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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Zwei Romane zu einem verkittet

Sema Kaygusuz erzählt von „Wein und Gold“

Leylan lebt mit ihrem Vater, einem Trinker, auf einer türkischen Insel in der nördlichen Ägäis. Sie ist Bibliothekarin, keltert aber auch Wein für den Vater, weil er sich nicht mehr aus dem Haus bewegt. Gern nimmt sie in ihre Bibliothek Bücher auf, die von Touristen vergessen wurden. Diesen Büchern widmet sie sich besonders. Die Bewohner der Insel leben vom Weinanbau und vom Tourismus. Sie verdächtigen Leylan, dass sie ihren Vater ermorden wolle, ganz langsam, nachdem die Mutter die Familie und die Insel verlassen hat. Dann und wann trifft sie sich mit einer Zigeunerin, die sich darauf versteht, die Zukunft vorherzusagen. Fast so etwas wie eine Freundschaft entsteht zwischen den beiden Frauen.

Sema Kaygusuz, geboren 1972 in Samsun, entwirft Stimmungen und Gefühle, vor dem Auge des Lesers entstehen Bilder, märchenhaft und leuchtend. Mit wenigen markanten Worten werden Personen präzis beschrieben. Manche Sätze liest man mehrmals, weil sie einfach schön sind: Poetische Schilderungen, wie sich der Strand und die Wellen verhalten; die Veränderungen während der Wintermonate. Oder wie Leylan Wein zubereitet, ihn mit den Füssen presst: „Ich versuchte jede Beere so zu pressen, dass ich die Kerne nicht verletzte. Zwischen den Trauben und Kernen herrscht ein uralter Gegensatz. Das weiße Fleisch der Traube verkündet, dass die Welt ein vergänglicher Ort ist, der Kern dagegen predigt die Unvergänglichkeit des Bodens.“ Manche Sätze wirken verschlüsselt: „Endlich hatte die Göttertraube, die auf mein Wesen einwirkte, meinen Schlaf erreicht.“ Oder sind pathetisch: „Wie endemische Geschöpfe, die an keinem anderen Ort leben können, müssen wir alle in einer einzigen Tragödie Platz finden.“

Der umfangreichere zweite Teil des Romans erzählt archaische Geschichten, die sich im Nirgendwo zutragen, weder Ort noch Zeit sind lokalisierbar. Mythisch mutieren die Personen, verändern ihr Erscheinungsbild, fließen ineinander über. Eine endlose Wanderschaft des Helden. Oder sind es mehrere? Dazwischen balladenhafte Einschübe. Krankheit, Tod und Erschöpfung stehen im Vordergrund. Ringkämpfe werden in verschiedenen Varianten beschrieben sowie eine kannibalische Szenerie. Jener, der sich den Stärkeren einverleibt, überlebt. Wieder blitzen poetische Sätze auf: „Die Mannfrau war noch immer still. Sie erschuf in ihrer eigenen Sprache das Schweigen neu.“ Wer sich allerdings eine „Auflösung“, eine „Klärung“ der offenen Fragen aus dem ersten Teil erwartet, sieht sich in einen zweiten Roman versetzt, den der Rezensent hätte entbehren können.

Fazit: Erster Teil: dichte Schilderung vom Leben auf einer türkischen Insel. Zweiter Teil: Mythos pur von Helden und ihrem Überleben.

Sema Kaygusuz
Wein und Gold
Suhrkamp
2009 · 387 Seiten · 24,80 Euro
ISBN:
978-3-518419960

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