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Kritik

Die alten Tage

Stefan Heuer setzt der Nostalgie ein poetisches Denkmal
Hamburg

In der parasitenpresse erschien Anfang März, pünktlich zur Leipziger Buchmesse, Stefan Heuers neuer Lyrikband „werkstatt (ein abschied in zehn bildern)“ – ein Zyklus aus zehn Gedichten, gewidmet seinem 1916 geborenen und 2008 verstorbenen Großvater. Es sind mit leiser Stimme gesprochene Gedichte – sie ziehen den Leser Schritt für Schritt hinein in eine Welt des Erinnerns, in der die Spuren des Großvaters Stück für Stück aus staubig-trübem Licht hervortreten und sich mit den Kindheitserinnerungen, den Erinnerungen des heranwachsenden lyrischen Ich vermengen, das der Nostalgie ein poetisches Denkmal setzt.

Es ist ein Herantasten an den Verstorbenen in seinem Refugium, seiner Doppelgarage, in der er werkelte („für ihn der heilige gral / ein tor, / das nie geöffnet wurde, eine tür an der rückseite“). Heuer nimmt sich Zeit für kleine und kleinste Details, es sind erzählende Gedichte, die auf kleinem Raum eine vergangene Episode lebendig werden lassen: Wer ist nicht schon mit gemischten Gefühlen durch die Zimmer verstorbener Verwandter gegangen, deren Anwesenheit dort noch fast greifbar war? Wer hat dort nicht noch Spuren von sich selbst gefunden, aufblitzende Szenen, die man längst vergessen geglaubt hatte. Was fasziniert, ist die dichte Atmosphäre dieser lyrischen „werkstatt“, die man schon nach wenigen Strophen vor Augen hat.

Der rissige Boden mit den Sägespänen, das „blinde fenster zum gemüsegarten“ – es ist auch eine Welt, die einer aussterbenden Generation zu gehören scheint, die in andere Jahrzehnte gehört, die aber bewahrt werden will, nicht nur literarisch: „ein rollo, sein schutzschild vor zuviel welt“.

Die Tür wird geöffnet und man sieht den Lichtstrahl hereinfallen, dem man auch symbolisch verstehen darf, ein Licht, das fällt „durch eine einsamkeit, / die er nie als solche empfand“. Dazwischen die Erzählungen von Krieg und Gefangenschaft, man sieht die Gründe für den Rückzug ins Private und ganz Eigene, auch die kleinen Marotten, die sympathisch sind, man sieht den Erzähler wieder als das Kind, das hier spielte, der Großvater hat banale Dinge aufgehoben – ein Spielzeug-Werbeplakat zum Beispiel -, die im persönlichen Bezug nicht bedeutungsvoller sein könnten, denn es hängt Erlebtes an ihnen. Und doch schwingt dahinter die problematische Auseinandersetzung der heutigen mit der Kriegsgeneration mit, die dem Kind erst mit den Jahren bewusst wird. Was macht das? Trübt es das Bild, indem es beleuchtet wird?

„oben im eisfach schleifpapier, stapelweise, / zu einer mark neunundfünfzig der bogen; die grobe // körnung, so war sein ganzes leben“ … gerade mal zehn Gedichte benötigt Stefan Heuer, um diesen Großvater lebendig werden zu lassen, er steht uns klar vor Augen, wenn wir ihn lesen – aber eben durch die Augen dessen, der über ihn schreibt, der eine „werkstatt“ erschafft die zum Äquivalent einer alten Fotografie, oder besser, eines alten Fotoalbums wird, dessen Bilder plötzlich durchscheinend werden, eine Tür öffnen: „viel kindheit in den händen (…) aber für mich ist morgen auch noch ein tag“…

Stefan Heuer
werkstatt
(ein abschied in zehn bildern)
parasitenpresse
2015 · 14 Seiten · 6,00 Euro

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