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PROSANOVA Festival für junge Literatur 2020
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Kritik

Bei wem sich Kolumnen und Yoga nicht ausschließen

Die ZEIT-ONLINE Kolumnen von Selim Özdogan
Hamburg

Als Kolumnist schreibe ich ungern Rezensionen. Das könnte daran liegen, daß ich dabei weder über mich noch über mich selbst schreiben darf, sondern über jenes Buch, das mir ein Verlag als Rezensionsexemplar zugeschickt hat. Manchmal bin ich auch gezwungen, kurz in dieses Buch reinzulesen, damit ich ungefähr weiß, was ich schreiben soll. Und alles nur, um ein bißchen Geld zu verdienen. Aber es ist eine Arbeitserleichterung, daß bereits auf dem Umschlag des Buches steht, was im Buch zu lesen sein wird. Das von mir nun zu rezensierenden Buch trägt den Titel „Passen die Schuhe vergißt man die Füße“, eine Sammlung von Kolumnen, die Selim Özdogan ursprünglich für Zeit-Online geschrieben hat. Zu dieser Auffassung bin ich gekommen, weil auf dem Buchdeckel der Satz „Passen die Schuhe vergißt man die Füße“ zu lesen ist, auch der Name Selim Özdogan stand dort und das Genre „Zeit-Online-Kolumnen“. Bei weniger bekannten Verlagen, und für mich ist der Asphalt und anders Verlag ein wenig bekannter, jedenfalls nicht so bekannt wie der Fischer Verlag oder der Fixpoetry Verlag in zehn Jahren, gucke ich lieber noch mal ins Buch, ob die Angaben stimmen. Als ich mir die Mühe machte, daß Vorwort zu lesen, kamen mir jedoch Zweifel. Es war ganz normal geschrieben, ohne die versierten Witzigkeiten, die man von Kolumnenvorworten eines Zippert, Nüchtern, Schwarz gewohnt ist. Kein Griff in den Humorbaukasten wie: Erkläre etwas völlig Selbstverständliches so, als ob es sich nicht von selbst verstehen würde etc.. Dann schockierte er mich auch noch mit der Auskunft, daß er für diese Texte kein Geld gekriegt hat. Um Gottes Willen, dachte ich, ist das ein Kolumnist oder ein Altruist. Es gibt hervorragende Kolumnen von Egoisten, ein Altruist sollte lieber für Chrismon schreiben, der protestantischen Erbauungsbeilage überregionaler Zeitungen. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, daß dort irgendwer, ohne Geld zu kriegen, auch nur einen Buchstaben aus seiner Feder entläßt. Nun war ich neugierig geworden. Mißtrauisch las ich das Buch von vorne bis hinten, und ich muß gestehen, mit Vergnügen. Die Sprache ist bildreich und doch klar, und der, der sie schreibt, selbstironisch genug. Er gibt sich nicht überlegen, sondern zeigt seine Schwächen und Eitelkeiten. Und das ist auch nötig, denn die Texte greifen immer wieder die Frage nach dem richtigen Leben und dem angemessenen Verhalten auf. Das möchte ich mir nicht von einem Robespierre oder Ursula von der Leyen erklären lassen. Die Tonlage des Vorworts täuschte nicht. Zwischendurch sind die Kolumnen von Selim Özdogan zwar auch hier und da komisch, aber weit öfter von einer Ernsthaftigkeit, wie es unter heutigen Kolumnisten eher selten anzutreffen ist. Peter Bichsel einmal ausgenommen, der ja seit Christi Geburt regelmäßig Kolumnen schreibt, die mehr Nachdenklichkeit als Heiterkeit auslösen. Ich habe ein paar Lieblingskolumnen im vorliegenden Band: „Suchen“, „Woran ich die Leute erkenne“, „Von Frauen lernen“, „Titten glotzen“. Ich sage aber nicht, wieso.

Ach, ich sag’s doch. Knackige Kolumnen, die wie Kurzgeschichten gebaut sind und so dem Leser die Epiphanie des Existentiellen im Alltäglichen vorführen. Um mal einen klappentexttauglichen Rezensentensatz zu liefern, für die zweite Auflage. Eine schöne Entdeckung jedenfalls. Den Schriftsteller Selim Özdogan kannte ich vorher nämlich nicht. Was allerdings eher an meiner Ignoranz gelegen haben muß, denn der Mann veröffentlicht seit 1995 Bücher bei durchaus bekannteren Verlagen. Ich sollte wohl öfter mal was rezensieren. Dem Asphalt und Anders Verlag wünsche ich nun völlig einschleimfrei, daß er so bekannt wird wie der Fischer Verlag und Selim Özdogan, daß er wenigstens mit dem Verkauf des Buches an seinen Kolumnen verdient.

Selim Özdogan
Passen die Schuhe, vergisst man die Füße
Die ZEIT-ONLINE-Kolumnen
asphalt & anders
2012 · 176 Seiten · 12,90 Euro
ISBN:
978-3-941639072

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