Essay Komplexität: Das Zeitalter Billiger und unbegrenzter Information. Dieser Essay ist nichts weniger als ein Entwurf einer Literaturgeschichte aus der Situation der letzten Jahrtausendwende heraus. Wie die sich verändernden technischen und ökonomischen Gegebenheiten den Blick auf die Gesellschaft und somit gesellschaftliches Verhalten ändern, verändert sie auch die Erzählung der Geschichte dieser Gesellschaft. Diese dekonstruktivistische Position erfährt bei Duncan ihre eigene soziale Kritik, ohne dass er sie aufgibt. Die Dekonstruktion der Dekonstruktion erfindet das Soziale und die Geschichte neu:

Die frühere, sozialistische Propaganda hatte auf der Idee einer einheitlichen Gesellschaft beruht. Diese auf das Individuum bzw. die drei bis vier Personen eines Haushalts zu reduzieren, rückte sie in den Bereich kapitalistischer Propaganda oder der Reklame. Und wie zu erwarten war, hat die neue individuelle Politik die ethischen Standards und formalen Konventionen der Werbung übernommen. Der neue Künstler wurde zum Aushängeschild einer bestimmten sozialen Gruppe, er prägte ein „Image“, das der Konsument durch dieselbe Gruppenbindung teilen konnte, womit er dem Künstler zugleich einen heimischen Markt schuf. In Großbritannien mischte sich diese Art der Unterstützung mit den Ansichten der Zentrale für Tourismus, um einen gewissermaßen feudalen Wandteppich intellektuell stumpfer, xenophober Ländereien zu ergeben.

In seinen ausführlichen Einleitungstexten schildert Norbert Lange sowohl die politische als auch die ästhetische Situation aus der produziert wurde und wird. Als äußerst einschneidend wird dabei der Thatcherismus der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts sichtbar, der als Reaktion auf die veränderten und sich veränderten internationalen Reproduktionsbedingungen des Kapitals Verwerfungen aufnahm und zugleich hervorrief.

Was alle Autoren des Dossiers verbindet, scheint mir ein grundlegendes Misstrauen gegenüber der Sprache zu sein, auch das unterscheidet sie vom ästhetisierenden Mainstream hierzulande, der im Grunde von einer Sprachontologie geprägt ist. Die Sprache wird bei den hier angeführten Briten nicht als etwas betrachtet, das den gesellschaftlichen Bedingungen gewissermaßen als ursprünglich und rein vorangeht, sondern in und durch die gesellschaftlichen Strukturen erst hervorgebracht wird und somit von vornherein mit dem Makel von Herrschaft und Unterwerfung belastet ist.

Der zweitjüngste der versammelten Autoren ist der 1969 in Brighton geborene Sean Bonney (die jüngste ist Andrea Brady.) Bonney wurde von Konstantin Ames übertragen und in seinen Texten zeigt sich das angesprochene Misstrauen gegen die Sprache wohl am deutlichsten. In stakkatohaften Versatzstücken zeigt sich das Verheerende, die Zerstörung, die von einer regelrechten Oberfläche sonst verdeckt würde.

Silber bersten
im Beutel
Wichser-
Gold Esel
alle Bäume sind
pleite

-heißt es im Text Abschaum Dissen

Die Regel aber, die die Zerstörung verdeckt, richtet diese auch an. Sehr beeindruckende Texte. In seinem Essay Rimbaudbrief  verweist er auf die Gleichzeitigkeit der Entstehung moderner Dichtung, kapitalistischer Lebensverhältnisse und Marxscher Theorie:

Aber nach wie vor … es ist unmöglich, Rimbauds Werk, vor allem EINE ZEIT IN DER HÖLLE , bis ins letzte zu begreifen, wenn du nicht DAS KAPITAL von Karl Marx ausgelesen und verstanden hast.

Dieser Satz ist natürlich ein dogmatischer Klopper, den man vor dem Hintergrund dramatischer gesellschaftlicher Umwälzungen lesen muss. Außerdem ist er 2011 geschrieben, als der Marxismus  nicht mehr zum politischen und wissenschaftlichen Mainstream gehörte, hierzulande ohnehin nicht. Darüber hinaus würde Bonney, betrachtet man seine Gedichte,  auch seinen eigenen Satz kunstvoll zerlegen, diesen zum Tanzen bringen, so wie Marx es vom Verhalten gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen erwartete. Bonney ist nicht naiv, und er weiß sich als Teil der eigenen Bedingtheit.

