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Kritik

Die Hoffnung auf Trost und Verzauberung

Siri Hustvedt untersucht in ihren Essays das Leben, das Denken und das Schauen
Hamburg

Es sind die Randbemerkungen, die kleinen Halbsätze, die Beobachtungen der Autorin an sich und anderen, die dieses Buch so faszinierend machen. In dem Text »Schlafen/Nicht schlafen«, verfasst 2010, geht es unter anderem um die Bemühungen, Kinder zum Schlafen zu bringen. Was – wie jeder weiß, der Kinder hat – ein nervenzerrendes Unterfangen sein kann. Warum? Weil der Schlaf eine fremde Welt ist, in der das Kind allein klarkommen muss. Berater, die »Schlafprobleme« von Kindern zu beheben versprechen, tun also nichts anderes, als den Nachwuchs zu lehren, »in für seine Erzeuger ungelegenen Zeiten die Hoffnung auf Trost aufzugeben«. Schreibt Siri Hustvedt.

Die amerikanische Roman- und Sachbuchautorin mit norwegischen Wurzeln, 1955 geboren, wird gern als die Frau von Paul Auster vorgestellt. Wenn man sich die Bücher der beiden genauer anschaut, wäre es vielleicht angebrachter, Auster jeweils als den Mann von Hustvedt vorzustellen. Auch wenn er die höheren Auflagen erzielt.

Siri Hustvedts jüngstes auf Deutsch erschienenes Buch ist der Essayband »Leben, Denken, Schauen«. Er versammelt 32 Aufsätze, ursprünglich geschrieben für Zeitungen und Zeitschriften oder als Vorträge, entstanden zwischen 2006 und 2011. Die Verfasserin von so aufwühlenden Romanen wie »Was ich liebte« und so spannenden Sachbüchern wie »Die zitternde Frau« geht hier ihren ganz persönlichen Interessen nach, die, wie sie im Vorwort sagt, die einer »nicht zugehörige(n) intellektuelle(n) Vagabundin« sind. Sie wurde zwar in Anglistik promoviert, leistete es sich dann aber, ihr Wissen auf den verschiedensten Gebieten über Lektüre und in Vorlesungen und auf Kongressen zu vertiefen, »geistige Reisen« zu unternehmen.

Hustvedt schreibt über Psychoanalyse und Literatur und Bildende Kunst und Neurowissenschaften, aber sie tut es immer mit einem persönlichen Blick, verknüpft mit Episoden aus ihrer eigenen oder ihrer Familiengeschichte. Und genau da, wenn sie erzählt, ist sie am stärksten. Die Zitate und Anmerkungen und gelehrten Passagen, mit denen sie ihre Beobachtungen untermauert, sind erhellend (und durch die Bank allgemeinverständlich). Lebendiger sind die anderen Teile des Buchs.

In dem Essay »Mein seltsamer Kopf: Anmerkungen zur Migräne« von 2008 beschreibt die Autorin die Geschichte dieser Plage, die zahllosen Versuche, sie loszuwerden. Sie verwebt neurologische Grundlagen und Genetik und Literatur (des migräneerfahrenen »Alice im Wunderland«-Autors Lewis Carroll) und Philosophie zu einem Bildteppich, an dessen unteren Ende eine schlichte, aber wirkungsvolle Erkenntnis steht: Es wird besser, wenn man die Krankheit nicht als Feind oder als etwas Fremdes betrachtet. Sondern als Teil von sich selbst.

Bestechend sind auch die Texte, in denen sich Siri Hustvedt Kunstwerken und ihren Schöpfern zuwendet, ob es nun um den Stillebenmaler Giorgio Morandi oder um Gerhard Richter oder Goya geht. »Was bedeutet es, ein Kunstwerk zu betrachten? « fragt Hustvedt in einem eigenen Beitrag. Es bedeutet: »Verzauberung. « Denn: »Das Objekt spiegelt uns, (…) die Wahrnehmung (…) des Künstlers, die wir uns zu eigen gemacht haben, weil sie etwas in uns anklingen lässt, das wir für wahr halten. « Hustvedt schließt, dies sei ein »Ausflug ins Du, das auch ein Ich ist«.

Einer der lesenswertesten Texte in diesem an lesenswerten Texten nicht armen Buch ist der Essay »Mein Vater/Ich« von 2008. Darin untersucht die Autorin anhand der Geschichte ihres Vaters Lloyd Merlyn Hustvedt und ihrer Geschichte mit ihm die Relation von Kind- zu Vaterschaft. Die Tragweite des Verhältnisses von Kindern zu ihren Eltern ist nie zu unterschätzen: »Unsere tiefsten Zuneigungen als Erwachsene sind alle von unseren ersten Lieben gefärbt«, merkt Hustvedt an, und die ersten Lieben gelten eben den Eltern. Das gilt in besonderem Maße für die gegengeschlechtliche Liebe, also Sohn/Mutter und Tochter/Vater. Siri Hustvedts Vater war Farmerssohn und Geschichtsprofessor. Und irgendwann erzählte die Mutter der Autorin, eigentlich habe er immer gewollt, dass sie und ihre drei Schwestern einen Farmerssohn heirateten, der Professor geworden ist. Mithin: Ihn selbst.

Zwischen Kinder und Vätern könne es keine Freundschaft geben, zitiert Hustvedt Montaigne. Aber sie widerlegt das. Sie erzählt, wie sehr sie immer auf die Anerkennung des Vaters gehofft habe, in diesem Fall die Anerkennung ihrer schriftstellerischen Arbeit. Doch außer ein paar kryptischen Kommentaren hat der Professor geschwiegen. Aber dann, der Vater war schon krank und hatte nicht mehr lange zu leben, erschien der bereits erwähnte Roman »Was ich liebte«. Und der Vater, der sonst fast nie anrief, rief an und überschüttete die Tochter mit Lob. »Er redete, und ich schluchzte«, erzählt Siri Hustvedt. »Er redete weiter, und ich schluchzte noch mehr. Jahre von Tränen.«

Kinder brauchen Bewunderung. Und Trost. Auch erwachsene Kinder.

Siri Hustvedt
Leben, Denken, Schauen
Rowohlt
2014 · 456 Seiten · 26,95 Euro
ISBN:
978-3-498-03022-3

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