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Kritik

Schlafmittelrausch und Mon Chéri

Sina Kleins Debütband "narkotische kirschen"
Hamburg

Die Etymtheorie von Arno Schmidt geht davon aus, dass es beim Menschen (mindestens) zwei Sprachebenen gibt: eine bewusste, konventionsgemäße, usuell geregelte Alltagssprache und eine unbewußte, ursprüngliche Grundsprache, die in ihrer Gestalt unerreichbar ist, sich jedoch in den archetypischen Lautverbindungen und Bildsymbolen von Fehlleistungen, den Etymen, offenbart. Ein solches Durchbrechen der Grundsprache ist dann

eine wandlnde Blume. Ein dem (Wort=) Zweig entblühter Vogel. Ein mit feurijn Funkn leuchtnder (Buchstabm =) SpringBorn

(Zettels Traum, S. 1027)

Die bei mir am besten funktionierenden Texten von Sina Kleins im Wiener Klever Verlag erschienenen Debütband "narkotische kirschen" konnten mir zeigen, dass ein Erscheinen dieser Grundsprache nicht nur durch psychoanalytisch geschulte, assoziationsgesetzliche Manipulation am Sprachmaterial möglich ist, sondern auch durch von Referenz emanzipiertes (hier aber nicht entkoppeltes) Rauschenlassen von Bedeutungen, Rhythmen und Klängen. Auf Seite 52, in einem Gedicht des zentralen und titelgebenden dritten Kapitels (die zwei vorhergehenden tragen die Titel "gehäuse" und "nachtschaden", die beiden folgenden "schier" und "labor"), in dem der Verweis auf eine kohärente Welt verbleicht, legt sich zwischen Verstehen und Sprache eine vorgewusste oder geahnte Trägerstruktur:

oh(ne) du fröhliche

röchele dohle, die lieder der dörfer,
ich horche die leere, ich rufe dich her.
erdulde die uhren im echo der öde,
die rehe, die flohen: ich rieche ihr fell -
die lodernden hufe, die lerche verlor ich
erfriere / hier fehlen die höfe.

Hellmuth Opitz hat in seiner Rezension für die Zeitschrift "Das Gedicht" zu Recht auf den magisch-beschwörenden Charakter solcher Texte hingewiesen. Der Aufbau eines Raums, einer Situation ist beim Leser möglich, das Gedicht weist mich aber durch seine eng verwobene Lautstruktur darauf hin, dass etwas anderes im Vordergrund steht. Die Bedeutsamkeit der Begriffe gerät in den Hintergrund, aber verschwindet nicht. Ein Thema-Rhema-Kippbild von Sprache und Welt entsteht, das mich in einen Zustand wie im Drogenrausch versetzt: die Beziehung zu den Umfelddingen ist nicht gekappt, erfolgt aber in einem beweglichen Spiel der Wahrnehmungs- und Denkformen, das die Möglichkeiten von Erfahrung überhaupt erst ins Zentrum rückt. In diese Spiel erscheinen Gegenstände nicht wie sonst als Fokus, sondern nur als Zuspiel der fokussierten Formen sinnlichen Begreifes. Die Worte wirken wie Zutaten in einem alchemistischen Labor, die zu Zaubersprüchen zusammengefügt werden und mit denen die verborgenen Potentiale der Dinge und Elemente zum Vorschein geholt werden könnten.

Die im dritten Kapitel in die Gedichte gestreute, an symbolistischen Ansätzen sich orientierende Poetik geht hier bei mir durchaus auf. Auf Seite 52:

erkenne: erst tritt schockstarre ein,/ nickerchen ohne hirn. nachher/ hocken nachtschatten in nischen,/ hinter reiner stirn, in narkotischen kirschen“, heißt es etwa im dem Band und Kapitel seinen Titel gebenden Gedicht narkotische kirschen

Im ersten Text dieses Kapitels, "dies geheimnis" (S. 42):

es tuschelt was hinter der sprache, aus wespen –/ das einzelne wort ist ein uraltes nest

An seinem Ende:

bist du schon längst verschleppt in einen traum,/ der giftig gelbe streifen hat. verschoben/ in den mehrsinn eines worts:/ die schichten eines querschnitts von begriff.

Diese beiden Texte allerdings skizzieren das poetisch Gesuchte eher, als dass sie sich auf die Suche begeben. Durchgeführt wird dieser Zugriff dagegen in Gedichten wie dem eingangs zitierten, oder in dem spannenden "sommertomaten" (S. 44), das fast wie ein Zeilenanagramm wirkt:

sommertomaten

rate, mama: amor tost,
nasse straßen entern monate.
Marter, marotten, ratten, am ort -
erahnst es: atme messer / statt rosen:
erster sommerrost.