Vielleicht, und das ist ein zynischer Gedanke, aber er überkommt mich unweigerlich bei der Lektüre und dem Wissen, dass auf der Insel ähnliche Förderstrukturen wie hierzulande nicht existieren, ist die englische Dichtung in Teilen ja politischer als die deutsche, weil sie weniger staatlich gepuffert wird, weil ihr die etatistischen Spritzen und Beruhigungstabletten fehlen, die hierzulande gut dosiert verabreicht werden.  Vielleicht ist das so, weil unser Hunger hier in Deutschland nach dem Wirtschaftswunder und der Wiedervereinigung ein virtueller Hunger ist. Der Ästhetizismus der Berliner Republik ist zumindest den Autoren dieser Auswahl fremd.

Zynisch ist dieser Gedanke dadurch, dass er die altlinke politische Position beinhaltet, man müsse die Menschen nur ordentlich kurz halten und knechten, dann würden sie sich schon politisieren. Eine Position der Brachialaufklärung, die letztlich zur mörderischen Verdummung der Szene und zur RAF führte.  Darüber hinaus sind politisierte Massen nicht notwendig Garant einer Befreiung. Auch das haben wir angesichts der deutschen Geschichte  bitter konstatieren müssen.

Andererseits hat sich hierzulande unter Laborbedingungen in den letzten Jahren eine Vielfalt entwickelt, wie sie historisch wohl unvergleichlich ist. Zugegeben ihre außerliterarische Relevanz ist derzeit noch unsichtbar, aber das muss ja nicht auf Dauer so sein. Die Erfahrung, dass geplante Geschichte nicht in die Zukunft, sondern in eine Sackgasse führt, haben wir zur Genüge erfahren. Warten wir also ab, ob und wann es in oder durch den unterirdischen Lavasee zur Eruption an  der Oberfläche und zum Ausbruch kommt.

Ganz anders als bei Bonney finden wir die Transformationen bei der 1948 in Carlisle geborenen Denise Riley verarbeitet. Ihr Essay heißt Linguistische Heilung. Wer auf Grund des Titels allerdings Versöhnlichkeit erwartet, befindet sich auf dem Holzweg. Ihr auf Gefühlsökonomie zielender Essay endet folgendermaßen:

Um auf Lukrez’ einleuchtende Metapher für die schmerzhaften Bedingungen der Liebe zurückzukommen – daß „wir gewöhnlich auf unsere verwundete Stelle fallen“: Weder die Liebe noch der Schmerz können durch diesen brutalen mechanischen Kollaps und die Hinneigung auf den Ursprung der Erregung zu auch nur im geringsten gemildert werden. Diese krasse Tatsache bietet uns wenig Trost für die politisch vielleicht vorteilhafte Annahme einer Identität, die in Verzweiflung gegründet worden ist und sich nicht in Solidarität umwandelt. Doch ein pragmatischer Zugang stellt eine grobe Antwort bereit. Kurz gesagt, es könnte strategisch notwendig sein, eine Identität zu führen, um ein erwünschtes Ergebnis zu erreichen. Später kann es erforderlich werden, sich aus dieser Identität herauszukämpfen, sollte sie dazu geführt haben, daß die Person in ihrer Ganzheit in einer Weise charakterisiert wird, die frühere emanzipatorische Impulse verhindert und entstellt. Derartige Reihen politisch-linguistischer Ereignisse hat uns (um die altehrwürdige marxistische Maxime zu wiederholen) „die Geschichte gezeigt“ – in Hülle und Fülle.

Ich muss an dieser Stelle einfach länger zitieren, weil mir alle Versuche in eigenen Worten ihre eher psychoanalytisch grundierte Position von der historistischen Bonneys abzugrenzen, misslungen sind.

Wiederum ganz anders, weil eher technisch und weniger Politisch stellt sich das Verhältnis in Allan Fishers Essay Die Poetik der mannigfaltigen Komplexität dar.

