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Kritik

Keine Stadt der Engel

Mesopotamien des ukrainischen Autors Serhij Zhadan ist ein liebevolles Portrait von Charkiw und seinen Bewohnern und gleichzeitig hochpolitisch
Hamburg

Beim Zigarettenholen wird Marat abgeknallt. Holla, sagten wir uns, die Neunziger kehren zurück. Und das, obwohl seit zehn Jahren nicht mehr geschossen wird. Andererseits gibt es noch keinen Bürgerkrieg, keinen Maidan, keine Separatisten, die Opfer des Fluges MH 17 werden noch nicht in Charkiw geborgen und die Krim dient nur als Schauplatz erotischer Abenteuer. Mesopotamien spielt in einer Zwischenzeit und diese Unbestimmtheit klingt wie eine Metapher für die Geschichten und ihre handelnden Personen. Denn die multikulturellen Bewohner der Stadt mit zwei Flüssen verkörpern eine Unbestimmtheit, wollen weg und bleiben schließlich doch, machen mysteriöse Geschäfte, die sie schon mal ins Gefängnis bringen, und nicht wenige Frauen leben bei der Suche nach Glück von der Prostitution. Kurz, sie sind keine Engel, haben aber auch keine, die ihnen helfen. Selbst die Unterstützung von Gott und Jesus bleibt zweifelhaft. Jesus ist, wie einige der Protagonisten, Boxer, ihm werden Fäuste umwickelt, aber im Ring verweigert er den Handschlag. Da helfen sich die Menschen auf ihre Art lieber selbst und Serhij Zhadan beschreibt seine chaotischen Helden mit einer sympathischen Empathie, die sich auf die Leser überträgt.

Das Buch ist zweigeteilt. Der Hauptteil enthält neun Geschichten und Biographien, während ein viel kürzerer, in prosaischen Gedichten geschriebener zweite Teil Erläuterungen und Verallgemeinerungen sind. Suhrkamp nennt Mesopotamien nicht Roman, aber da alle Teile raffiniert miteinander verwoben sind und sich aufeinander beziehen, hat Mesopotamien unbedingt romanhafte Züge. Allerdings habe ich erst nach einer gewissen Zeit und nach mehreren Geschichten die Zusammenhänge und vagen Andeutungen richtig verstanden. Sonst hätte ich bei der ersten Geschichte Marat den zahlreich auftretenden Personen mehr Aufmerksamkeit geschenkt, denn die Trauerfeier, bei der sie sich treffen, dient sozusagen als Exposition. Als Exposition für die Personen, aber auch für den Ton, den der Autor anschlägt. Es ist ein Ton, der mich sofort für das Buch eingenommen hat, eine Mischung aus Ernsthaftigkeit und Ironie, aus Hoffnungslosigkeit und Utopie.

Marat also ist an Ostern gestorben.

Wir sind offenbar die einzigen gewesen, die mit einer Leiche zum Friedhof kamen, und müssen ziemlich komisch gewirkt haben – als wären wir mit unserem eigenen Klavier in einen Musikladen marschiert. Ostern schmiss alles über den Haufen und ließ unsere Trauer irgendwie unangebracht erscheinen. Zu Ostern stirbt man nicht. Im Gegenteil, normale Menschen erwachen zu dieser Zeit von den Toten.

Marat kam als ungläubiger Moslem aus Tschetschenien. Er boxte im Halbschwergewicht für Spartax, scheint ein ziemlicher Weiberheld gewesen zu sein und auch sonst nicht unbedingt erfolgreich. Aber bei einer Trauerfeier darf man nur Gutes über den Verstorbenen sagen, sonst kommt seine Seele nicht zur Ruhe. Und so wird schon in dieser ersten Geschichte deutlich, dass alle Protagonisten unausgesprochene Sehnsüchte haben. Dabei findet Zhadan starke Bilder.

