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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
Kritik

Nichts, was nicht aus ihnen bestünde

Hamburg

Eine erneute Lyriknominierung zum Leipziger Buchpreis spricht Bände, diesmal (nach Jan Wagner) ist es Steffen Popps neuem Band 118 vergönnt, ins VIP Territorium des sogenannten Literaturbetriebs vorzurücken (Offiziellensprechaneignung). Das hat den Kennern und Wertschätzern von Popps umfangreichen Werk natürlich nicht viel zu sagen, außer vielleicht einen Glückwunsch und auch ein Achtungsgefühl dieses schleichenden Aufstiegs des Textgenres Lyrik anhand jener einigen Pioniere gegenüber. Wundervoll. Aber was einfach viel wichtiger ist: Hier ist ein neuer Band! Der neue Popp ist da! Im Stammverlag Kookbooks. Nach drei vorhergegangen Gedichtbänden und einem Roman dort und einigen Ausflügen zu Merve, Suhrkamp und Wunderhorn, kommt soeben, Ende Februar, fast vier Jahre nach Dickicht mit Reden und Augen, dieses Buch namens 118.

Nichts weniger als eine neue Form hat Steffen Popp mit 118 geschaffen. Kein Prosa-Gedicht, keine Mischform aus Vers und Drama, keine adaptierte Tradition, nichts dergleichen. 118 ist 118 x zehn Zeilen, ungefähr von gleicher Länge, im Flattersatz und darunter, mit einer Zeile Abstand abgesetzt: eine Überschrift, also eine Unterschrift gewissermaßen. Letztere bisweilen auch Teil des Gedichts als elfte Zeile. Jeweils wie ein Stichwort zu verstehen, oder auch ein lexikalischer Eintrag oder ein Barthesches Notat, Fragment, Lemma. Doch das ist nicht alles, denn von Seite zu Seite stürzt sich um diese fixe, konsequent durchgehaltene Form ein ganzer Schwall aus beigeordneten Worten, Verwandten-Taxonomien oder Kommentaren. Manchmal nur ein oder zwei Randbemerkungen und Fußnoten, die das Artikelhafte der Gedichte grafisch unterstützen, oder aber die ganze Seite des Gedichteintrages wird umschwommen, umzingelt mit Listen, Namen, Einträgen. Ein Spiel mit der Überraschung – nichts ist vorhersehbar – in gewohnt umsichtigem, aufmerksamen Kookbooks/ Töpfer Gestaltungskonzept. Nun ist dieses Inventar oder Popp-Stoff-Lexikon dem lyrischen Konzept nach als ein Periodensystem der Elemente zu verstehen. 118 Einträge im Jahr 2017, das, was Popp als „eine Folge (Feld und Wolke) elementarer Bezugsgrößen ihres Autors“ bezeichnet. Natürlich wird diese Idee in der Umschlagsgestaltung als Steilvorlage genutzt und ein grafisches Stoffe-Poster in Anlehnung an allseits bekannte Chemieraumwand-Lehrtafelwerke kreiert, das, in durchgehendes, melancholisches Purpur getaucht, so wundervolle Elemente zeigt wie „Vo“ („Voodoo / Chance“) „Sc“ („Schneefall“) oder „Su“ („super“).

Die eigentlichen Gedichte, also im Prinzip der Kern des Bandes, sind sehr eigentümlich. Sie nähern sich ihren Unter-(Über)schriften, schaffen Atmosphäre, bereiten vor und bewegen sich rhythmisch und bilderseits in typischer Popp-eigener Verdichtung und Sprungkraft. Äußerst sensibel weben sie ihre Beobachtungen, Assoziationen, nur um im nächsten Moment allerdings in Lehnsprache, Fremdwortbeute oder Treibgut/ Beifang zu geraten. Nie ist man auf der sicheren Seite. Alle Zehnzeiler sind komplex, durchsetzt von Schärfe und absoluter Treffsicherheit, wenn gewollt, aber sind gleichzeitig in jenem Fahrenlassen oder durch die Lange Leine gewillt, Erwartungen aus dem Vorhergegangenen oder den ersten Zeilen wegzuspülen, zu unterwandern (oder auch neu zu beleuchten). Die 118 Elemente bedingen einander. Sie sind der Stoff, aus dem Stoffe sind, in einem Poppschen Sprachuniversum. Es geht um Farben, Ausrufe, Dämonen, Libellen und Graf Zahl, Anglizismen, Hashtags, Colloquialism, Dialekte und Schnee – oft im selben Element. Popp rattert in, häufig sehr hohes Lesetempo erzeugenden, Triolen (wie in der Musik) also assoziativen Dreiklängen/ Sprechakkorden durch die Zeilenlandschaften. Spontane Trouvaillen: „Gegend. Irgend. Was liegt an Eis“, „okay, dies Niesen, schätz ich, ist Liebe“, „Also und Uzo, Soul, Sozialismus“, „Opus, Fokus, Opossum“, „Oh: Mann, Scheiße, Wunder, Gott“, „[Holz] Traumform von Stein“. Solchen gleichzeitig frech-verspielten oder verträumten Elementen der 118 werden besagte Kommentare herangestellt wie zum Beispiel „oh“, „Wacholder…Hohn“ oder „stur“, die sich teilweise so sehr verselbständigen, dass sie ganze, autarke Gedichtsektionen ergeben. Wie:

„Eigenheim
Penisneid
Wolfenstein“

Insgesamt ist 118 eine Tour de Force. Die gefluteten Seiten, die bei den Elementen „Libelle/ Trapeze“, „Märchen“, „Dämon“ und „Farben/ Eis“ auftauchen, erfreuen das Leserherz, auch wie die Fußnoten und Kommentare, durch den kurzen, aber wirkungsvollen Anmerkungsapparat am Endes des Bandes. Popp hat eine kühne Vision erarbeitet: innovativ, träumerisch und ziemlich komisch bisweilen. Eine absolute Leseempfehlung. 118 wird bleiben – ein Kompendium Poppscher Poiesis, ein Füllhorn der Sprachmagie.

Ausschnitte der 118 Elemente (typografisch weniger anspruchsvolle an dieser Stelle)

„Semantik war tantrisch, zumindest antik                      tantig
Murks fordern, schrieb ich, und Trostbrot.
Die Heiligen fallen aus der Artischocke
wir wohnen im Haus: unserer lieben Frau
oder Silagetank oder Baum. Nieselpriem
Vorwerk, Gazprom: Agenten einer Steinzeit,
die nostalgisch stimmen. Waren wir
stehen geblieben? Falls wir je gingen, und
was war noch mal Gegenstand der Lektion
– Sehschule, Älterwerden, Faschismus?

Semantik“

„Kondensmilch aus Toren, sprich höheres
Sein. Sinn für Gefälle, Strömung machte
dich reich. Das innere Teichauge sprengen
es gegen das äußere wenden, Rauschen
der Zeit später verkosten als Tränen und
in geschmolzenem Zahngold ertrinken.
Starr vor Liquidität – du bestehst auf ihr                       aus
zu wenigstens siebzig Prozent. Inliegendes
Riff, rote Krallen. Spuren von Anomalie
von Elementen, von allem. Mondhörigkeit.

Wasser“

Steffen Popp
118 | Gedichte
Umschlag-Poster, gestaltet von Andreas Töpfer
kookbooks
2017 · 144 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
9783937445847

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