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aufbau Guzel Jachina "Wolgakinder"
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aufbau Guzel Jachina "Wolgakinder"
Kritik

»Er hat so ein gutes Herz gehabt«

Eine Begegnung mit Thomas Bernhard
Hamburg

Wer einmal der Sprache Thomas Bernhards, diesem süchtig machenden Rauschmittel mit bewußtseins- und wahrnehmungsverändernder Wirkung, in dessen Büchern begegnet ist, wird sich deren Sogkraft niemals mehr entziehen können (und wollen), denke ich, während ich die Seiten von Auslöschung wieder einmal über den Daumen abrollen lasse und bildhaft klar die unauslöschliche Lektüre nicht bloß dieser in einem einzigen großen Schwall sich tief in mich hinein ergießenden Wörtermusik erinnere. In der Hommage zu Bernhards 80. Geburtstag Die Arbeit als Leidenschaft, die fortgesetzte Partitur als Leben singe ich ein Lied davon.

Als in ähnlicher Weise berauschende Droge empfinde ich den von Photograph und Filmemacher Sepp Dreissinger edierten Sammelband Was reden die Leute. 58 Begegnungen mit Thomas Bernhard, in dem Menschen zur Sprache kommen, die mit dem leibhaftigen Bernhard zu dessen Lebzeiten auf die eine oder andere Art in mehr oder weniger heftige Berührung kamen – Nachbarn, Verwandte, Schriftstellerkollegen, Menschen, mit denen er zusammenarbeitete: Peter Fabjan, Bruder • Gert Voss, Burgschauspieler • Johann Maxwald, Ohlsdorfer Nachbar • Ingrid Bülau, Hamburger Freundin • Raimund Fellinger, Suhrkamp-Lektor • Peter Hamm, Schriftsteller • Alfred Höller, Tierpräparator • Claus Peymann, Bernhard-Regisseur • Siegfried Hostnik, Bräunerhof-Chef.

Auch Hans Bender, der Bernhard mehrfach an verschiedenen Orten begegnete und ihn bei-spielsweise durch Veröffentlichungen in Akzente förderte, entdecke ich unter den Zeitgenossen, die Bernhard persönlich erlebten. Bender zeigt mir ein, wie er lächelnd betont, mit seinem Fotoapparat aufgenommenes Photo, das (den durchaus wohlwollend blickenden) Thomas Bernhard zusammen mit Elisabeth Borchers und Hans Bender in Regensburg im Jahre 1967 während der Tagung des Kulturkreises im BDI zeigt. Während meines Besuchs am 7. September 2011 (zuvor hatte ich mich vom sonnendurchstrahlten Richter-Fenster im Dom begeistern lassen) kommen, wie bei fast jedem Treffen in der Kölner Taubengasse, Rolf Dieter Brinkmann und eben Thomas Bernhard zur Sprache. Vierblättriges B-Blatt, denke ich, während ich diese Wörter hier nieder¬schreibe, und laß das Wort einfach mal so stehn, mal sehn, was passiert.

Erneut wird durch Benders Erinnerungen deutlich, daß auch bei der Wiedergabe von angeblich tatsächlich Erlebtem – in Bernhards Meine Preise beispielsweise – Fakt und Fiktion auf die typisch Bernhardsche Art und Weise des maßlosen Übertreibens, Schimpfens, Verdrehens miteinander verschmelzen und so eine neue, andere – literarische – Wirklichkeit schaffen: Um ›Wahrheit‹ im (klein-)bürgerlichen Sinne ist es Thomas Bernhard (der mehr oder weniger ausschließlich als Künstlernatur lebte, dachte und agierte, gleichsam immer schrieb, auch wenn er nicht schrieb) nie gegangen, was auch durch diese Schilderung des 92jährigen Hans Bender überdeutlich wird:

Ich war neben meinen redaktionellen Tätigkeiten auch Berater und Juror im Literarischen Gremium des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie. Für das Jahr 1967 habe ich Thomas Bernhard und Elisabeth Borchers für die jährlichen Preise vorgeschlagen. Die Tagung war für Anfang Oktober festgesetzt, in Regensburg. Ein Vorgang, den ich gut in Erinnerung behalten habe. Bevor die anderen angereist waren, speiste ich zusammen mit Bernhard in einem Hotelrestaurant. Als wir die Suppe löffelten, hielt Bernhard inne, blickte hinauf zur Stuckdecke und begann zu schildern: Die Stücke der Stuckdecke werden herunterfallen in unsere Teller, die Suppe würde überschwappen, den Tisch, den Boden, den Raum, dir Stadt, die Welt ertränken! Ich wusste nicht recht, wie ich auf Bernhards überschwängliche Schilderung oder Vision reagieren sollte. Ich versuchte es, doch größer waren meine Zweifel, ob die Suppe diese Sintflut anrichten könnte. Er wollte wohl eine Szene mit mir spielen. Wollte mich überprüfen, wie ich reagierte. Hatte ich die Begabung, einzugehen auf seine Vision?

Durchweg sehr persönliche Berichte (aus denen auch manche Kränkung hervorbricht) und Wortschwalle (die Bernhard alle Ehre gemacht hätten) einhergehend mit vielsagenden Photographien machen – einschließlich des Vorworts von Manfred Mittermayer – dieses Buch zu einer tiefgehenden, unvergesslichen Begegnung mit Thomas Bernhard und seinen ihn aus verschiedensten Blickwinkeln betrachtenden Zeitgenossen. Daß Thomas Bernhard sich gern in der Pose des Grantlers, des Beschimpfers, des Unzufriedenen zeigte, ist weithin bekannt. Wenn das Publikum keine Alpträume hat, ist ihm sofort langweilig, betonte er gern und beschwor mit voller künstlerischer Absicht Katastrophen aller Art, um der Lebenslangeweile entgegenzuwirken, ob auf der Bühne, zwischen Buchdeckeln, im Café oder am Mittagstisch mit Hans Bender.
Das Buch Was reden die Leute. 58 Begegnungen mit Thomas Bernhard zeigt aber auch den anderen Bernhard, den gleichsam guten Menschen von Ohlsdorf, den freundlichen, milden, hilfsbereiten, den Menschen eben, der, naturgemäß, das Wort Lebensmensch erfand: Er hat so ein gutes Herz gehabt, lese ich im Kapitel von Maria »Mitzi« Holzinger, die Bernhard als Kellnerin im Brandlhof in Wolfsegg viele Jahre lang bediente, und: Thomas Bernhard hat mir das Buch »Auslöschung« geschenkt mit einer Widmung, auf die ich sehr stolz bin: »Dem lieben und unentbehrlichen Fräulein Mitzi, mit meinen besten Wünschen. Thomas Bernhard.«

Was wäre dem noch hinzuzufügen?

Sepp Dreissinger (Hg.)
Was reden die Leute
58 Begegnungen mit Thomas Bernhard
Vorwort: Manfred Mittermayer
Müry Salzmann
2011 · 384 Seiten · 29,00 Euro
ISBN:
978-3-990140345

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