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Kritik

Die Hunde der Reichen und Schönen

Hamburg

Es ist die Straße der Schönen und Reichen: Die Fernsehmoderatorin wohnt dort mit dem angesagten und damit teuren Tierarzt, der Biologieprofessor und die Kunsthistorikerin. Die reiche Anwaltswitwe mit dem Hang zur Esoterik lebt selbst auf Mallorca und lässt ihr Haus vermieten und staunt nur, dass, außer einem schwulen Paar, die Mieter es nicht länger als ein paar Monate in ihrem Haus aushalten: man müsste es mal „auspendeln“, meint sie.

Und dann gibt es die Randfiguren, die durch den Kuhlmühlgraben joggen, um mal einen Blick übern Zaun zu werfen, die Putzfrau, das Heimkind, das im Alter von 14 Jahren adoptiert, aber nie dazugehören wird, und die Witwe, die den plötzlichen Tod ihres Mannes nicht verkraftet und sich dem Alkohol hingibt. Und die Hunde, die den Tagesrhythmus bestimmen und den auf die 40 zugehenden Paaren als „Versuchslebewesen“ herhalten müssen.

Silke Scheuermann hat neun einzelne Geschichten geschrieben, die locker miteinander verbunden sind. Als Rahmen dienen Luisa und Christopher, ihnen und der Nichte Anna sind vier Geschichten gewidmet. Luisa, die ihrer Mutter gegenüber behauptet, sie hätte mit ihren 37 Jahren „noch viel Zeit“ selbst Kinder zu bekommen, bereitet sich auf den Ferienbesuch der Nichte richtig vor. Doch die Achtjährige verhält sich nicht so, wie es die Tante erwartet. Sie hilft devot im Haushalt, sie kann sich anscheinend nicht allein beschäftigen. Christopher findet heraus, was mit Anne los ist. Sie spielt ein Spiel. Und das geht so: Sie ist die von den leiblichen Eltern Verstoßene, die nun als Dienstmagd bei der Tante lebt. Christopher spielt zur Freude von Anna mit, während sich Luisa verunsichert und beleidigt zurückzieht: Sie soll eine Figur in der Gedankenwelt einer Achtjährigen sein!? Dieser originellen Idee hätte man noch mehr Raum gewünscht. Auch weiterhin können sich Onkel und Nichte ohne Luisa beschäftigen und fahren täglich baden. Dass sie keiner vermisst, findet Luisa besonders empörend und sie würde am liebsten ausziehen, damit Christopher mal merkt, wie es ohne sie ist. Gegen Ende des Buches, und damit nach zehn Jahren, ist die Ehe scheinbar am Ende, Christopher hat ohne Luisas Wissen deren Kleidung bei Ebay versteigert. Luisa ebenso die stylischen Einrichtungsgegenstände des Hauses.

Silke Scheuermann zappt. Die Geschichten der anderen stehen angezappt, also halb oder weniger ausgeführt nebeneinander. Wir schauen kurz angewidert zu, wie das schwule Paar alle Hausbewohner vergrault, wie einer der beiden sich in einen Tadzio-haften Studenten verliebt. Zapp. Wir gehen mit einer trauernden Witwe zum Psychiater, wo sie sich ein paar Stimmungsaufheller verschreiben lässt. Zapp. Das nächsten Kapitel ist in der Ich-Perspektive geschrieben – eine Alkoholikerin, ach, das ist doch die Witwe von eben, wir wissen nicht, wie viel Zeit vergangen ist, jedenfalls ist sie das Haus im Kuhlmühlgraben los. Um ein bisschen Geld zu verdienen, hütet sie Luisas Hund, und wir werden durch das Innere der Alkoholikerin geführt, die nichts mehr im Griff hat und kotzen mit ihr auf Luisas Bett.

Die titelgebende Geschichte „Die Häuser der anderen“ darf sich ein bisschen mehr entfalten. Natürlich gibt es eine Verbindung zu dem Oskar prämierten Film „Das Leben der anderen“. Diese Verbindung ist genauso so ein Hauch, wie die Verknüpfungen der Geschichten untereinander. Putzfrau Gaby, die außerhalb der Reichen-Straße wohnt, verwirklicht sich ihren Traum, hier zu leben: Sie will zu den anderen gehören. Eigentlich wollte sie ihre 16jährige Tochter mit dem Adoptivsohn der Fernsehmoderatorin verkuppeln, sie sollte schwanger werden und dort einheiraten. Stattdessen rutscht die Tochter Britney gemeinsam mit dem Drogen dealenden Adoptivkind die soziale Leiter hinunter. Doch Gaby arbeitet sich im Haushalt der Moderatorin von der Putzfrau bis zur Vertrauten herauf, und wird, obwohl sie Analphabetin ist, Mitautorin eines Kochbuches. Gabi ist auch ohne Tochter im Kuhlmühlgraben angekommen. Und Gabys Lieblingsfilm heißt: „Das Leben der anderen“.

Die 1973 geborene Schriftstellerin Silke Scheuermann begann als Lyrikerin, wurde mit dem Leonce und Lena-Preis  ausgezeichnet. „Die Häuser der anderen“ ist ihr dritter Roman. In ihrem ersten „Die Stunde zwischen Hund und Wolf“ beleuchtet sie ein Dreierverhältnis – zwischen zwei Schwestern und dem Mann der einen Schwester. Dort wie in „Die Häuser der anderen“ hält sie sich ihre Figuren auf Distanz. Ironisch, teilweise psychologisch sehr genau, schildert sie das Leben und das Unglücklich-Sein der Reichen und Schönen, dazu passt auch die Form des „Zappens“. Jenseits des Kuhlmühlgrabens gibt es nichts. Nur den Wunsch, auch im Kuhlmühlgraben zu sein, also dazu zu gehören.

Zur Form des Zappens hätte es gut gepasst, sich auch in den mit seiner neuen Situation völlig überforderten Adoptivsohn Mark hinein zu versetzen. In seine „traumatisierte reine Seele“, wie seine Adoptivmutter im Fernsehen verkündete, als sie in heroischer Selbstüberschätzung den 14jährigen vom Heim in ihr Heim holte, um ihm all das zu bieten, was das Leben ihm sonst, ihrer Meinung nach, nicht geboten hätte. In einem Nebensatz lässt die Autorin den jungen Erwachsenen seinen Adoptivvater mit einem Baseballschläger töten. Hier hätte man sich den gnadenlosen Scheuermannschen Blick in den Jungen gewünscht, der durch das neue soziale Umfeld jeden Halt  verliert. Ob er nicht vielleicht doch vorher einen gehabt hat, erfahren wir nicht.

Das einzige Stück – ja – Empathie, gönnt Silke Scheuermann Anne, die in der letzten Geschichte „Nachts in der Stadt aller Städte“, also in New York, von der Krebserkrankung der Tante Luisa erfährt. Anne weint. Das Verhältnis hat sich im Laufe der Jahre gewandelt, die Kunstgeschichte brachte sie einander näher.

Folgerichtig beschreibt Silke Scheuermann am einfühlsamsten das Leben der Hunde im Kuhlmühlgraben, sie sind „süß“, „empfindsam“, „treu“, „liebenswert“, „überlegen“. Getreu dem Wort: „Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere“.

Silke Scheuermann
Die Häuser der anderen
Schöffling & Co
2012 · 264 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-895613746

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