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Kritik

Aufgefaltete Worte

Hamburg

das herz zieht
flug kreise
reist
reist bis es
reißt

so lauten die Schlusszeilen eines Gedichtes von Sophie Reyer. Die 29jährige Lyrikerin, in Wien geboren, heute in Berlin lebend, sollte man wohl hören. Die Gedichte verlangen regelrecht danach laut gelesen zu werden. Als wollten sie sich vom flachen Papier erheben. Homophone, Alliterationen, Dada-artige Wortreihungen und gestürzte Bilder – damit arbeitet Sophie Reyer mit Lust. Da wird nicht aus dem Fenster gesprungen, sondern bei ihr heißt es:  während die Fenster aus dir springen. Das Bild kippt, man stutzt, es ergeben sich neue Assoziationen, es können auch die Bilder der aus dem Fenster Schauenden, die sich auf ihrer Seele gesammelt haben, die nun „raus können“, z.B. mit diesen Gedichten. Das gleiche Bild verwendet Reyer noch einmal in brutkastensuizide: fenster kommen nahe, springen aus dir, der himmel fällt

Eine kleine feine Reihe ist es, in der Sophie Reyers die gezirpte Zeit erscheint: Neue Lyrik aus Österreich, im Verlag Berger. Zarte Bändchen in französischer Broschur in schlichter, fast zu zurückhaltender orangenfarbener Reihengestaltung. Im Frühjahr 2013 startete die Reihe, die es sich zur Aufgabe macht, Lyrik – mit 64 Seiten fein dosiert – unter die Leser zu bringen. Dabei stehen renommierte Namen neben neuen Stimmen. Gemeinsam mit Sophie Reyer erschien zu Beginn dieses Jahres Paradiese. Schöne Gedichte von Gerhard Ruiss. Auch Sophie Reyer ist bereits eine Weile literarisch unterwegs mit Lyrikbänden z.B. Geh Dichte Theaterstücken und Kompositionen. Ihre Gedichte basieren auf Musik:

tropfen lied
da da da du
da da da du
da du du da
du da da du
da du da du
da du du du

Einmal ist das Gedicht, wie seine Laute schon sagen, in schönster Dada-Tradition, Kurt Schwitters und Freunde lassen grüßen. Es könnte aber auch der Rhythmus eines Liedes sein, den man auf den Tisch klopft. Andererseits ist das Wortgebilde wie ein Fragment, das Skelett weiterer Aussagen, die man nur hören kann, wenn man den Rhythmus verfolgt, also laut liest. Vorstellbar, dass man mit diesem, wie ein kleiner Spaß aussehenden Text eine Menge machen kann.

Sophie Reyer teilt ihre Gedichte in sechs Abteilungen, die nur nummeriert sind. Den inhaltlichen Zusammenhang kann sich der Leser selbst suchen. Die schwächsten Gedichte sind politisch motiviert wie fukoshima: es ist eine stadt die stumm ist, es sind weiße lappen vor den mündern. Überraschende Blicke gibt es dagegen in der Abteilung, die man Liebe nennen könnte.

wachsen
einen riss im
herzen gekriegt heute
nacht. der war so
laut dass sie auf
wachte. aus den
brüsten waren ihr
knospen geschossen am
morgen: die liebe hatte
versucht zu
blühen

Die Bilder sind vielgestaltig. Da werden sehnsüchte am geschlecht herumgetragen oder man spielt stalking mit den momenten. Aber auch das andere Ende ist gegenwärtig, eine Verbeugung vor der österreichischen Kollegin Ingeborg Bachmann ist in es zu finden: es ist ein flüstern, es winkt dir. Da heißt es am Schluss: es stundet gegen die zeit an.

Ein wichtiges literarisches Untersuchungsgebiet ist die Kindheit, der die letzte große Abteilung gewidmet ist. Die hätte heißen können: das weggewischte Kind. In frühjahrsputz heißt es:  es wird eine kindheit aufgewischt. Die Beschäftigung Reyers mit der Kindheit scheint ein zentrales Thema zu sein, es sind neben den Liebesgedichten die schönsten.

drei weisheiten
ein kind ist keine
zierleiste. das leben kommt
geballt. die wahrheit ist
marmoriert. es nieselt
freiheit, wenn wir
den umrissen entsteigen

Keine Zierleiste sei das Kind, nicht nur das, bei Reyer ist das Kindsein eng mit dem anderen Ende verwoben. Da gibt es die geflügelten schulterblätter, die auf einen Engel (?) als nicht mehr lebendes Kind verweisen. In abschied kommen die sternen geschwister vor und das himmels häuschen. Und in luftkinder wird gefragt: wann werden uns füße wachsen. Und in verdursten die versammelte kindheit: singt singt zerspringt.

Da ist wieder das lautmalende der Reyerschen Poesie, das musikalische, das allen Themen die Schwere nimmt, die Worte werden aufgefaltet, ihnen entsteigt Musik. Ein winziges Gedicht scheint das ganze Poesie-Programm der Lyrikerin zu enthalten:

zwischen himmel und
horizont gefugt: horch das
faltige wort

Eines der schönsten Gedichte ist und, in ihm ist das Titelthema enthalten: und der himmel gehört mir und die gezirpte zeit. In der gezirpten Zeit ist alles drin, das lautmalende im wie vibrierenden Zirpen, die Alliteration und die Überraschung, dass hier Erscheinungen verbunden werden, von denen man noch nicht ahnte, dass man sie in einen Sinnzusammenhang bringen kann: Zeit und Zirpen. Da steht die Beschäftigung mit Poesie drin, denn Zirpen ist der Laut der Grillen und Zikaden, der nächtlichen Sänger, die verkünden, dass sie bereit sind geliebt zu werden. Und die Zeit zieht Reyer im Zirpen zusammen: Kindheit und Tod. Diese Gedichte wünschte ich mir auf der Bühne oder im Radio zu hören.

Im Herbst erscheinen in der Reihe Österreichische Lyrik zwei weitere Bände: Barbara Pumhösel: Parklücken und Martin M. Fritz: intrinsische süßigkeit.

Sophie Reyer
die gezirpte zeit
Neue Lyrik aus Österreich Band 2
Berger
2013 · 64 Seiten · 16,50 Euro
ISBN:
978-3-85028-576-6

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