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Kritik

Krimi in toten Gassen

Ich weiß, dass ich mich mit den folgenden Bemerkungen bei Krimi-Fans nicht beliebt mache. Natürlich konsumiere auch ich Krimis. Kommt man ja gar nicht drum herum. Nicht nur in Buchhandlungen, auch wenn ich den Fernseher anschalte und gemütlich davor sitze, kann ich mich kaum entscheiden, welchen Inspektor oder Kommissar ich in welchem Programm ansehen soll und meistens fast übergangslos, an Feiertagen nicht einmal durch Nachrichten getrennt, den nächsten.

Krimi-Fans sind stolz, dass ihr Genre die Grenzen verwischt hat. Neben den Klischee-Krimis gab es früher psychologische Krimis wie die von Patricia Highsmith, Raymond Chandler, oder Geoge Simmeon. Dazu kamen deutsche Stimmen von Dürrenmatt und Co. Krimis als literarisches Ereignis, so etablierte sich dies als eine Forderung, der aber selten entsprochen wird.
Heute gibt es fast nur noch Krimis. Sie besetzten mühelos nicht nur das psychologische Feld, sondern den Familien-, den Liebes- den Polit- oder Gesellschaftsroman. Da er oft an bekannte, wenigstens in der Fantasie gern besuchte Orte führt, die Reisebeschreibung. Den Heimatroman und die Horrorstory sowieso. Ab und zu kriege ich einen geschenkt oder empfohlen und da ich eine Bücherfresserin bin, lese ich ihn. Jedesmal nach der Lektüre sehne ich mich nach Proust, Woolf, oder meinetwegen sogar Handke.

So ein mit allem überfrachteter Roman ist auch der Krimi „Die toten Gassen von Barcelona“ von Stefanie Kremser. Eine Heldin auf den Spuren ihrer Familiengeschichte. Mit der politisch korrekten Portion Gesellschaftskritik versehen. Immobilienhaie, russische Schlägerbanden, alternative Hausbesetzer. Dazu etwas religiöser Quark, ein verrückter Mörder, ein bisschen Kulinarisches und die Geborgenheit der Heldin im schwulen Freundeskreis. Zum Abschluss kommt auch noch die Liebe. Aufgelockert durch Beschreibungen, die durchaus stimmungsvoll sind, durch Mördermonologe, die Begabung und Einfühlungsvermögen verraten. Aber warum ist es ein Buch, das ich mit schalen Gefühlen weglege? Und nicht so recht weiß, an wen ich es weiter geben soll?

Es ist alles drin und es fehlt alles. Es ist etwas für die Rucksäcke von Barcelona-Touristen, aber bitte, bitte: schaut Euch die tolle Stadt an und macht Euch selbst Eure Gedanken. Die Autorin macht uns zuviel vor.

Stefanie Kremser
Die toten Gassen von Barcelona
Kiepenheuer & Witsch
2011 · 256 Seiten · 8,99 Euro
ISBN:
978-3-462043259

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