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Die Zukunft der Vergangenheit

Gandler erklärt die kritische Theorie für tot, aber nur, um sie am Leben zu erhalten.
Hamburg

Stefan Gandler und ich hatten einen gemeinsamen Lehrer, den im letzten Jahr verstorbenen Frankfurter Professor Alfred Schmidt, der uns ans Herz legte, wir sollten doch die philosophischen Texte nicht als Steinbruch benutzen. Ernst nehmen, hieß für ihn wohl, die Texte bei sich zu belassen. Wie anders denn als Steinbruch aber, denke ich heute, ist das denn möglich. Jeder Gebrauch eines Textes fügt dem Original, wenn man so will, Schaden zu, oder hinterlässt seine Gebrauchsspuren. Das verhält sich bei einem philosophischen Text nicht anders als bei einer Axt, mit der zum Beispiel ein Loch ins Eis eines gefrorenen Meeres gehauen wurde. 

Vielleicht, und das würde der Dialektiker Schmidt verstehen, lässt man einen Text nur bei sich, in dem man ihn verändert. Und manche Texte, auch die der alten kritischen Theorie leben erst auf, wenn man mit ihnen so jongliert, wie sie es mit anderen tun.

Der Auftakt zu Adornos Negative Dialektik hört sich so an: Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward.

Professor Alfred Schmidt hatte den Lehrstuhl inne, den einst Max Horkheimer begleitete und galt im Grunde als letzter Vertreter der sogenannten alten kritischen Theorie. Vertreter der neuen kritischen Theorie im gleichen Haus war Jürgen Habermas, der damals am selben Institut unterrichtete wie Alfred Schmidt.

Im Haus stand immer die Frage, ob man Habermas als legitimen Nachfolger der kritischen Theorie betrachten könne oder ob er dieses radikal kritische Projekt  nicht vielmehr verraten,  sich einer eher affirmativen Sicht verschrieben habe. Gandler trifft dazu eine sehr eindeutige Aussage und sieht Habermas keinesfalls in der Tradition kritischer Theorie.

Er promovierte 1997 bei Alfred Schmidt (und bei keinem anderem deutschen Lehrstuhlinhaber wäre das zu dieser Zeit  möglich gewesen) über den spanisch-mexikanischen marxistischen Philosophen Adolfo Sánchez Vásquez und ging nach der Promotion nach Mexiko, wo er heute noch lebt und lehrt. Er ist Professor für Sozialphilosophie und Gesellschaftstheorie an der Faculdad de Ciencias Politicas y Sociales der Universidad Autonoma de Quertano.

Gandler hebt mit folgendem Satz an: Die kritische Theorie der Frankfurter Schule ist tot.

Ich bin mir nicht ganz sicher, worin der Moment der Verwirklichung dieser Theorie hätte liegen können, wahrscheinlich darin, dass sich das menschliche Subjekt seiner ideologischen Fesseln entledigt. Angesichts gegenwärtigen Terror und der Reaktionen darauf, hat die Menschheit wohl diesen Moment um Längen verfehlt, sollte es ihn denn je gegeben haben.

Gandlers Postulat aber, dass die kritische Theorie tot sei, bildet nicht den Abschluss, sondern den Anfang des Textes, denn schon im zweiten Satz formuliert er das Programm, dass er abzuarbeiten hat, denn:

Diese Tatsache anzuerkennen, ist die elementare Voraussetzung, um ihr einzigartiges Projekt zu gegebener Zeit wieder aufgreifen zu können.

Man könnte also meinen, Gandler verstünde sich als eine Art Bewahrer der kritischen Theorie in Zeiten ihres Dahingeschiedenseins  und in der Hoffnung auf eine eventuelle Wiederauferstehung. Dieses religiöse Motiv ist somit gar nicht so weit vom ebenfalls religiös anmutenden Eingangssatz der Negativen Dialektik entfernt. Nun ist es aber die kritische Theorie selbst, die sich einer derart konservierenden Vorgehensweise in den Weg stellt. Die kritische Theorie hält sich, wenn überhaupt, dann nur in einer philosophischen Praxis am Leben, im Gebrauch.  (Und Praxis meint hier nicht eine Institution für Laien zum Probedenken, sondern die Anwendung und damit Veränderung jener Theorie.)

Der Text des Buches wurde zunächst auf Spanisch für ein mexikanisches Publikum geschrieben und von Gandler selbst für den hiesigen Markt ins Deutsche übertragen.

Der Witz ist vielleicht, dass sich beide Gesellschaften, die Mexikanische und die Deutsche, in der Unkenntnis gewisser vor allem kritischer philosophischer Strömungen annähern und man somit hier wie dort Gandlers Text als einen ersten Kontakt mit dem Denkgebäude der klassischen kritischen Theorie empfehlen kann. Gandlers Fragmente können dazu nur ein Auftakt sein. Und ihre zuweilen etwas holzschnittartige Sicht auf die Theorie bietet Möglichkeiten für philosophische Intervention.

Stefan Gandler
Frankfurter Fragmente
Essays zur kritischen Theorie
Peter Lang Edition
2013 · 124 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-631-63400-4

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