Anzeige
Das Meer und der Norden     Streifzüge von Küste zu Küste     von Charlotte Ueckert
x
Das Meer und der Norden     Streifzüge von Küste zu Küste     von Charlotte Ueckert
Kritik

Von der Donbass Arena zum Stadion Miejski in Breslau

Acht Schriftsteller unterwegs zu den Austragungsorten der Fußball-EM 2012
Hamburg

Wenn die UEFA-Regeln sich an denen orientieren würden, nach denen am 14. Juni 1894 anlässlich einer Galizischen Leistungsschau ein Spiel zwischen einer Lemberger und einer Krakauer Mannschaft ausgetragen wurde, hätten die Bayern in diesem Jahr die Championsleague gewonnen. Denn das historische Spiel endete mit dem ersten Tor, also spielte man gewissermaßen nach einer Goldenen Goal Regel, aber von Anfang an. Das erste Tor fiel in Lemberg nach sieben Minuten, für die Galizische  Mannschaft und wird von der Autorin Natalka Snjadanko als das erste Tor des galizischen Fußballs apostrophiert.

Snjadankos Text aber setzt mit einer geradezu rührenden Beobachtung aus der Gegenwart ein:

„Zum Beispiel wie sorgfältig ein bärtiger Opa in der Straßenbahn seinen Fußballschal in der Tasche verstaute. Er ging dabei unglaublich pedantisch vor und war mit dem Ergebnis nie zufrieden, dreimal holte er den Schal wieder raus, und versuchte, ihn so zusammenzulegen, dass er exakt an denselben Stellen gefaltet war, wie vor dem Spiel.“

Totalniy Futbol heißt die Anthologie, die im Suhrkamp Verlag erschienen ist  und die von dem Ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan herausgegeben wurde, der neben vielseitigen literarischen Aktivitäten auch die ukrainische Schriftstellernationalmannschaft organisiert. Und um es vorweg zu nehmen: Er hat ganze Arbeit geleistet in diesem Buch, und aus einer großen Anzahl von Individualisten wie Pavel Huelle, Natasza Goerke und Juri Andruchowytscch eine schlagkräftige Mannschaft geformt. Jedem der Austragungsorte der kommenden Europameisterschaft ist darin eine Erzählung gewidmet. Und so vielschichtig und historisch mannigfach überformt wie die Landschaften und Städte in Polen und der Ukraine, so vielschichtig sind auch die verschiedenen Texte.

Überrascht war ich von der Präsenz der deutschen Besatzungszeit. Aber es ist heilsam, geschildert zu bekommen, wie tief sich die Verbrechen des deutschen Faschismus und was daraus folgte, in die Topographie Osteuropas eingegraben haben. Und das Merkwürdige ist, dass wir in Deutschland das Verdrängen, oder unser Vergessen mit einer neuen Zeit begründen. In Breslau aber braucht man nur aus dem Haus zu gehen und das Verdrängte ist da.

Von Piotr Siemion stammt der Breslautext, der S-L-A-S-K heißt und angesichts der Breslauer Fußballmannschaft, die lange Zeit ein Armeeclub war, die Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert aufzeigt. Die Schilderungen des Erzählers werden dabei immer wieder von Kommentaren eines Trawinski unterbrochen, der, als alternder Fußballfan, die Sache eher skeptisch begleitet: „Die können sich da zusammenkleistern, was sie wollen, in den Zeitungen, im Fernsehen, aber wir gehen  ihnen nicht auf den Leim, und damit hat sich’s. Wrozlaw weiß, was ich weiß.“

Die Bevölkerungen Polens und der Ukraine sind fremdherrschafts- und diktaturerprobt. Immer wieder wurden sie zum Spielball in den Auseinandersetzungen der Großmächte Europas, vor allem Deutschlands, Russlands und Österreichs. Das bildet gewissermaßen ein Sediment in den Überlieferungen, selbst in den Mythen, die vordergründig nur vom Fußball erzählen. Und so bekommen wir mit Totalniy Futbol ein Geschichtsgemälde geliefert und ein Bild gegenwärtiger Mentalität, die sich aus dieser Geschichte speist.

Wir lernen unsere östlichen europäischen Nachbarn  kennen. Und bei aller Abscheu vor diktatorischen Tendenzen in der Ukraine, verdammt noch mal: wir sprechen endlich einmal darüber und sie rückt in den Fokus unserer Aufmerksamkeit. Es ist unterirdisch und verantwortungslos, wenn deutsche Politiker mit ihrem Fernbleiben drohen, und so ihr Bild vom Gutmenschen pflegen, sie lassen nämlich damit die Ukrainische Bevölkerung allein.

Begleitet wir das Buch von einem Fotoessay von Kirill Golovchenko, der Menschen und Fußball und letztlich auch das zeigt, was der Fußball aus Menschen macht. Allein dieser Essay ist die Anschaffung des Buches wert. Ich verließ die Lektüre  unterhalten, be- und gelehrter, und voller Hochachtung für unsere östlichen Nachbarn und freue mich sehr auf diese Europameisterschaft, bei der Deutschland wohl aus alter Gewohnheit den 3. Platz belegen wird.

Serhij Zhadan · Serhij Zhadan (Hg.)
Totalniy Futbol
Eine polnisch-ukrainische Fußballreise
Übersetzung:
Lisa Palmes u.a.
Fotos: Kirill Golovchenko
Suhrkamp
2012 · 242 Seiten
ISBN:
978-3-518062166

Fixpoetry 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge