Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Gertrud Kolmar Preisverleihung
x
Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Mythenschwer und himmelleicht

Die zweistimmigen Gedichte Silke Scheuermanns
Hamburg

Es gilt natürlich an den Tatsachen festzuhalten. Und eine dieser Tatsache ist, dass der Sammelband, den der Schöffling Verlag nun mit den gesammelten Gedichten Silke Scheuermanns seit ihrem erfolgreichen Debüt 2001, über den Folgeband „Der zärtlichste Punkt im All“ (2004), bis zu bislang unveröffentlichten Gedichten, in einem Band versammelt hat, den selben Titel trägt, wie das Debüt.

Was jedoch stimmig ist, weil Vögel ebenso wie unterschiedliche Stimmen durch Scheuermanns gesamte Entwicklung hindurch eine Rolle spielen. Angefangen bei den Möwen bis hin zum Sonettkranz „Vogelflüge“.

Vielleicht kommt Scheuermann deshalb immer wieder auf die Vögel zurück, weil sie „federgewichtig“ sind, mythenschwer und himmelleicht zugleich.

Die frühen Gedichte bewegen sich zwischen Mensch und Tier, es geht um aussterbende Arten und die Beziehung der Menschen untereinander,

        „ daß zwei Personen die sich lieben
        sich addieren oder subtrahieren können
        Plus machen können oder wie in
        diesem Fall ganz unverschuldet Minus“

und zur Welt.

Scheuermanns Gedichte sind eher Erzählungen als Betrachtungen. Erzählt wird von der  Vergeblichkeit, von „an der Zunge verbrannte Erzählern“ [Requiem für einen gerade erst eroberten Planeten mit intensiver Strahlung], um Wunden, die sich in „Säbelform“ schliessen. Die Zeitgeschichte wird gestreift, wenn es im Gedicht „Erkennen Sie die Melodie von Macht“ heißt:

         „Bloß ein Rest Republik ragt sperrig vom Flohmarkt
         wo wir uns zweimal verkaufen und dann nicht mehr.“

Vom Bummeln durch die Schlachtfelder der Erinnerung ist die Rede, und von alten Fotos, auf denen keine Seele erkennbar wird, die aber einen Raum „statischer Ruhe“ ausstrahlen, „nicht zu verwackeln Bis heute“

Außerhalb der Fotos jedoch, ändert sich die Zeit und glaubt man Silke Scheuermanns Gedichten, nicht zum Besseren:

         „Es ist nicht mehr schön auf die Straße zu gehen im Dunkeln“

und so zieht man sich zurück vom Leben

         „[...] wie eine Schildkröte
         die du mit dem Grashalm ärgerst
         in ihren Panzer
         wenn du dich langsam
         in Falten legst mißtrauische äugst“

Wenn man ins Unsichtbare vorstößt, werden kleine Dinge zu groß, um sie im Ganzen betrachten zu können (Vorstoß ins Unsichtbare).

Gegenwart und Gewißheit jedenfalls, dessen sind sich die Gedichte von Silke Scheuermann sicher, sind flüchtig wie ein Flügelschlag der immer präsenten Vögel. Und so endet der erste Band:

        „Beerdigt werden die Erzähler
        Denn alle Märchen wollen auferstehen“.

Auf der Suche nach dem zärtlichsten Punkt im All, umkreisen die Gedichte des zweiten Bandes von 2004, die Frage nach der Perspektive, nach den unterschiedlichen Auswirkungen der Vergangenheit:

        „Wir trinken stumm gelbe Limo
        und dann diese steinerne
        Schale gefüllt mir absonderlich
        flüssiger Gegenwart aus“

Die Menschen, die die Gedichte bewohnen, haben ein „Leben auf eine bestimmte Anzahl Jahre verteilt“, und sind sich dieser Tatsache durchaus bewusst. Die Auseinandersetzung mit den alten Meistern (Caravaggio, Bosch, Tizian), täuscht kaum darüber hinweg. Im Gegenteil macht sie diese Erkenntnis eher noch deutlicher:

        „Nur die Besucher sind noch schlechter dran
        nachdem sie so lange Schlange gestanden
        haben tragen sie bloß eine Erkenntnis fort
        daß sie das Museum verlassen ohne Spuren
        genau so wie sie auch die Welt verlassen werden“

