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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Seltsam defekt und trotzdem normal

„Es wird etwas geschehen“, heißt es bei Heinrich Böll, „Es geschah am helllichten Tag“, nennt sich der verfilmte Krimi von Friedrich Dürrenmatt und Selma Mahlknecht nennt ihren Roman ganz nach dem gängigen Beschwichtigungsmotto: „Es ist nichts geschehen.“

Selma Mahlknechts Roman läßt sich wie eine putzige Familiengeschichte an und wird bald rasant wie ein Krimi. Wie viele Kriminalfälle spielen sich verborgen im Familienkreise ab? - und um sie verborgen zu halten, wird die Formel bemüht: „Es ist nichts geschehen.“

Großmutter hält den verbliebenen Familienclan zusammen, einige Familienmitglieder sind schon verstorben oder in der Ferne untergetaucht. Ihr ganzes Augenmerk gilt den Enkelinnen Bess und Sandy, die sie mit Geschichten aufmuntert. Bald steht ihr 55ster Geburtstag an und Bess und Sandy überlegen eine Familienchronik als Geschenk.

Hinter den netten Tagesausflügen, Kaffeehausbesuchen und Einkaufstouren verbergen sich die Abgründe einer Familientragödie. Die Polizei hat nichts verloren, alles, was die Familie betrifft, muss in der Familie geklärt werden! Unter diesem Motto wird vertuscht, gemauschelt, in Andeutungen herumgerätselt.

Während die Enkelinnen mit Arbeitssuche, Selbstmordversuchen und Kontaktverweigerung beschäftigt sind, fügen sich die Partikel der Großmutter zu einer handfesten Geschichte zusammen. Die Geschichte der Großmutter ist eine stumme Tragödie, die sich erst in kleinen Portionen verdauen lässt. Auf einem Hof stumpfsinnig aufgewachsen hat sie nur einen Wunsch: weg! Eines Tages kommt Ludwig, nimmt sie stumm mit und heiratet sie. Er will keine Frau und Bedienerin sondern bloß eine Gebärperson für sein Kind. So geht die Zeugung auch stumm von statten, anschließend gibt es eine kleine Waschung als Körperpflege. Die Erzählerin fühlt sich als Schwangerschaftsmaschine, als das Kind herausgepresst ist, bleibt sie wie eine abgestreifte Schlangenhaut im Bett hängen. Sie hasst dieses Kind und sperrt sich im Klo ein, weil ihr das Kind ständig nachkrabbelt.

Aus dem Kind wird ein pubertierendes Mädchen, das vom behinderten Onkel das erste Kind bekommt, eben Bess. Und völlig von der Rolle gibt es die nächste Schwangerschaft, bei der Geburt der Zwillinge sterben ein Kind und die Mutter. Was übrig bleibt ist Sally, die sich ein Leben lang Vorwürfe macht, dass sie auf der Welt ist.

Unter diesem Aspekt wirkt der Titel tatsächlich verstörend ironisch, es wird alles zugedeckt, was an Katastrophen in uns schlummert.

Selma Mahlknecht erzählt eine unheimliche Familiengeschichte, wie sie vielleicht tagtäglich in den polierten Dörfern unserer heilen Welt abläuft. Die Erzählkonstellation ist so gewählt, dass letztlich niemand etwas dafür kann. Alle sind seltsam defekt und benommen vom eigenen Schicksal. Als Ausweg gibt es tatsächlich nur die Geschenkverpackung, worin zum Geburtstag die Familienchronik sauber aufgeschrieben wird. – Ein unter die Haut gehender Roman!

Selma Mahlknecht
Es ist nichts geschehen
Edition Raetia
2009 · 200 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-8-872833353

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