Hinter uns spiegelte sich scharf die dünne Mondsichel in der gesprungenen Fensterscheibe. Von ihr ging das ganze Licht aus. Sie blendete die Augen und raubte uns die Ruhe. Marat streckte vorsichtig die Hand aus und brach ein Stück Glas aus der Scheibe. Als hätte er den Mond zweigeteilt. Nur noch die Hälfte blieb übrig. Es wurde dunkler.

Überhaupt setzt er die Natur, Mond und Sonne den Lagerhäusern, Autowerkstätten, Heizkraftwerken und Fabriken entgegen. Da gibt es das schwere Atmen der Bäume, der Mond ist kupferfarben, und der Himmel fliederblau mit roten Spiegelungen im Westen. Denn Charkiw ist nicht nur der Hintergrund für die Geschichten, sondern spielt selbst eine aktive Rolle.

Da kommt beispielsweise der zwanzigjährige Roma in der Geschichte Romeo nach Charkiw, von sich und seinen Verführungskünsten überzeugt. Ich war ein Star, unmöglich mir keine Aufmerksamkeit zu schenken, denkt er, als er die Stadt betritt, die ihn erst einmal beruhigt.

Aha, es gab Brücken hier. Das ist gut, dachte ich, eine Stadt am Fluss ist geschützter und ruhiger, in so einer Stadt hält das Leben sich im Rahmen und folgt einer Ordnung. Später fand ich heraus, dass es noch einen zweiten Fluss gab. Dazwischen lag die Stadt auf den Hügeln, wie auf einer Insel, und leuchtete, mit ihren weißen und roten Häusern, die von warmen Maiengrün umschlossen waren.

Er verliebt sich in Dascha, die ihn schnöde abweist, aber, so lautet sein Fazit: Alles, was ich über diese Stadt wusste, wusste ich von ihr.

Auch für Oleg läuft es in der Erzählung Iwan nicht besonders gut. Auf der Hochzeit seiner früheren Freundin Sonja prügelt er sich mit ihren Gästen. Seinen Weg zur Feier, die in einem Saunaclub stattfindet, nutzt Zhadan, um die Stadt fünf Seiten lang zu beschreiben. Er ging und fühlte, wie die Stadt näher kam, ihr Atem spürbarer, ihre Lichter heller wurden. Nachdem alle Viertel, die Flüsse, Obstgärten und Festungsmauern beschrieben wurden, endet die Textstelle mit der Feststellung, dass das Leben nur zwei Wege kennen würde. Der eine führt ins Paradies, der andere in die Hölle. Doch sie kreuzen sich an vielen Stellen.

Die größte Hommage an die Stadt, das Babylon des 21. Jahrhunderts enthält die für mich schönste Geschichte Matwij. Sie handelt von der Liebe des gleichnamigen Ich-Erzählers zu einer jungen Frau. Erst nach zehn Jahren wird er (kurzfristig) erhört. Eines Tages wird Matwij von einem halben Hundert Typen in Straßenkleidung abgefangen.

Eigentlich sind wir alle hier, in dieser Stadt, Zöllner für Liebe. Wir nehmen sie morgens, wir suchen nach ihr abends, wir finden sie nachts. Denn es kann keine nicht bezahlte Liebe geben, keine Liebe für sich. Denn die gesamte Liebe gehört dieser Stadt, die Stadt besteht aus dieser Liebe, füllt sich damit wie mit Regen im Herbst, wärmt sich auf wie mit Steinkohle im Winter. Ohne sie, ohne diese Liebe wird die Stadt einfach an Kälte und Durst sterben.

Diese Zeilen kann man auf viele Zusammenhänge beziehen. Sie sind nicht nur für die Ukraine aktuell. Serhij Zhadan hat ein sehr poetisches Buch geschrieben. Und mit seiner Utopie eines friedlichen Zusammenlebens ein sehr politisches.

 

 

Serhij Zhadan
Mesopotamien
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, Juri Durkot und Sabine Stöhr
Suhrkamp
2015 · 362 Seiten · 22,95 Euro
ISBN:
978-3-518-42504-6

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