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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Die Insel der Insel

Hamburg

Der junge Greifswalder freiraum-verlag legt im ersten Jahr seiner Existenz bereits Bücher vor, die ich wohl für lange Zeit zu meinen liebsten zählen werde. Die zwei Titel seines Herbstprogrammes erweckten schon in der Ankündigung Vorfreude und Lust, und der erste Herbsttitel Ich verstehe nichts vom Monsun liegt nun auf meinem Schreibtisch. Dem Buch tEXt bILd von Angelika Janz, das bald erscheinen wird, blicke ich mit Vorfreude entgegen. Peters' Werk ist in mehrerer Hinsicht ein außergewöhnliches Buch und ich lese es mit einem intellektuellen und einem ästhetischen Entzücken zugleich. Ungefähr in der Mitte findet sich folgende Passage.

Risse im Raum des synchronen Handelns. Diese Insel ist jetzt
gesperrt. Schafe wandern leichtfüßig. Masten überbrücken die
Bucht. Das muss aber ergänzt werden.

Im Untertitel heißt der Text: Eine Erzählung. Nach einiger Zeit der Lektüre fragt man sich: Warum? Denn es kann sich nicht um eine klassische Gattungsbezeichnung handeln. Peters ist ja bislang auch eher als Lyrikerin hervorgetreten. Geboren ist sie 1967 in Rostock, absolvierte ein Lehramtsstudium und hat sich an verschiedenen Naturschutz- und Kunstprojekten beteiligt. Ein intensives Wahrnehmen der Landschaft durchzieht auch diesen Text.

Und man fragt sich: Was ist Prosa? Wo endet die Erzählung, und wo beginnt das Gedicht? Allerdings kommen diese Fragen nicht als rhetorische, wie die besserwisserischen Ermahnungen meines Deutschlehrers, die darauf abzielten, uns bei der Sache zu halten. Sondern sie resultieren daraus, dass sich hier die Grenze auflöst und dass die Ränder verschwimmen. Nicht zuletzt ist eines der Motti des Textes ein Zitat Derridas, des Begründers des Dekonstruktivismus, der in den Texten nach der Spur der Spur sucht, dem Herkommen im doppelten Sinn.

Nähern wir uns der Antwort über den Text selbst, über seine Struktur, die immer auch Inhalt ist, gerade in Texten wie diesen, denen das Literarische selbst zum Gegenstand wird. Denn es geht im Text um Transformation. Einerseits wird Welt in Form gebracht. Nachdem sie in eine gedankliche aufgelöst wurde. Sie verliert an Kontur. Und nur die kunstvolle Fügung kann sie zurückgewinnen. Pathetisch ausgedrückt kann man sagen: Die Rettung vor dem Ertrinken in der Vielfalt erfolgt durch eine strenge Arithmetik. Der Trost und die Erkenntnis liegt in der Anordnung.

Bei alldem handelt es sich bei Peters Werk um eines, das mit Schönheit nicht geizt.

Der Text besteht also, und hier scheint der Schriftsatz mir sehr wichtig, auf knapp hundert Seiten aus dreizeiligen Segmenten. Absätze in Prosa. Die Zeilen sind keine Verse.

Solcherart Schreiben, wenn auch nicht in solch abgezirkelten Segmenten, ist mir bisher nur bei der großen deutsch-amerikanischen Autorin Rosemarie Waldrop begegnet. Als Referenz wäre ihr „Reproduction of Profiles“ zu erwähnen, ohne dass ich es als unmittelbares Vorbild für Peters' Text betrachten wollte. Ich hatte aus Bildern geschlossen, dass die Welt wirklich ist, und hielt deshalb inne, denn wer weiß was passiert, wenn wir bei Treppensteigen die Wahrheit sagen. So beginnt Waldrops Text. Und so lautet Peters erster Absatz:

Die Nacht und der Schnee. Die Postkarte kommt immer noch
an. Dieses Dorf ist getarnt eine beleuchtete Sache. Die Scheibe
der Mondfinsternis schiebt sich vor. In den Ereignisraum.

Leute: Lasst euch das nicht entgehen!

Silke Peters
Ich verstehe nichts vom Monsun
freiraum
2012 · 110 Seiten · 11,95 Euro
ISBN:
978-3-943672060

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