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Kritik

Das Leben ist albern, aber keine Komödie

Zu Sibylle Bergs neuem Roman „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“
Hamburg

Der jüngst im Hanser Verlag erschienene neue Roman von Sibylle Berg folgt dem dialogischen Rhythmus der Innenwelt eines Paares, das sich pünktlich zur Midlifecrises (beide sind etwa in den 40ern) in einer Krise befindet. Die Beziehung wird durch die Inneren Monologe der beiden Protagonisten, Chloe und Rasmus,  analysiert. Durch dieses Mittel erscheint der Roman beinahe theateresk und spielt an vielen Stellen mit genau dieser Gratwanderung zwischen Roman und Drama.  Durch das Fehlen eines auktorialen Erzählers kann man sich auf keine der Aussagen verlassen. Man scheint auf die Sichtweise der jeweiligen „Redner“ angewiesen, die eine Reflexion, eine Spiegelung enthalten. Durch das Prisma des jeweils anderen entsteht eine Geschichte, die sich selbst bricht, unterbricht, weiterführt.

Der zunächst erfolgreiche Regisseur Rasmus, der aus Finnland stammt, durchlebt mit seiner Frau, die sich derweil die Frage stellt, ob sie das Leben ihres Mannes bisher mitgelebt hat, den Abstieg seiner bisherigen Laufbahn. Der äußere Rahmen wird also zunächst durch Rasmus' Arbeit bestimmt. Dieser Abstieg führt das Ehepaar in die „Dritte Welt“, wo er ein neues Theater installieren will. Das Paar wohnt in einem Hotel am Meer, einem Provisorium, wodurch sie auch mit Urlaubern und gleichzeitig dem Alltag der Bewohner konfrontiert sind. Es ist in der Tat kein idyllischer Urlaubsort; ein „Scheißort“ mit Kakerlaken und vermülltem Strand. Es wird an keiner Stelle ersichtlich, in welches Land es sie verschlägt. 
Schonungslos wird vor allem von intimen Problemen gesprochen, eigentlich scheint dies das Zentrum des Eheproblems zu sein; dass diese beiden sexuell nie zueinander gepasst haben. Immer wieder kreist der Roman um die eine und die andere Seite dieses gemeinsamen Problems. Die inneren Monologe der beiden Figuren spielen manchmal in derselben Situation, an denselben Plätzen, aber sie treffen sich nie. Es gibt keinen Dialog. Rasmus steht im Meer / Chloe am Meer S.37-42, jeder ist für sich in die Betrachtung seiner selbst, der Umstände und des anderen versunken.

Dennoch gibt es an manchen Stellen Parallelen der Gedanken der beiden, die aber zeitversetzt abgeführt werden. Gerade beim Thema Verliebtsein und Alter kommen beide unter umgekehrten Vorzeichen auf dieselben Bilder. 
So denkt Ramsus an einer Stelle:

„Dieses Hälfte-des-Lebens-Gefühl. Dieses Ich-kann-nichts-mehr-ändern-Gefühl. Erwachsene wissen, wovon die Rede ist. Hungrig sein, aber zu müde zum Essen.“(S. 71)

Chloes innerer Monolog etwa zwanzig Seiten später thematisiert in ähnlicher Weise diesselben Gedanken, nur auf die Vergangenheit bezogen positiv formuliert:

„Eine billige Pension und kein Geld mehr für Essen. Hungrig liefen wir durch die Stadt, und warum vergisst man das nicht, vergisst dafür die späteren gepflegten Reisen nach Venedig in Ferienwohungen erwachsener Freunde, Essen in teuren Restaurants, die nie mehr das Gefühl machen werden wie der Hunger auf das Leben damals.“ (S. 97)

Es ist eine Kompositon aus gelungenem Unverständnis, des sich nicht Treffens, obgleich man in ähnlicher Weise denkt.  

Die Überschriften der Kapitel erscheinen zudem überraschend glanzlos, was der Nüchternheit und dem fehlenden Pathos geschuldet ist. Dieser Stil erscheint gegenüber dem Sujet einer Beziehungs auch notwendig, will das Buch nicht dem Kitsch anheimfallen. Was interessant ist, ist die Ehrlichkeit der beiden Charaktäre innerhalb der Monologe. Die Analysen und die Rückschau bilden das Puzzle der jahrelangen Beziehung, die man nach und nach zusammenfügen kann. 

Chloe paraphrasiert an einer Stelle, die man als Schlüsselstelle des Romans lesen kann:

„Diese unendlichen Abendessen bringen mich an den Rand der Möglichkeit, an irgendetwas zu denken, das nicht die Worte beinhaltet: Ich will sterben vor Langeweile. Schrieb nicht Dürrenmatt, das Leben sei eine Komödie? Das Leben ist albern, aber keine Komödie. [...] Würde Rasmus ein Stück mit einer Figur wie mir angeboten, er würde es ablehnen und mit der oberflächlichen, klischeehaften Skizzierung der Personen argumentieren.“ (S. 69)

Dies scheint genau das, in der Wiederholung derselben Themen, was der Roman tut und an dieser Stelle wird dies möglicherweise reflektiert.
Das Verharren in Klischees scheint bewusst als Mittel gewählt, um in einer konsequenten Ehrlichkeit ein Leben zu umreißen, das nackt und real scheinen will,  fernab einer Idealisierung oder Romantisierung. So wird nicht nur der Aufenthaltsort, sondern auch die Liebe zum Schauplatz grausamer Realität, Tristesse, die an dieser Stelle den Roman mitreflektiert und so eine Metaebene schafft. Ob dies von der Autorin beabsichtigt war, weiß man nicht. 
Leider schafft es der Roman jedoch nicht, ein diffrerenziertes Gegenbild zum Klischee zu entwerfen, da die Probleme des Paares über den Stereotyp der jeweiligen Entzauberung nicht hinauskommen. Alsoist auch Entzauberung stereotyp.

Beinahe völlig deplatziert werden zudem von Rasmus Seite immer wieder Dichter zitiert. Von Goethe bis zum aktuellen Autor und Lyriker Michael Lentz werden Zitate eingestreut, die aber an der Oberfläche verharrend Assoziationen von Rasmus Seite beinahe beliebig werden lassen. Diese Zitate werden nicht in den Roman eingearbeitet, sondern scheinen nur die leicht erweiterten Literaturkenntnisse von Rasmus vorzuführen. Zitate von Peter Huchel und Richard Dehmel bleiben nur erwähnt, sodass man den Verdacht hegt, sie wurden nur erwähnt, um erwähnt zu werden und eine Kenntnis, die sich dann aber als eigentliche Unkenntnis entlarvt, da sie beinahe gänzlich isoliert dastehen, vorzuführen, da beide Dichter nicht zu den heute bekanntesten zählen, reicht es scheinbar, sie zu nennen, um von ihnen Kenntnis nachzuweisen. 

Vorherzusehen ist in der zweiten Hälfte des Romans auch, dass den bisherigen, frustierten  Gedanken auch irgendwann Konsequenzen folgen. Deterministisch erscheint, dass an einer Stelle des Romans eine dritte Figur auftauchen muss; und sie kommt: In einem Massagesalon, in dem beide, Rasmus und Chloe, Opium rauchen, wodurch beide alles vergessen, beginnt Chloe eine Affäre mit ihrem Masseuer. Er heißt Benny.  An dieser Stelle drehen sich die Rahmenbedingungen um, sodass diese nun von Chloes Handlungen bestimmt werden. 
Sie ist es also, die sich in einer Affäre zu finden versucht, die rein körperlich funktioniert. 
So verlässt sie das Hotel und mietet sich in einer kleinen Wohnung ein. Es kommen ihr im selben Wortlaut exakt dieselben Gedanken wie Rasmus an viel früherer Stelle, nämlich den ersten gemeinsamen Urlaub in Italien. Dies ist die einzige völlige Deckungsgleichheit der Monologe, die man bei aufmerksamem Lesen entdecken kann. Jedoch sind die Zeitabstände frappierend und so existiert zwar exakt dieselbe Erinnerung, die auch eine exakte Wiederholung in der Sprache bedeutet, so symbiotisch scheint dies gewesen zu sein, aber der Abstand, auch im Roman selbst, ist zu groß, als dass dies Gemeinsamkeit herstellen könnte. Es ist eine Rückschau Chloes, durch die Trennung provoziert, nicht mehr als das. 
Durch diesen radikalen Schritt Chloes folgen verzweifelte Monologe über den Tod, die sich bei Mann und Frau aber wieder in dieser Weise unterscheiden, die man schon über das Essen feststellen konnte: 

Chloe:

„Eine Leidenschaft. Einen Außerirdischen, der alles ändert, der die Angst vor dem Tod unter Hormonen begräbt. Wir wollen ficken, weil wir nicht sterben wollen.“ (S.111)

Rasmus:

„Wie halten wir das aus, wie halten wir das alles aus, ohne wahnsinnig zu werden, diese Demütigung des Todes, warum schreien wir nicht und heulen, weil wir nicht sterben wollen.“ (S. 123)

Die Engführung der Verzweiflung wird von einer bizarren WG-Situation abgelöst, als Chloe Benny in die gemeinsame Wohnung einfliegen lässt. Es folgen sexuelle Exzesse und Tabubrüche, die jedoch, zwar erschreckend ehrlich, aber wie ein Reigen des Grotesken wirken und dadurch beinahe langweilig und wie durchexerziert erscheinen. 