Ich muss zugeben, dass ich durch Fischers Texte und durch seinen Essay mit angehaltenem Atem gegangen bin. Sie waren mir am nächsten. In seinem Essay tritt das politische zu Gunsten des Technischen ein wenig zurück. Sie sind ein Plädoyer für das Projekt und holen gewissermaßen das ein, was Pound in seinen Cantos angefangen, aber nicht angedacht hatte. (Insofern sind sie durchaus ein Zeichen dafür, dass ein Text klüger als sein Autor sein kann.) Ein Projekt muss nicht unbedingt einen Abschluss haben, die Unmöglichkeit der Vollendung bedeutet nicht, dass es misslungen ist.

Jedes Projekt des Dichters besitzt eine andere Raumzeit, eines ist weitläufig oder zum Scheitern bestimmt, ein anderes ist für Bruch und Zerstörung nach der Faktur geplant; eines ist entgegen der numerischen Präfiguration geplant, ein anderes endet, wenn die Grundlage der Recherche und Vokabelanalyse erschöpft ist. Einige dieser Projekte sind kurz wie ein chapbook oder ein einziger Vers, andere erstrecken sich über viele Bücher oder eine ganze Ausstellung. Die Vorstellung von Projekt ist, dass die Konzeption seiner Faktur vorausgeht, und daß manchmal die Konzeption aus dem Augenblick kommt und manchmal mehrere Monate der Planung bedarf.

Den Essay von Fisher hat Jürgen Brôcan übersetzt. Im Anschluss daran findet sich das von Hans Thill übertragene Gedicht Bop von 1994, das mir im Augenblick das liebste aus dem ganzen Bündel ist. Hier ein Auszug:

3
Dort ein Trippeln
eine Treppenflucht
dann der Absatz.
Ein Schwarm Hunde
kracht aufs Pflaster
der Terrassen
Jebb Avenue Garden
Klagegesang im Radio
Salz auf
Eis, vielleicht
Akku-ähnlich
Zwei Leute
auf der Mauer
brechen Klinker
nach unten hin ab bis
Glocke Stilllegung
läutet.

Die angelsächsische Dichtung generiert eine gedankliche Breite, neben der die aktuelle deutschsprachige  Dichtung zuweilen etwas naiv, provinziell und unbeholfen wirkt. Der Grund hierfür mag in verschiedenen Modellen des Imperialen. liegen. Das britische Modell ist eher eines der Integration und Verdauung des Fremden, während das deutsche  eines der Auslöschung und Selbstspeisung ist. In der Dichtung reproduziert sich ein Bild, das auch die imperialen Zentren London und Berlin veranschaulichen oder noch besser der englische Garten im Vergleich zum deutschen Schrebergarten, in dem das Exotische seinen Platz als handhabbare Miniaturversion im Steingarten vor der Laube hat.

Was Novalis  wusste, dass alle Kunst Übersetzung ist und was in Goethes und Pücklers und Putbus' Gartenbauprojekten auch sichtbar war, verliert sich im 19. und 20. Jahrhundert. Die nach außen gerichtete zerstörerische Kraft des Deutschtums hat letztlich auch nach innen gewirkt und war lange auch der Gegenstand dichterischer Auseinandersetzung. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass wir uns dieses Wissen zurückerobern werden, dass uns die internationale Poesie dabei helfen wird, die wir in letzter Zeit wieder in verstärktem Masse rezipieren, allen voran die Angelsächsische.  Andere Sprachen werden folgen, nicht zuletzt aufgrund der unermüdlichen Bemühungen zum Beispiel des Künstlerhauses Edenkoben. Ausdrücklich sei in diesem Zusammenhang hier noch einmal auf die Reihe P des Verlages Wunderhorn hingewiesen, aber auch auf die Bücher der Edition Rugerup.

Von Prynne gibt es eine Einzelausgabe, übersetzt von Hans Thill und Ulf Stolterfoht und im vorletzten Jahr erschien ein Band mit Gedichten von Tom Raworth. Dieser wurde von Ulf Stolterfoht übersetzt.. Gespannt erwarte ich die der anderen genannten Dichter.

Thomas Wohlfahrt · Norbert Wehr (Hg.)
Schreibheft # 79 und # 80
Rigodon-Verlag
2013 · 13,00 Euro
ISBN:
1742132

Fixpoetry 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge