Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

vielleicht sprechen wir

Senthuran Varatharajahs Debüt
Hamburg

In seiner jüngsten Besprechung über Thomas Kunst stellt Fixpoetry-Kollege Kristoffer Cornils die Frage, was einem Verlag denn anderes übrig bleibt, als Prosa (in jenem Fall  "Freie Folge") notdürftig als Roman zu deklarieren. Für das hier zu besprechende Buch möchte ich eine Antwort auf diese Frage geben: Ich glaube nicht, dass es zielführend ist, sich der Marktlogik widerspruchslos zu unterwerfen und jedweden Prosatext verkaufsfördernd als Roman zu bezeichnen. Ja, in dieser Schublade wird gerade Geld gemacht, aber einem Verlag wie S. Fischer - in Deutschland als einer der Meinungs- und Marktführer anerkannt - sollte daran gelegen sein, sich handwerklicher Dinge zu erinnern. So eine Schublade ist nicht nur ein (Geld-)Behälter, sondern ein gefügtes Ganzes aus Einzelteilen, die sorgsam verarbeitet sind. Führungsleisten gab es da mal, früher! Heute flutscht sie ohne Kraftaufwand wie von Geisterhand zu.

Einen Roman, der keiner ist, als Roman zu bezeichnen, birgt ein gewisses Risiko. Der Autor könnte ohne eigenes Zutun beschädigt werden. Senthuran Varatharajah, Jahrgang 1984, scheint sich dieser Gefahr bewusst zu sein und entzieht sich möglicher Erwartungen, die an die Romanform herangetragen werden können, gezielt. Er hat einen Nicht-Roman vorgelegt. Es gibt keine Handlung, es gibt keinen Spannungsbogen. Es handelt sich nicht einmal um einen Dialog, sondern um zwei Monologe - zwei Menschen, die sich via Facebook die Auslöser für den weiteren, assoziativen Gedankenfluss für die Dauer von sieben Tagen und Nächten zusenden.

Varatharajah lässt zwei Menschen miteinander chatten. Beide haben einen Migrationshintergrund, der sie zu Außenseitern in der deutschen Mehrheitsgesellschaft macht. Senthil Vasuthevan ist Tamile, Valmira Surroi Kosovarin. Vielleicht sind sie sich schon einmal begegnet, im Netz der Freundschaften erscheint das zunächst möglich. Doch nach fast 24-stündigem Austausch, einem Abtasten, einer Durchsicht durch Profile und Freundeslisten kommen beide zu dem Schluss:

Valmira Surroi 23:57
Wir sind uns also nie begegnet.

Senthil Vasuthevan 23:58
wir hätten uns nie begegnet sein können.

Es ist nicht klar, warum beide an dieser Stelle weitermachen, mit dem Sprechen, das kein Sprechen, sondern ein Schreiben ist. Es entsteht ein Austausch, der nicht davon lebt, dass eine Person auf die andere eingeht, im Sinne von Einfühlsamkeit und Zartheit. Ihr Chat legt Zeugnis einer Fremdheit ab. Sie stellt die Verbindung, das spüren beide, her. Es ist eine drahtlose, eine, deren Signalstärke hervorragend ist.

Varatharajah stellt seinem Text ein Bibelzitat voran.

"Woher bist du? Jesus aber gab ihm keine Antwort." (Johannes 19:9)

Von Beginn an wird ein hoher Ton angeschlagen, Anspruch und Verweigerungshaltung zugleich. Der Autor, der Philosophie, evangelische Religion und Kulturwissenschaft studiert hat, geht mit seiner Sprache einen eigenen Weg. Sie kümmert sich nicht um Lesbarkeit, Verständlichkeit, ist mithin keine leichte Lektüre. Sie folgt einer inneren Logik, die an vielen Stellen scharf die Grammatik der Integration seziert, an anderen Stellen schlichtweg den Boden unter den Füßen verliert. Inhaltlich verweigert Varatharajah mit dem Zitat die Auskunft über seine Herkunft. Und in den biografischen Angaben des Schutzumschlags fehlt der Geburtsort. Es ist sein gutes Recht, als in Deutschland lebender Mensch mit gleichen Pflichten und Rechten anerkannt zu werden. Aber greift er nicht zu hoch, wenn er die Passionsgeschichte zitiert?

"Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir?" (Johannes 19:10).