Am Ende des Romans wird man etwas stutzig, wenn sich in die beiden Stimmen der Inneren Monolge, die sich konsequent abgewechselt haben, plötzlich die dritte Stimme, Benny, einmal zu Wort meldet und uns mit einem Nietzsche-Zitat entlässt. Dieses Zitat lässt den Leser ebenfalls alleine und man fragt sich aufgrunddessen, was mit dieser speziellen Zitation erreicht werden soll. Die kurze Betrachtung eines Dritten, der aus Rumänien kommt und so einen kritischen Blick sowohl auf die Beziehung als auch auf die Lebensweise der westlichen Zivilisation wirft, erscheint ebenso dünn wie die Gesellschaftskritik in den Passagen davor. An dieser Stelle soll vielleicht der ganze Roman durch eine letzte kritische Figur, nochmals durchleuchtet werden, dafür erscheint dieser Versuch aber nichts weiter zu sein als eben ein Versuch, eine kurze Wendung, die angezeigt, aber nicht weiter ausgeführt wird.

Der klassische Stoff der Ehekrise, die auch eine Affäre überlebt, oder eben nicht, wird mit Seitenhieben in Richtung Gesellschaftskritik unterfüttert. Das Ehepaar gehört natürlich einer gewissen gesellschaftlichen Schicht an. Die Autorin ironisiert dabei, indem sie den Hauptteil des Romans in der Dritten Welt spielen lässt, die Selbstgefälligkeit der westlichen Intellektuen der Mittelschicht, des Bildungsbürgertums, das sich zwar über Zustände auslässt, sich jedoch niemals richtig zu solidariseren versteht. Auch dieser Aspekt des Romans verharrt im Gewöhnlichen und behauptet durch die Gedanken von Rasmus nur, der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten zu wollem und so erscheint diese Skizze ungemein deprimierend, weil alles uneingelöst bleibt. 

Allerdings bestechen die Monologe durch eine schonungslose Ehrlichkeit sich selbst und der Analyse des Partners gegenüber. Trotzdem wirkt der Zynismus der Figuren verzweifelt, hilflos und nicht souverän.
Dennoch wünscht man sich, dass einmal ein tiefes und ehrliches Gespräch zwischen beiden stattfände, was jedoch, der Konsequenz und dem Credo des Romans folgend, nicht passieren kann und wird. So verharrt alles in der wiederkehrenden Stagnation und führt zum Kollaps, ins Komatöse.

Die Handlung erscheint durchweg erwartbar und das Thema profitiert von einem hohen Wiedererkennungswert. Wer hier allerdings, abgesehen vom gängigen Stoff, besondere ästhetische Brillianz in der Sprache erwartet, sucht innerhalb der inneren Monologe beider Partner umsonst. Hohe Literatur ist dies nicht. 
Anstelle einer Tiefe innerhalb der Figuren und einer Bewegung, die auch Sprache reflektiert, kreisen die Monologe monoton um dieselben Themen und das, was geschieht, hat vor allem mit einem zu tun: mit Sex. Dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier auf etwa 250 Seiten eine oberflächliche und in Klischees verhaftete Kreisbwegung vollzogen wird, die deprimiert und betroffen macht. Es scheint so, als wäre das Leben und auch die Ehe sowie der Mittelstand und die Nächstenliebe hoffnungslos verloren. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, möchte man ein wenig klischeehaft Adorno zitieren. Der Roman entzaubert an Stellen, wo es nichts mehr zu entzaubern gibt und wiederholt sich so in den Reflexionsschichten der Innenwelt seiner Protagonisten. 

So ist konsequenterweise auch die Lesesreise zum Roman der Schrifstellerin eine Inszenierung auf der Bühne. Sibylle Berg, die Chloes Monologe liest und der Schauspieler August Zirner, der Rasmus liest, sitzen nebeneinander, aber isoliert, jeder auf seiner Hälfte eines großzügigen Ehebettes. Hinter ihnen läuft eine Diashow mit aus der Erde sprießenden Sproßachsen, verwelkenden Blumen, vermüllten Stränden und deprimierend steril wirkenden Palmen ab. Auch werden einige Szenen mit Sibylle Berg und Matthias Brandt stumm und in Zeitlupe abgespielt. Der Roman wird an seinen wichtigsten Stellen ausgeleuchtet.
Am Ende schneit es ins Bett, hinter dem Bett: Bilder von im Eis eingebrochenen Tieren, erstarrtes Totes. Hier kann nichts mehr wachsen. 
Der Roman scheint wie geschaffen für das Theatereske, die Inszenierung. Er kann minimalistisch und ausgenüchtert gespielt werden und es scheint klar, dass der Stil hier bewusst gewählt worden ist, da in dieser Realität keine tiefen, dramatischen und romantischen Wunder mehr passieren können sollen; so soll es erscheinen und so wird es dargestellt, vorgeführt, wobei man sich beim Lesen in einem Theaterstück zu bewegen scheint, ein Stück für zwei isolierte Personen.

Sibylle Berg
Der Tag, als meine Frau einen Mann fand
HANSER
2015 · 256 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24845-8

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