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Kritik

Unter Freunden

Silke Scheuermann schreibt eine Parabel über den Wert der Freundschaft und den Möglichkeiten, die uns allen offen stehen. „Wovon wir lebten“ ist ein Märchen. Man darf es mögen.
Hamburg

Keine Frage, dieses Buch ist ein Märchen, es ist vielleicht sogar trivial. Es hat ein Happyend und einen Todesfall, es hat Adelige, die keine sind, und Junkies, die zu Starköchen aufsteigen oder zu Schriftstellern. „Wovon wir lebten“ ist eine Überlebensgeschichte, eine Aufbaugeschichte, die eine Lehre vor sich her trägt, gegen die man nichts sagen kann. Außer vielleicht, dass sie an die Falschen gerät? Denn wer in den sozialen Brennpunkten unserer Städte liest schon solche Bücher? Enden solche Bücher nicht immer genau da, wo sie nicht hingehören? Bei denen, die sie nicht brauchen, und richten da an, was sie woanders viel besser besorgen würden?

Das Leid der Literatur ist, dass sie Leser braucht, und dieses Buch hat viele Leser verdient, die seine Lehren beherzigen: die von der Freundschaft, die als einziges bleibt (im derzeitig grassierenden Familiennostalgismus ein fast schon flammendes Statement für die frei gewählten Beziehungen), von der Kraft des Einzelnen, der sich auf sich selbst besinnt und die Chancen bekommt, die er ergreifen kann.

Das ist ein Märchen, das nicht auf die Veränderung von Verhältnissen setzt, die uns aus Realität und Medien allzu bekannt sind; eine desorientierte Jugend, Eltern, die zwischen Suff und Gewalt pendeln, ein Umfeld, in dem ein Zehnjähriger zum Drogenkurier wird. Die Drogen überhaupt sind überall. Jeder nimmt und kriegt das, was er braucht oder will. Ganz egal, wie teuer oder wie abgefahren, es wird geraucht, gezogen, geschluckt, gespritzt oder inhaliert. Schön die Szene, in der der Protagonist mit seiner Damaligen am Fenster steht und sie auf die Normalos da draußen hinuntersehen, die nichts je von dem erleben werden, was sie miteinander Tag für Tag erleben, so mit Drogen und Sex.

Wer hat was gegen Normalos?

Aber Silke Scheuermann will mit diesem Roman ja eben nicht die Drogensucht feiern, sondern gerade das, was den Helden dieser Geschichte, Marten, aus ihr befreit. Er hat nämlich das Talent zu kochen, und als es endlich – nicht einmal von ihm – entdeckt wird, rückt es automatisch ins Zentrum seines Lebens. Und es ist nicht ausgemacht, ob es sich je darauf verdrängen ließe, nicht einmal von seiner Jugendliebe Stella, auf die er Jahre nach ihrer ersten Begegnung wieder stößt.

Scheuermann begleitet ihren einfachen Helden von seinen größten Niederungen bis hin zu jenem Punkt der konstruierten Glückseligkeit, mit dem der Roman endet: die Freunde Martens schauen sich bei einem gemeinsamen Essen die letzte Folge seiner Kochserie an, die Marten fürs Fernsehen gedreht hat. Und es sind alle dabei, die noch dazugehören. Sogar den Vater, den er sein Leben lang dafür gehasst hat, wie er die Mutter behandelte, hat er eingeladen. Dies ist der Moment, in dem verziehen wird, weil die Einsicht da ist, dass die hier alle zusammen gehören, aus welchem Grund auch immer. Sie sind Freunde, Partner, Liebespaar, besondere Gäste des Restaurants, in dem Marten kocht, die Ex des mittlerweile verstorbenen Dealers, der Marten seinerzeit als Kurier eingesetzt hat. Die Konstruktionen sind verwegen, aus der Erzählung heraus aber sehr plausibel. Und das Schlussensemble ist – weil konstruiert – in sich geschlossen, nicht anders als die Schlussepisode der Kochsendung, die inszeniert, dass Freunde zusammen kochen, essen und plaudern. Das ist ein utopisches Bild, das sich nur schwer zeichnen lässt und das doch schon eine lange Tradition hat, Degenhardt hat eine Platte danach benannt und einen Chanson dazu geschrieben. Und was wäre die Toskanafraktion ohne die Idee der Zusammenkunft unter Freunden und man isst zusammen?

Es sind nie experimentelle Texte, die in solchen Apotheosen der Freundschaft enden, sondern durcherzählte und sich ihrer nostalgischen Elemente nicht schämende Erzählwerke, die ihre Stärke zum einen aus einer unprätentiösen Sprache, zum anderen daraus ziehen, dass die Helden der Erzählung gebrochen sind.

Wobei eine Drogen- und Knastkarriere unter heutigen Bedingungen nicht notwendig als gebrochen angesehen werden kann. Marten startet als Drogenkurier für Rainer und rettet ihn vor dem Knast, als er bei einer Razzia eine große Tüte Koks an der Polizei vorbeischmuggelt. Marten freundet sich in dieser Zeit (er ist 11) mit Micha an, dessen Vater eine Schreinerei betreibt, was ihm die Gelegenheit gibt, Stella, die Enkelin einer reichen Kundin Rudis kennenzulernen. Das verwöhne Gör reicher Eltern - und trotzdem verknallt sich Marten in sie. Mit zwei, drei Stationen landet Scheuermann mit Marten im Erwachsenenalter: Marten ist Facharbeiter geworden, und dröhnt sich nur am Wochenende den Kopf zu, weil das Leben zu kurz zum Schlafen ist.

Das geht eine Weile gut, bis die Mutter stirbt, er seinen Vorarbeiter niederschlägt, weil der ihn piesackt, und den Lover seiner Freundin, weil er so wenig Zeit für sie hatte. Das und das Blutbild, das man von ihm macht, bringt ihm vier Tage Knast und eine Reha ein, bei der er dann Peter kennenlernt, mit dem er später sein Restaurant aufmacht, das „Happy Rabbit“ (was man mögen muss). Peter erkennt Martens Talent und lässt ihn im Schnelldurchlauf zum Kochprofi mutieren (was ein weiteres Märchenmotiv ist, wie jeder weiß, der schon mal ein solches Handwerk zu erlernen hatte, Hobbyköche versuchen sich haufenweise daran). Aber darauf kommt es nicht an, sondern nur darauf, dass es gelingt. Und es gelingt.

Der dramatische Höhepunkt, in dem das Restaurant dann auseinander genommen wird – aber niemand der Betreiber ist dabei – folgt schließlich auch. Mit fatalen Folgen für Rainer, der sich aber zuvor als rettender Engel mit Konversionsgeschichte entpuppt hat, was dem Helden die Feststellung entlockt, dass das alles nicht gerecht ist. Ist es aber doch, zumindest in der Erzählung. Denn Rainers Opfer ist das Siegel darauf, dass Martens Aufstieg zu dem, was er ist, gelingt und unumkehrbar ist.

Bleibt nur die Frage, ob dieses Märchen auch für die zündet, die nicht das Zeug zum Starkoch in sich haben, sondern bestenfalls zum Sachbearbeiter oder Gabelstaplerfahrer? Würde denen das auch reichen, ihr Talent dazu eines Tages zu entdecken, um sich aus der Drogenkarriere zu befreien? Und wenn sie dann da angekommen sind, wohin sie gehören, was dann? Erwartet sie dann auch ein Tisch mit Freunden? Oder die Flimmerkiste? Und reicht ihnen das?

Silke Scheuermann
Wovon wir lebten
Schöffling & Co
2016 · 528 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-89561-378-4

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