Die Vergangenheit hat scheinbar größeres Gewicht bekommen, all die eingeschriebenen, durch nichts zu löschenden Erinnerungen:

        „Wie verschiebbar
        die Zeit ist in ihren grünen Stühlen
        Jeder sitzt in seinem eigenen Abend
        geht gedanklich den Weg zwischen
        Zeichen und Hypothese“

Schließlich wird es immer heißer und heller in den Gedichten, vom Licht führen sie direkt in die Hölle, wie bei dem Gedicht „Erinnerungen an die Eiszeit brennen sich mit hundert Watt ins Gedächtnis“:

        „Es ist alles perfekt, wenn ich zum Fenster hinaussehe:
        Die gerade im Geschehen begriffene Zeit, wie sie unter
        Sonneneinstrahlung verdunstet, die Blumen, die sagen,
        sie hätten lieber den Regen als den Schnee, die noch
        klügeren Blüten im Apfelbaum, sie kommen wortlos ans
        Licht. Selbst jemand, der jahrelang einen endlosen
        Engelsschal strickte wie Großmutter, ist nicht gestorben“

Selbst der folgende Sonettkranz „Vogelflüge“ (2008) setzt das zweistimmige der bisherigen Gedichte fort. Denn die Vögel, die dort zahlreich und sämtlich benannt auftauchen, werden nicht in der Natur beobachtet, sondern in den Städten. Dabei wird aber nicht ihre Bedrohung durch den Menschen beschrieben, vielmehr sind die Vögel selbst es, die, wie in Hitchcocks Film, eine Bedrohung für den Menschen darstellen

        „Die Stadt wird besetzt“

Und wenn die Zeile lautet:

       „Die  sagst du  kennen keine Lieder
keinen Kontinent, sie wissen nicht, wo eine Grenze liegt, “

wird die doppelte Bedeutung von Grenzenlosigkeit spürbar, wer keine Grenzen kennt ist frei, aber jemand, der keine Grenzen kennt, ist gleichzeitig eine Bedrohung.

Im Vogelsonett wird aus der Zweistimmigkeit ein neuer Ton. Nicht nur, weil hier eine strenge Form aufgegriffen wird, sondern weil das Symbol für Freiheit und Leichtigkeit, für den freien Flug über die Grenzen der Schwerkraft hinaus, hier zu etwas schwerem und Bedrohlichem wir, zu etwas, das dem Menschen seine eigene Beschränktheit bewusst macht.

        „Die Vögel sind da, sie sind in Freiheit,
        und wir tragen das Gefängniskleid.

        Hier  unser zugeknöpfter Rücken, unser Zimmer. Da -
                  die Wand.“

Wenn eine „Werkausgabe“ vorliegt, jedenfalls gesammelte Gedichte über einen längeren Zeitraum, liegt es nahe, sich die Frage zu stellen, ob eine Entwicklung stattgefunden hat, oder ob Brüche zu beobachten sind, neue Themen vielleicht, andere Symbole, eine Veränderung des Stils.

Es fällt auf, dass die Symbiose von Mythen und Technologie über die Jahre hinweg, in Silke Scheuermanns Gedichten eine Rolle spielt. Vom „Weltraumspaziergang an der goldenen Nabelschnur von Hieronymus Bosch“ im ersten Band bis „Reisen im Cyberspace oder Wenn eine der fünf Theorien unser Universum beschreibt Wer lebt dann in den vier anderen“, wird das Thema weiterentwickelt. Auch Liebe, Beziehungen, sowie Überlegungen zum vorgeburtlichen Stadium, dem Trauma der Geburt, dem, was vor dem Erzählen und Erinnern ist, eingeschrieben in die Körper, überliefert und erzählbar durch Märchen und Mythen, sind Gegenstände, die Scheuermann immer wieder beschäftigen.

Ob es um Märchen und Mythen geht, oder um Städte und Feen, immer sind es zwei Stimmen, die den Gedichten ihre Spannung verleihen. Das Wünschen und die Wirklichkeit, die Mythenschwere und die Leichtigkeit der Vögel. Die Erzähler müssen beerdigt werden, damit die Märchen auferstehen können.

Silke Scheuermann
Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen
Der zärtlichste Punkte im All
Schöffling & Co
2013 · 216 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-89561-375-3

Fixpoetry 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge