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Kritik

Fly and Fall

Hamburg

Stefanie Golisch lebt in Italien und schreibt auf Deutsch, Englisch und Italienisch und übersetzt in diese drei Sprachen.  Der vorliegende Band, Fly and Fall, wurde in den USA verlegt. Stefanie Golisch stellt hier ihre Gedichte vorwiegend in englischer Sprache vor, denen oft ihre italienischen Übersetzungen zur Seite stehen, doch gibt es einige englischsprachige Gedichte auch ohne Übersetzung. Manche der italienischen Übersetzungen sind deutlich kürzer und ganz offenbar eigenständige Versionen bzw. Varianten des englischsprachigen Ausgangstextes. Zum Beispiel „Life is About All This“/ La vita è tutto questo“. Beiden ist ein Epigraph von Charles Bukowski gemeinsam, der die Varianten verbindet, sie gewissermaßen (an-)stiftet.

Stefanie Golisch ist polyglott und belesen. Sie ist weitgereist und kennt sich in der zeitgenössischen internationalen  Literatur aus, wie etwa ihr Einsatz für Stephen Dunn zeigt oder den Schriftsteller Christian Bobin, für W.H. Auden oder e.e. cummings, neben anderen (vgl. ihre Beiträge auf FIXPOETRY).  Golisch macht Proselyten für „ihre“ AutorInnen und tut das sehr effektiv. Als Lyrikerin und Übersetzerin ist sie auch eine kompetente Autorin und Vermittlerin von Literatur. Sie baut Brücken, sie entdeckt neu und wieder.

Fly and Fall ist eine etwas heterogene Sammlung ihrer eigenen neuen Gedichte, in der ein englisch- und ein italienischsprachiges Gedicht „Kartoffelfeuer“ heißen kann (nicht identische Erläuterungen zur deutschen Bedeutung in zwei Anmerkungen).

Kartoffelfeuer

The early autumn stillness holds
a sudden raven screaming,
the smell of ripe apples,
of spring rolls,
coming from the Chinese restaurant
on the first floor

There is in all this
an urge for answers to summer’s ending,
that dull September afternoon
burning my childhood
in a Kartoffelfeuer

The next day this smell was gone forever.
In the mirror over the lavatory,
anygirl is smiling seductively
to the new born world as if to say,
here I am,
take me
I’m yours

Zum Vergleich auf der folgenden Seite:

Kartoffelfeuer

Profumo di mele mature
e di invaltini primavera
del ristorante cinese
al pian terreno

Come rispondere alla fine dell’estate,
una cupa giornata di settembre
che bruciò la mia infanzia
in un Kartoffelfeuer?

L’indomani sveglierà
una ragazza nuova,
sorridente al mondo appena nato.
Eccomi,
predimi,
sono tua

Ich vermute, das italienische Gedicht ist vor dem englischen entstanden – kurz, präzise, in elegantester Lautung.  Welche Welten trennen die beiden Texte, von den fehlenden oder hinzugefügten Wörtern / Bildern abgesehen!  Und der Rabe, was ist mit dem Raben?  Er ist aus einer anderen Tradition hereingeflogen, der pastoral-romantischen amerikanischen Tradition. Zwei verschiedene Gedichte, zwei verschiedenen Traditionen anverwandelt.  Eine tolle Leistung.  Ich hätte übrigens gern die deutschsprachige Variante daneben gehabt, der autobiographische Ausgangstext. Vielleicht wird er uns noch von Stefanie Golisch gedichtet.

 Zwei Gedichtvarianten in zwei Sprachen. Ist das nicht ein bisschen viel fremde Anverwandlung, ist man versucht zu fragen?  Schauen wir, um Erklärung bemüht,  in das „Nachwort“ der Autorin, ein längeres poetologisches Gedicht. Dort heißt es im zweiten Teil:

(. . . )
You can deeply understand a poem in a language you don’t know.
Its hidden truth can be blacker than black.
You, reader, will be the light.
Poetry is a communication beyond facts.
Poetry tells light and shadow, greatness and misery.
’Give your words a meaning,
but give them also a shadow’, says the poet Paul Celan.
Don’t sell it.
Set yourself free, but don’t get lost in the arms of the one you love.
Fly and Fall.
Some poems found their way into Italian, some did not.
There are open spaces, never empty ones.
Poetry is patient.
( . . . )

Poetry says: Come closer. I contain multitudes.
( . . . )

Stefanie Golisch riskiert etwas, so viel macht sie klar:  Sie tritt über den Rand, um zu fliegen, und sie riskiert den Fall.  Sie enthält, wie Walt Whitman, eine Vielheit von Poeten, die sie gelesen hat, liebt und nun in sich birgt.  Sie treten in ihren Zeilen hervor und sie nehmen neue Gestalt an in einer Sprache; ihr Ausdruck in einer anderen ist ihr Schatten.  Das Gedicht und sein Double.  Fly and Fall ist die Zweiheit von Stefanie Golisch, der Dichterin, die sich übersetzt.  Der Text und seine fremdsprachige Lesart.  Das Wort und sein Echo. 

Ein schöner, ein interessanter und, was mich betrifft, anregender Band.

Stefanie Golisch
Fly and Fall
Culicidae Press
2014 · 84 Seiten
ISBN:
978-1941892015

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