Dass Sina Klein auch als romanistische Linguistin arbeitet, zeigt sich über den gesamten Band hinweg nicht nur an der genauen und großen Spaß machenden Lautarbeit, sondern auch immer wieder an Verweisen auf französischsprachige Dichtung und ihre poetologischen Ansätze. Im obigen Gedicht etwa bemerken wir eine Bezug auf Oulipo, der Ophelia-Zyklus zum Abschluss des Bandes verweist auf Arthur Rimbauds "Ophélie". Ich vermute, dass auch die Generation um Yves Bonnefoy einige Spuren in dieser Lyrik hinterlassen hat, kann dem aber leider aus mangelnder Kenntnis nicht nachgehen oder es an den Texten nachweisen.

In manchen Gedichten gelingt Klein eine Verschränkung von Deutsch und Französisch, ein Lauttransfer, in dem sich die Klänge gegenseitig motivieren und einen Übertritt sprachlicher und nationaler Grenzen zu inszenieren in der Lage sind wie etwa in "lyon → accident → pays d'oc" (S. 67):

auf die A 7, autoroute du soleil.// du über mir, entstiegen der grünen/ guillotine, modell citroën -// und radioantenne quengelt.

So sehr ich die oben besprochenen Texte des zentralen Kapitels bewundere und mag, so deutlich kippt meine Einschätzung leider in den restlichen Kapiteln. Es wird mir im ersten, vogelzentrierten Kapitel "gehäuse" zu deutschromantisch, obwohl auch hier die Traditionskenntnis sicher zu sein scheint. Es wird "wund" auf "mund" (S. 7) oder "gefecht" auf "specht" (S. 11) gereimt, die Notwendigkeit von Inversionen entsteht, welche sich manchmal ungelenk lesen, so dass das Inhaltliche in die Formstrenge eingezwängt wirkt. Symbole wie Mond, Brust, Kehle, Abend, Herz und einmal mehr das Bienen-Honig-Motiv werden herbeigeholt, ohne dass ich einen Bruch oder eine produktive Verarbeitung erkennen könnte. Freilich wird das in Versen versucht wie

dass er eingesperrt ist, blutfink meiner/ rippen: I keep you within/ in minne

Es gelingt auch, an diesen Stellen im Gedicht Distanz zu repräsentieren, jedoch bleibt die Art und Weise der Bilderproduktion unangetastet. Stattdessen:

im nest der brust, wo etwas haust,/ ein rest von dir, ein kleines weiches tier

... ein Bild, das mir inhaltlich zu sentimentalistisch ist und im genetivmetaphorischen Verfahren zu simpel funktioniert, zu einfach gefunden und gebildet ist. Auch in den anderen Kapiteln bleibe ich immer wieder an konventionellen, wenig überraschenden Bildern hängen. Die Durchdringung von Körperteilen, Natur und Vogelmotiven im ersten Kapitel bleibt mir zu holzschnittartig, wird kaum plastisch und konkret: wenn es um den Körper geht, werden seine Teile genannt; wenn es um Emotionales geht, Brust oder Herz; wenn um Gedankliches, Kopf oder Hirn. Überhaupt scheint mir das große Problem vieler Texte in diesem Band, dass sie auf eine Erfahrung oder ein Gefühl referieren, das der Sprache vorausgeht und im Anschluss in sie transportiert und somit vermittelt werden soll. So etwa in einem der den ganzen Band durchziehenden "schier"-Gedichte:

schier 13

querschläger, pyromanie:
die waffe in den schläfen, koffein,
das feuern der synapsen früh und spät
- halte den kopfkrieg wach, die geschosse
flitschen nur so durch die nacht.

Der Bildraum wird zwar durchgehalten und ist auch stimmig, funktioniert aber allein über eine Analogiesetzung von Kopfgeschehen (die vorhergehende Erfahrung) und Krieg (die Form, in die die Erfahrung im Nachhinein übersetzt wird) am Scharnier "kopfkrieg". Um es frei heraus zu sagen: Die Texte, die einem solchen Verfahren folgen (und es sind doch leider einige), geben mir nicht viel - im Gegensatz zu den tollen Gedichten des dritten Kapitels, von denen ich gerne einige mehr, auch einen ganzen Band gelesen hätte.

Dass aber auch umwerfend tolle, berührende Gedichte möglich sind, wenn die im analogisch gefundenen Wortfeld umherwütende Bildersuche zurückgenommen wird, zeigen immer wieder die eben angesprochenen "schier"-Texte. In ihnen (hier S. 79) und in den Gedichten des dritten Kapitels scheint mir vieles möglich zu sein, sehr vieles, und es findet sich auch bereits Verwirklichtes, das mich glücklich macht:

schier 2

rot ist: die dunkle seite des mondes,
wo gedanken schunkeln in die weiße nacht.
ob du wohl weißt, dass meine monologe
funkelten im glas? - ich hab sie tot gemacht.

Sina Klein
narkotische kirschen
Klever Verlag
2015 · 96 Seiten · 15,90 Euro
ISBN:
978-3-902665-81-2

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