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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
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Kritik

Das bittere Lachen am Morgen

Die Poesie iranischer Frauen

Mit “The Poetry of Iranian Women – A Contemporary Anthology” hat Sheema Kalbasi eine Arbeit gestemmt, die längst überfällig war: Ihr ist ein umfangreicher Überblick über die Dichtung iranischer Frauen gelungen, über Generations- und Ländergrenzen hinweg. Auch wenn dieses Kompendium längst nicht vollständig ist (was kaum zu bewältigen wäre) gibt es doch einen tiefen Einblick in die stilistische und inhaltliche Vielfalt von Lyrikerinnen, die ein Thema gemeinsam haben: die Emigration – sei es nun die innere oder die äußere. Nicht zuletzt präsentiert sie ein Panorama starker und selbstbewusster Stimmen, die gehört werden wollen.

Eine Anthologie mit iranischen DichterInnen zu kompilieren ist, selbst bei thematischer Eingrenzung, kein leichtes Unterfangen. „Alle Iraner sind Dichter“ ist ein augenzwinkernder Satz, dem man immer wieder begegnet, und er ist weniger übertrieben, als man vielleicht denken mag. Die Eingrenzung auf die weibliche Dichtung macht es daher nicht einfacher – die Auswahl wird gerade mal halbiert. Klar ersichtlich ist der Schwerpunkt auf in den USA lebenden Dichterinnen, mit Ausflügen nach Iran, Schweden, England und die Niederlande. Ein Text pro Autorin ergibt in einem Buch mit rund siebzig Beiträgen eine beachtliche Vielfalt. Quer durch alle Generationen hat Kalbasi ausgewählt, und neben gewichtigen Namen wie Rira Abbasi, Lobat Vala oder Saghi Gharaman finden sich auch Autorinnen, die öffentlich noch recht unbekannt sind und auch noch keine eigene Buchveröffentlichung vorzuweisen haben. Es ist aber gerade diese Möglichkeit, Neuentdeckungen zu machen, die den Reiz der Anthologie begründen.

Man mag es unverzeihlich finden, dass wichtige Stimmen wie Sanaz Zaresani, Pegah Ahmadi, Roja Chamankar oder auch die große Simin Behbahani fehlen. Man kann aber auch darüber hinwegsehen. Es war nicht das Anliegen der Herausgeberin, einen Kanon zu schaffen, sondern lediglich einen Überblick, der zwangsläufig unvollständig sein muss. Umso überzeugender ist die Komposition des Buches, die sichtlich durchdacht ist: Themen und Stile gehen fließend ineinander über, offene Verse stehen neben Ghasalen ohne dass der Leser darüber stolpert, denn Kalbasi hat darauf geachtet, dass aufeinander folgende Gedichte entweder den Rhythmus teilen oder das Thema oder die Stimmung oder etwas anderes. Dadurch ergibt sich ein roter Faden; selbst Leser, die wenig Erfahrung mit iranischer Lyrik haben, finden einen schnellen Zugang.

Neben typisch persischer Natur- und Liebeslyrik, die Bezüge zur klassischen Dichtung (Hafez, Rumi, Saadi, Ferdowsi) aufweist, die immer wieder aber gebrochen wird von einer sehr heutigen Perspektive, finden sich vor allem Texte, die tief in die Psyche der Autorinnen als auch der iranischen Gesellschaft eintauchen; das Mullah-Regime wird ebenso thematisiert wie die Religion – besonders interessant ist dabei die Sicht der jüdischen Dichterinnen, die in Iran aufwuchsen. In einer Reihe von Gedichten über die Steinigung fließen religiöse und gesellschaftliche Verblendung ineinander, eine Steinigungsszene wird zur lustvollen Orgie von Menschen, deren religiös oktroyierte Triebunterdrückung sich auf diesem Weg bahn bricht.

Bei Lobat Vala fließt „The Epic of Stoning“ übergangslos in die Sagen von Rostam und Arash hinüber, bei Shokooh Mirzadegi gibt es kein Weinen der geprügelten Frau, sondern nur das bittere Lachen am Morgen. Die Unterdrückung der Frau in repressiven Gesellschaftsformen unter pseudoreligiösem Deckmäntelchen findet sich indirekt auch in dem schockierend direkten Gedicht „The Child is 18“ von Saghi Gharaman, während Fereshteh Sari im Raum der Poesie eine Heimat, einen Rückzugsort findet – bis auch dieser ihr durch politische Repression genommen wird: „These days / There aren’t any rooms / That can harbor me against the crowd / and behind every window / inside and outside every room / a two-faced clown sneers“.

Viele, die unter dem Shah oder der aktuellen Diktatur ins Exil getrieben wurden, schreiben vom Unterwegssein, vom Ankommen in einer neuen Heimat oder von den Differenzen zu ihr, und jene, die geblieben sind, erzählen (zumeist indirekt) von der inneren Emigration und der vorhandenen oder längst verlorenen Hoffnung. „When will we arrive at the garden?“ fragt Parvaneh Forouhar … 1998 wurden sie und ihr Mann vom Regime ermordet, ihre Leichen nach Mekka ausgerichtet. Im Sommer 2011 erscheint ein Buch von Parvanehs Tochter Parastou. Es heißt „Das Land, in dem meine Eltern umgebracht wurden: Liebeserklärung an Iran“.

Sheema Kalbasi
The Poetry of Iranian Women
Createspace
2009 · 170 Seiten · 9,99 Euro
ISBN:
978-1-442107090

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