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Ostragehege, Zeitschrift für Literatur und Kunst
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Ostragehege, Zeitschrift für Literatur und Kunst
Kritik

Die Nähe zum Märchenhaften

Hamburg

Der Pop Verlag weist das neue Buch von Stefanie Golisch in seine „Epik“-Reihe ein. Da die Verfasserin es eine „Erzählung nennt“, hat das von daher seine Richtigkeit. Liest man das attraktive gestaltete kleine Buch um das Mädchen Natalina, stellt es sich etwas anders dar. Der Text ist in zwanzig kurze, durch Überschriften voneinander abgesetzte, Abschnitte geteilt – zu kurz für Kapitel, zu lang für Episoden. In ihnen geht es u.a. um die Namensfindung und den Platz in der (italienischen) Welt des Mädchens Natalina, um die sich viel Geheimnisvolles rankt, wie in einem Märchen.

Die Nähe zum Märchenhaften - die Titel der Abschnitte verraten es, zum Beispiel:  „Das Märchen vom Meer“, „Im Geäst“, „Fallada“, „Drachenblut“. Natalina steht nicht, wie etwa Gelsomina in dem Film La Strada, in einer grobkörnigen, schwarz-weißen Realität. In fernen Zeiten lag am Eingang der Nacht ein See, heißt es am Eingang des Abschnitts „Die Heilung des Herzens“. Die Schwere und Bodenständigkeit einer Existenz wird für eine Weile aufgehoben. Ein Vater, lapidar „Georg“, restauriert Bücher. Man lebt mit und in Büchern. Sie verliert sich im Klang der Worte (8), wenn es um Schulunterricht geht. Sie träumt. Hinter ihren geschlossenen Augen ist die Welt eine Schneekugel (9). Sie sieht sich auch als kleinen Baum (7). Immer ist Verwandlung möglich. Kein Wunder, dass Natalina über Kafka schreibt.

Die Zusammenhänglichkeit der Sätze und Abschnitte, die das Buch formen, entwickelt sich wie die Logik von Träumen. Georg, der Vater von Tobias, Natalina – das ist das Personal. Von einem Plot mag man so recht nicht sprechen. Auch Charaktere im novellistischen Sinn fehlen. Es wird deutlich:  Die kenntnisreich und elegant schreibende Lyrikerin, Erzählerin und Übersetzerin Stefanie Golisch hat einen Text in poetischer Prosa geschrieben; streckenweise ist es ein Prosagedicht. Es lebt aus Wörtern und Sätzen wie den oben zitierten, aus denen sich Zusammenhänge entwickeln. In der Methode erinnert dies an die poetisch-philosophische Schreibweise von Ralph Waldo Emerson, der aus einem kunstvollen Satz einen Absatz herleitete, eine Strophe, eine Gedanken- und Ideenkette.

So sollte dieses nach allen Seiten offene Gedankengedicht, dieses luftige Existenzmärchen, das dann doch mit einem Unfall, einem harten Aufprall in der Realität endet, vielleicht gelesen werden. Aber: Am Ende wird immer alles gut, das weiß schließlich jedes Kind  (12) – ein Erwachsenenwort wider besseres Wissen, wie Natalina, verletzt ins alltägliche Leben gefallen, am Ende weiß: „Jedes Detail wollen sie erfahren, aber nicht, um alles besser zu verstehen, sondern um den Triumph ihrer moralischen Überlegenheit auszukosten . . . Aber sie wollen die Wahrheit nicht hören. Die Geschichte vom Baum. Die Geschichte vom Meer. Die Geschichte vom Blau. Sie wollen nur hören, was sie schon immer wussten.“ Zur Traumverlorenheit gehört die Erfahrungsoffenheit. Man mag, wie George Berkeley, an einen Stein stoßen oder sich, wie Natalina, gar zwei Beine brechen, aber das Wahrgenommene existiert, auch Märchen und Traum. Dieses Buch ist ein Text zum Trost, ein tröstlicher Text in kunstvoller Erzählung.

Stefanie Golisch
Anstelle des Mondes
Pop Verlag
2015 · 74 Seiten · 12,99 Euro
ISBN:
978-3863561086

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