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Kritik

Alles fließt

in Stan Lafleurs Rhein-Meditation
Hamburg

Flüsse sind anscheinend literarischer Stoff für ihre Anwohner, zumindest wenn diese Schriftsteller sind. Man weiß ja, wer so alles schon über den Rhein schrieb. Und mir fällt sofort Eva Demskis Mama Donau ein, wenn ich die Rhein-Meditation von Stan Lafleur zur Hand nehme.

Das Buch ist Teil einer engagierten Reihe, der Edition 12 Farben von rhein wörtlich e. V., einem gemeinnützigen Verein, der es sich zur Aufgabe macht, innovative Literatur im Rheinland herauszubringen – eine schöne Sache in unserer pekuniär ausgerichteten Zeit.

Die Rhein-Meditation erinnert mich deswegen an Eva Demskis Buch, weil beide Erzähler so stark ihr eigenes Leben mit dem Fluss verbinden.

Doch bei der Lektüre fallen schnell die Unterschiede auf: Während Eva Demskis Erzählerin nahezu kongruent mit der Autorin zu sein scheint, wirkt Stan Lafleurs Buch weniger persönlich und darüber hinaus strenger durchkomponiert. Es kommt wie ein Zwitter zwischen Erzählung und Langgedicht daher – wie ein solches ist es gedruckt.

Beide Autoren zitieren jeden und alles, was es am Flussverlauf zu zitieren gibt. Stan Lafleur benutzt die Zitate für die inhaltliche und formale Gliederung des Textes und zur Retardierung des Textflusses. Die Zwischentitel sind zumeist flussgeographisch: "Tomasee … Vorderrhein … Hinterrhein … Das Ende der Quellen … Alpenrhein …" etc.

Dazwischen, wie gesagt, ist der Text im Kleinen durch Zitate gegliedert, bisweilen hat er Abschnitte, was das Lesen erleichtert. Ansonsten lässt sich der Erzähler mit dem Fluss treiben. Er erzählt von seiner Verbindung zum Rhein, beschreibt, was er am Fluss sieht und was er erlebt, wenn er dem Flusslauf folgt, benennt Historisches und bewegt sich bisweilen auch frei assoziierend durch den Text. Philosophische Betrachtungen haben dabei ebenso Raum wie literarische Positionsbestimmungen, immer fließt alles, ineinander, miteinander, durcheinander und hinter einander her. Bei der Beschreibung eines Aufenthaltes an der Flussquelle reflektiert er beispielsweise über das schweizerische Wort Qualle und landet dann assoziierend bei Quappe. Inhaltliches Erzählen wird immer wieder durch solche Reflexionen aufgehalten, der Textfluss wird verzögert, wie wenn Staustufen einen echten Fluss verzögern und auf andere Ebenen heben oder senken: "Gut möglich, dass ein Wasseraustritt unterhalb des Seespiegels existiert, oder auch mehrere. Vieles ist möglich, die Postmoderne behauptet: alles, also: alles Vorstellbare; ein kühnerer Denker müsste behaupten: das Unvorstellbare nicht minder."

Immer scheint Stan Lafleur der Fluss auch Metapher für das menschliche Leben zu sein. Die Quelle steht logischerweise für die Geburt, die Mündung für das Sterben, auch wenn der Erzähler feststellt, "… das Ende eines Flusses (sei) inakzeptabel", und darum in Erwägung zieht, in eine Fähre nach England zu steigen, um der Flussströmung noch ein Stück zu folgen.

Die assoziative Ebene ist nicht die einzige des Textes. Er erzählt auch ganz beiläufig eine Liebesgeschichte. Der Erzähler wird über eine weite Strecke des Flussverlaufs (beziehungsweise seines Lebens) von Mara begleitet, einer Frau, die "nach dem Meer heißt, das sie nicht ausstehen kann", denn Mara ist ein Kind der Berge.

Aber Mara, "deren Name Höhle bedeutet in der Sprache eines Landes, das sie niemals bereisen würde", heißt auch wie ein Fluss in Afrika und auch wie der Mara des Buddhismus, jener Verführer, der Gautama Buddha der Legende nach von der Erleuchtung beim Meditieren abhalten wollte. Ob vom Autor gewollt oder unbeabsichtigt – der Titel des Buches eröffnet dem Leser durchaus auch solche Konnotationen des Namens der Figur Mara.

Diese begleitet den Erzähler im Text am Fluss entlang bis zur Loreley, wo sie auf geheimnisvolle Weise verschwindet, aber weiterhin in seinen Gedanken Ansprechpartnerin bleibt.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Der Erzähler ist ein Kind seiner Zeit, dem Wikipedia genau so vertraut ist wie YouTube oder japanische Anime-Filme. Aber die Meditation am Fluss führt ihn immer wieder vom Alltäglichen der Wahrnehmung dessen, was ihm begegnet, zu Gedanken, die die Ebenen des Mystischen, des "Erhabenen" streifen. Alles wird in größere Zusammenhänge gestellt, und dies geschieht vor allem durch die Langlebigkeit, die Größe des Rheins, der "vom All betrachtet … eine unwesentliche Narbe unter vielen dieses Planeten" ist.

Bisweilen wird der Text auch komisch. Wenn zum Beispiel Jesus in den seichten Buchten des Bodensees lernt, übers Wasser zu gehen, oder wenn sich der Erzähler im Kräutergarten der Hildegard von Bingen eine Berberitze in den Mund steckt und fürchtet, nun sterben zu müssen. Aber an der nächsten Textflussbiegung begegnet der Leser schon wieder gänzlich anderen Menschen und Dingen. Alles rauscht so schnell durch ihn hindurch, dass zumindest ich beim Lesen immer wieder abdrifte und mich, wie beim Meditieren, dauernd zurückrufen muss, zurück zum Text, der mich in Gedankenstrudel zieht und wieder daraus entlässt. Und am Ende bin ich froh. Froh, dass ich die Lektüre beenden kann, aber auch froh über den wunderbaren Schluss des Buches, welcher der Anfang eines neuen sein könnte, eines Buches über das Meer: "Durch ein Blinzeln – bin ich eingeschlafen oder aufgewacht? – erblicke ich den Horizont und denke für eine Sekunde, dass es keinen stärkeren Ausdruck für die Liebe gibt als das Meer, wie es über den Strand leckt, um mich zu holen."

Stan Lafleur
RHEIN-MEDITATION
rhein wörtlich
2014 · 112 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-943182-09-5

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