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Kritik

Die Insektenfrau

Hamburg

Da ist ein Kind, das Insekten sammelt, sich damit auskennt. Das Insektenkind. Das fliegen möchte und manchmal sogar glaubt, es zu können. Die Eltern vergittern das Fenster, um das Fliegen zu verhindern. Das einer Heuschrecke die Haxen ausreißt

„Zackig irgendwie, diese Beinchen, denkt das Kind. Zählt die Segmente des Chininpanzers … Und wieder: die Pinzette aufspreizen. Das Kind lässt die zwei Metallteile an eines der Beinchen der Heuschrecke wandern. Zwickt dann zu.“ … „Da zuckt ihm etwas zwischen den Beinen. Es tastet sich behutsam voran. … Tupft auf den Punkt, der gut tut. Mit der Fingerkuppe. Sanft und immer wieder.“ … „Dem Kind bebts zwischen den Beinen.“ 
„Die Zeit ist eine riesige Geschwulst.“ 

Vergangenheit und Gegenwart verflechten sich ineinander. Die Gegenwart ist allerdings karger. „Das Kind übt was, von dem es später sagen wird, dass es Sehnsucht ist.“ Das Insektenkind ist zur Insektenfrau geworden und macht eine Psychotherapie, erzählt dem Psychotherapeuten, dass die Erinnerungen kommen. Da waren die Hände des Klavierlehrers. „Mag das Kind ein braves Mädchen sein und die Wurst des Klavierlehrers noch einmal zwischen die Lippen nehmen und ein bisschen mit der Haut spielen …“ Das Kind lernt vom Klavierlehrer, wie Sperma schmeckt. „Der riecht nach Apfelschalen aus dem Mund.“ Dann kann das Insektenkind keine Mandarinen mehr essen, kann die Fäden auf der Fruchthaut der Mandarinen nicht mehr anschauen. „Läuft aufs Klo und steckt sich den Finger in den Mund.“

„Schlag die Fenster ein“, sagen die Stimmen dem Kind. Das Kind schlägt die Fenster ein. Die Eltern lassen Gitter machen.“ Ein Glassplitter einer zerbrochenen Fensterscheibe dringt in ihr linkes Auge ein. Der Therapeut fährt sie ins Spital. Die Insektenfrau droht zu erblinden. Der Therapeut sagt, sie sehe aus wie eine Libelle. Die Therapie geht nicht recht vorwärts, allzu dominant sind die Erinnerungen. Überlagern sich mit Gerüchen und sinnlichen Beobachtungen. Die Insektenfrau leidet unter Schlafstörungen. Warum sie noch immer zu ihm komme, fragt der Therapeut. Sie antwortet: „Ich weiß, dass Sie es wollen. Genau wie der Klavierlehrer.“ Während sie ihn nachhaltig beobachtet: „Die Muskeln wie große Hühnerkeulen.“ Der Therapeut kontert: „Und Sie wollen es auch. Wollen immer wieder den Schmerz an sich selbst wiederholen, den jemand anderer Ihnen zugefügt hat.“ Oder sie sagt: „Das größte Unglück ist, dass einem das Unglück verboten wird.“ 

 „Insektizid“ ist ein radikaler Roman. Radikale Texte können mitunter ganz sanft daherkommen: hinterhältig sanft. Dies ist solch einer.

„Die Schönheit des Lebens ist ein Lolly, an dem man sich den Eckzahn ausbeißt.“

Subtil und detailpräzis erzählt Sophie Reyer, eindringlich und ohne Rufzeichen, ohne Fragezeichen. Wiewohl unzählige Fragen übrigbleiben, weil zu wenig gerufen und zu leise geschrien wird, wenn Schmerz erlitten wird.

Sophie Reyer
Insektizid
Leykam Verlag
2014 · 120 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-7011-7897-1

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