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Kritik

Sarah-Hermeneutik

Silvia Bovenschens berührendes Zeugnis einer Liebe im Modus des Staunens
Hamburg

„Changierend zwischen innerer Gewissheit und unfassbarer Flüchtigkeit“ – so charakterisiert Silvia Bovenschen die Porträts ihrer Lebensgefährtin Sarah Schumann. Und treffender ließe sich auch das Buch, das diesen Satz enthält, kaum beschreiben. „Sarahs Gesetz“ ist kein Roman und keine Lebensbeichte, sondern das Zeugnis einer ganz besonderen Liebe zwischen zwei ganz besonderen Persönlichkeiten. Naturgemäß ist darin viel von Sarah Schumann, der Malerin, und Silvia Bovenschen, der Autorin, die Rede – doch selbst wenn man sich für keine der beiden speziell interessiert, lässt sich eine Menge daraus mitnehmen: In ihren Prosaminiaturen gelingt es Bovenschen auf unnachahmliche Weise, eine Beziehung jenseits der bürgerlichen Ehe und jenseits aller romantischen Klischees lebendig werden zu lassen, ohne ihr auch nur einen Moment lang ihre Magie zu nehmen.

Sarah Schumanns Bilder, so Bovenschen, fangen das Staunen ein, jenen Augenblick „vor aller Einverleibung und Abstoßung“ – und genau in diesem Spannungsfeld zwischen einer Vertrautheit, die stetig wächst, und einer Fremdheit, die fremd bleiben darf, bewegen sich auch die beiden Protagonistinnen miteinander und umeinander.

Vierzig Jahre dauert Bovenschens „Sarah-Hermeneutik“ nun schon an. 1975 sitzen sie zum ersten Mal gemeinsam an Sarahs farbspritzerübersätem Arbeitstisch in ihrer West-Berliner Wohnung und löffeln Möhrensuppe. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie sie einander skeptisch, aber auch fasziniert beäugen: Die gut situierte Bürgerstochter mit Promotionsstipendium und die 12 Jahre ältere Künstlerin, die sich seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr alleine durchgeschlagen hat. „Wir sind uns fremd“, gibt die Autorin unumwunden zu. Zunächst ist sie irritiert, manchmal auch verletzt von Sarahs Wortkargheit. Sarah ihrerseits kann es nicht lassen, die „überkandidelte Intellektuelle“, die ihr da „zugelaufen“ sei, hin und wieder ein wenig auf die Schippe zu nehmen. Und doch – oder gerade kraft des Zulassens der Differenzen zum Eigenen – entwickelt sich zwischen den beiden über die Jahre ein starkes Band. Ganz ohne Versprechungen, Schwüre oder Beteuerungen. Was da wächst, ist eine Freundschaft, eine Liebe – mehr als das eine, mehr als das andere, oder vielleicht etwas dazwischen. An Festschreibungen ist Bovenschen nicht gelegen. Wohl aber daran, Sarahs „eherne Verlässlichkeit“ festzuhalten. Trotz aller Ungreifbarkeit. Besonders in Bovenschens langwierigen, hartnäckig wiederkehrenden Krankheitsphasen (mit 25 wurde bei ihr Multiple Sklerose diagnostiziert), kommt diese Verlässlichkeit zum Tragen: „Sarah ist während der letzten vierzig Jahre, wenn es ernst wurde, nie von meiner Seite gewichen, in jede Intensivstation vorgedrungen, hat ein Vierteljahr eine offen klaffende Wunde an meinem Hals sorgsam und keimabwehrend verbunden.“ Und nicht zuletzt aufgrund ihrer Krankheit geschieht es, dass Bovenschen, nach Jahrzehnten der Fernbeziehung, ihr Leben in Frankfurt aufgibt und zu ihrer Lebensgefährtin nach Berlin zieht.

Obwohl beide Frauen getrennte Bereiche bewohnen – eine pragmatische Art, einander Raum zu gewähren – gilt nun, wie schon im Titel leicht ironisch anklingt, Sarahs Gesetz. Im Alltag heißt dies beispielsweise: keine Untertassen, kein Silberbesteck. Ebenfalls aus ganz pragmatischen Gründen. Doch ganz so unnachgiebig ist die „anarchistische Preußin“ oder „preußische Anarchistin“ dann doch nicht; mit der Zeit weicht auch ihr strenges Regelwerk ein wenig auf.

Bovenschen weiß, wie schwer, ja nahezu unmöglich es ist, ein Buch über jemandem zu schreiben, der einem so nah ist. Und genau dieses Mitreflektieren der Unmöglichkeit des eigenen Tuns macht „Sarahs Gesetz“ so lesenswert. Wo sich allzu große Intimität oder plumpe Gewissheiten aufdrängen, geht die Autorin auf Abstand oder relativiert das Gesagte. Wo andererseits dem Text eine allzu große Souveränität anhaftet, begegnet sie dieser mit leiser Selbstironie.

Wie aber überhaupt sich einer Person nähern, die Bovenschen als eine „Schweigende“ kennengelernt hat? Im Lauf der Zeit entwickelt Bovenschen eine Art siebten Sinn dafür, welche Fragen zu welchem Zeitpunkt angebracht sind, welche Fährten weiterführen und welche Sarah vielmehr zum Verstummen bringen würden. So enthält „Sarahs Gesetz“ auch Passagen, die sich lesen wie Interviewauszüge, in beinahe druckreif ausformulierter Sprache. Man merkt Sarahs Antworten an, dass sie direkten Konfrontationen entstammen, und im Umkehrschluss, dass sie im Alltag höchstens in kurzen Erinnerungssplittern über ihre Vergangenheit spricht.

Ein Thema, das Bovenschen immer wieder aufgreift, und über das auch Sarah hin und wieder bereitwillig spricht: Ihre mehrmonatige Flucht vor der russischen Armee im Jahr 1945, als sie elf Jahre alt war. Auch die kühle, unberechenbare Mutter, unter deren Obhut kaum ein Grundvertrauen wachsen konnte, kommt oft zur Sprache. Bruchstückhaft hingegen verbleiben Sarahs frühe Heirat mit einem bekannten Hamburger Galeristen, ihr Ausbruch nach London und ihr Aufenthalt in Piemont, bevor sie sich 1968 in Berlin niederlässt. All diese Erfahrungen zieht Bovenschen jedoch nicht heran, um bestimmte Verhaltensweisen oder Charakterzüge ihrer Lebensgefährtin zu erklären – in welcher Weise die geschilderten Erlebnisse Sarah Schumann geprägt haben könnten, das zu erspüren bleibt den LeserInnen überlassen.

Wenn es nahezu unmöglich ist, über einen eng vertrauten Menschen zu schreiben, so gilt dies in ähnlicher Weise für das Schreiben über sich selbst. Dieser Herausforderung hat sich Bovenschen bereits in ihrem Bestseller „Älter werden“ (2006) gestellt. Darin schreibt sie zum ersten Mal über ihre Krankheit und setzt sich zugleich damit auseinander, wie man „Ich“ sagen kann, ohne sich in eine peinliche Entblößung hineinzubegeben. Diese Schulung ist „Sarahs Gesetz“ anzumerken – nur wenige können von sich selbst so nonchalant als „Snob der zweiten Reihe“ sprechen, ohne anmaßend oder allzu kokett zu klingen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Weder einander noch uns selbst können wir je vollständig kennen. Und das sollten wir auch gar nicht anstreben. Diese schlichte Weisheit hat die Adorno-Schülerin beim Schreiben geleitet, und es ist ein Glück für das daraus entstandene Buch. „Ich will nicht eine Wahrheit der Sarah Schumann ausstellen“, heißt es da, „ich will einzig meine liebe Freundin als Erlebnis meines Lebens erstehen lassen.“ Es ist ihr meisterhaft gelungen.

Silvia Bovenschen
Sarahs Gesetz
S. Fischer
2015 · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-10-002472-5

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