Ich bekenne mich zu meiner Neugier. Wenn ich einen Menschen sehe, von dem ich aufgrund anderer Hautfarbe oder Sprache annehme, er komme aus einer anderen Region in dieser Welt, möchte ich fragen dürfen: Woher kommst du? Freilich geriet ich dabei schon an Menschen, die in zweiter oder dritter Generation hier leben und mir irgendeinen Ort in Deutschland nannten, in dem sie geboren wurden. Manche ließen mich im Regen stehen, als hätte ich wie die Buchhändlerin bei Varatharajah eine als Neugier schlecht getarnte rassistische Bemerkung gemacht.

es könnte bereits mitte des semesters gewesen sein, fragte mich die buchhändlerin, nachdem ich die bücher auf den tresen gelegt hatte und sie sie zu scannen anfing, woher ich komme und ob ich mich hier oder in meinem heimatland wohler fühlen würde.

Dass die Frage nach der Herkunft nicht so leicht zu beantworten ist, nicht nur mit dem Verweis auf den Ort der Geburt, zeigt Valmira, wenn sie schreibt:

Einige meiner Freunde haben die Städte, aus denen ihre Eltern kamen, als ihre Heimatstadt angegeben, obwohl sie in Frankfurt, München oder Göttingen geboren wurden …

"Vor der Zunahme der Zeichen" ist ein sperriges Buch mit einem Titel, der zunächst nicht eingänglich ist. Nach dem Lesen der entsprechenden Textstelle bekommt er jedoch Gewicht und lastet schwer.

die sri lankische armee begann junge tamilische männer festzunehmen und verschwinden zu lassen. sie kamen ohne ankündigung. sie kamen durch wände. sie kamen tag und nacht. meine mutter sah, wie sie in einem jeep an ihrem haus vorbeifuhren. sie sagt, das sei ein zeichen. sie sagt, bevor diese zeichen zunehmen, vor der zunahme der zeichen sollte er gehen. er hätte keine zeit mehr.

Varatharajahs Debüt besitzt das Potenzial, bei den Lesern eine Langzeitwirkung zu entfalten. Diese Prosa leistet weit mehr als ein leicht zu konsumierender Roman, der mit bewährten Stilmitteln hantiert. Der Verlag schreibt, der Text "gehe über die Grenzen der Sprache und über die Brüche in Biographien". Abschließend ohne weitere Kommentare einige Ausschnitte, die das belegen könnten. Vielleicht.

niemand wird wissen, von welchen rändern wir aus sprechen, und dass wir darüber sprechen können, ändert nichts daran.

vielleicht sprechen wir, um an das ende dieser und jeder möglichen sprache zu gelangen …

als wollten sie die dinge aufbrechen, die wörter aufbrechen; vielleicht sind sie zu weit gegangen, vielleicht, vielleicht sind sie noch nicht weit genug gegangen, vielleicht ist das die art, wie sinn allein erscheint, unbeabsichtigt und unterwegs, auf der rückseite der zeichen, als buchstabenschatten, der selbst schatten wirft, als bewegung unter dem papier, verborgen, flüchtig …

wir werden uns zwischen den zeilen und zeichen verraten.

ich fange an. das tamilische namensrecht: der vorname des vaters wird der nachname der kinder sein. sie tragen den namen des vaters, aber er trägt einen, den eines anderen. hier, in deutschland, endet diese linie. wenn wir kinder haben sollten, werden sie nicht meinen vor-, sondern den unseres vaters als nachnamen erhalten. mit uns endet dieses gesetz. wir sind das ende.

als kind glaubte ich, dass das wort untersagen heißt, dass man unter dem sagen spricht, unter dem, was sagbar ist, und ich verstand nicht, wie versprechen beides sein konnte, eine zuverlässige sowie unzuverlässige rede, und dass einstellen ein anfangen und ein enden bedeuten konnte, auch das begriff ich nicht.

bis zur äußersten bedeutung müssen wir gehen und es wird nicht weit genug gewesen sein. wir gehen.

 

P.S.:  "Varatharajah" ist dem Wörterbuch meines Schreibprogramms unbekannt. Korrekturvorschlag: Rathausmarkt. Desweiteren "Vasuthevan", Vorschlag: Asylrelevant.

 

 

Bachmannpreis Senthuran Varatharajah from Jan Rehwinkel on Vimeo.

 

Senthuran Varatharajah
Vor der Zunahme der Zeichen
S. Fischer Verlage
2016 · 256 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-10-002415-2

Fixpoetry 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge